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Gareth Bale : Über dem Tempolimit

Kein Halt: Inters Verteidiger Maicon kam gegen Bale nicht hinterher Bild: AFP

Gareth Bale sprintet wie kein Zweiter in der englischen Premier League. Und weil er zur Zeit auch noch ein Tor nach dem anderen schießt, ist er für Werder Bremen am Mittwoch (20.45 Uhr) in der Champions League ein Mann zum Fürchten.

          Italienische Sportberichte sind gern blumig. Aber die Wortgirlanden, die sie an jenem Novemberabend in London flochten, hätten für ein ganzes Hochzeitsbukett gereicht. „Eine Naturgewalt“, so schwärmte die „Gazzetta dello Sport“ von einem Mann, „mit dem du deine Tochter verheiraten würdest“. Die anatomischen Vorzüge des jungen Helden pries „La Repubblica“: „Er hat Lungen wie ein schottischer Dudelsackbläser.“ Und ein Fernseh-Kommentator wagte die These, dass er es mit Usain Bolt aufnehmen könne, dem schnellsten Mann der Welt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Rede war von einem walisischen Jüngling mit abstehenden Ohren, der, als der Chef ihm kürzlich vier Tage freigab und dazu die Empfehlung, „einfach mal wegzufahren“, zu seiner Mutter fuhr: Gareth Bale. „Ein phantastischer Junge“, schwärmt sein Trainer Harry Redknapp, „pflegeleicht, macht nie Probleme.“ Nur dem Brasilianer Maicon, dem besten Rechtsverteidiger der Welt, machte Bale an jenem Abend vor drei Wochen ein Problem nach dem anderen. Er jagte immer wieder vorbei, schlug glänzende Flanken und bereitete zwei Tore vor beim 3:1-Sieg der Tottenham Hotspurs gegen Inter Mailand, den Titelverteidiger der Champions League.

          „Er hat Maicon gekillt“

          Es war die aufregendste Einzelleistung der Saison auf Europas Fußballbühne. Am Ende sangen die Spurs-Spieler in der Kabine den Hit des Tages, den die Fans während der Partie kreiert hatten: „Taxi für Maicon“. Der Kollege Rafael van der Vaart formulierte es martialisch: „Jeder hat jetzt Angst vor ihm. Er hat Maicon gekillt.“ Das galt zum Glück nicht wörtlich, und so konnte das Opfer sich selbst an der Lobpreisung des Täters beteiligen: „Bale ist ein Phänomen.“ Was nichts Gutes verheißt für Werder Bremen, das sich am Mittwoch (20.45 Uhr/FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) in London gegen Bale & Co. achtbar aus der Affäre ziehen will – an die letzte dünne Chance, die europäische Saison noch irgendwie zu retten, glaubt sowieso keiner mehr ernsthaft.

          Hoch hinaus: Gareth Bale im Kopfballduell gegen Arsenals Bacary Sagna

          Bale kam schon mit 17 Jahren nach Tottenham, stellte dort aber einen unseligen Rekord auf: 24 Spiele ohne Sieg, wenn er dabei war. Erst im September 2009, nach mehr als zwei Jahren, die für Bale geprägt waren von Verletzungen und der Fehlpositionierung als Außenverteidiger, nahm ihm Redknapp die Last des Losers. Er wechselte ihn in der 85. Minute eines Spiels, das nicht mehr zu verlieren war, ein. Seitdem spielt Bale wie befreit – und in dieser Saison wie losgelöst.

          Der „Unverkäufliche“

          Er schoss beide Tore beim 2:1-Sieg in Stoke. Gab alle vier Torvorlagen beim 4:0 in der Champions-League-Qualifikation gegen Bern. Traf gegen Twente. Schaffte in Mailand nach 0:4-Pausenrückstand bei 80-minütiger Unterzahl einen Hattrick zum 3:4. Bot im Rückspiel die Solo-Show gegen Maicon. Und leitete am Samstag mit dem 1:2 die Wende zum historischen 3:2-Derbysieg bei Arsenal ein. Die Presse spekuliert längst über einen Wechsel zu einem von Europas Alpha-Klubs. Doch Redknapp nennt ihn „unverkäuflich“. Und Bale, unter Vertrag bis 2014, beruhigt die Fans: „Wir haben gegen Inter gezeigt, dass wir mit jedem mithalten können. Warum sollte ich weggehen?“

          Bale betrieb als Schüler auch Rugby und Mittelstreckenlauf, zwei Sportarten, in denen er es ebenfalls zur Meisterschaft hätte bringen können, wie die spanische Zeitung „El Mundo“ findet: „Er kombiniert die Statur eines 800-Meter-Läufers wie Steve Ovett mit der Beschleunigung und Direktheit eines Rugbyspielers wie Bryan Habana. Und wenn er zur Torauslinie kommt, schlägt er Flanken wie ein Brasilianer.“ Auch wenn man die Schwärmereien gegen Fakten tauscht, tritt Erstaunliches zutage: eine Tempohärte, die im aktuellen Fußball ohne Beispiel ist.

          Temposünder aus Wales

          Heute wirft nach jedem Fußballspiel der Computer Laufleistungen der einzelnen Spieler aus. Für sich allein sagt das aber meist wenig aus. Jeder halbwegs trainierte Jogger kann in neunzig Minuten zwölf Kilometer laufen. Im Fußball aber kommt es nicht auf Gleichmäßigkeit an, sondern auf die Fähigkeit, möglichst viele Spurts zu einer großen Laufleistung zu addieren. Der Daten-Analytiker von Tottenham lieferte für Bale nach dem 3:1-Sieg gegen Inter Werte, wie er sie „in acht Jahren in diesem Job noch nie gesehen hatte“.

          Demnach lief der Waliser in der Partie 1114 Meter in „hoher Intensität“ (schneller als 21 km/h). In der Premier League legt er im Mittel tausend Meter pro Spiel in diesem Tempo zurück, das sind 120 Meter mehr als der zweitbeste Spieler (Nani von Manchester United) und über dreihundert mehr als der Durchschnitt. Noch viel erstaunlicher: Von diesen 1114 Metern rannte er 719 Meter im „Sprinttempo“ (über 24 km/h), weit mehr als doppelt so viel wie der Ligaschnitt von 324 Metern.Vor dem 3:1 gegen Inter spurtete er 68 Meter mit dem Ball, den er dabei nur viermal berührte. Bale erreichte dabei eine Höchstgeschwindigkeit, die ihm in Wohngebieten einen Strafzettel eingebracht hätte: über Tempo 31. Auch ein Taxi hätte Maicon nicht geholfen.

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