https://www.faz.net/-gtl-159yy

Fußballtalente in Burkina Faso : Entdecken, ernähren, trainieren - verkaufen

Bild: F.A.Z.-Jochen Stahnke

Burkina Faso ist das zweitärmste Land der Erde. In einem Fußballinternat werden den Jungen drei Mahlzeiten am Tag, kostenloser Schulunterricht und ein eigenes Bett geboten. Uneigennützig ist das natürlich nicht. Die globale Jagd nach Talenten hat auch dieses afrikanische Land erreicht.

          Sechzehn Uhr, fast 40 Grad: Adama Ouédraogo sprintet auf die rechte Seite. Ein Pass soll ihn erreichen. Kurz bevor Ouédraogo den Ball annehmen kann, verspringt er auf einem Stein. Zu Hunderten liegen sie auf dem staubigen Sportplatz. Kein Problem für den schmächtigen Rechtsaußen: Ouédraogo kontrolliert den Ball elegant, läuft die Grundlinie hinunter und schlägt eine präzise Flanke in den Strafraum. „Dieser Junge“, sagt sein Trainer, „könnte mal ein ganz Großer werden.“ Ouédraogo ist 15 Jahre alt und so talentiert, dass er trotz der für sein Alter viel zu kleinen und schmächtigen Figur in die Kada School International aufgenommen wurde, Burkina Fasos neues Elite-Fußballinternat. „Adama wurde als Kind schlecht ernährt“, sagt Trainer Ousmane Savadogo, „so etwas lässt sich eigentlich nicht mehr aufholen.“

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Wer es in die Kada School in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou geschafft hat, der ist erst einmal der Armut entflohen. Die Fußballschule ist fast luxuriös, jedenfalls für westafrikanische Verhältnisse: Geboten werden jedem der 21 Jungen fließend Wasser, drei Mahlzeiten am Tag, kostenloser Schulunterricht und ein eigenes Bett. Schulgebäude und Kantine sind zwar nicht viel mehr als auf Pfählen befestigte Wellblechdächer. Dafür aber gibt es hier gemauerte Schlafräume, ein paar Badewannen - und eine steinerne Mauer: Ausgang haben die Nachwuchstalente nur vier Stunden pro Woche. Jeweils vier Jungen teilen sich ein kleines Zimmer mit Etagenbetten und einem schmalen Regal an der Wand. Ihre Helden kleben an der blau getünchten nackten Steinwand: Bei allen ist es Didier Drogba aus dem südlichen Nachbarland Elfenbeinküste und meist auch Michael Essien, der Mittelfeldstar aus Ghana, das auch an Burkina Faso grenzt. Die beiden haben Karriere in Europa gemacht, sie spielen beim FC Chelsea.

          „Viele waren barfuß beim ersten Training im Oktober 2008“

          Die Kada School wurde im vergangenen Sommer von Jonathan Pitroipa und Wilfried Sanou gegründet, die in der Bundesliga für den Hamburger SV und den 1. FC Köln spielen. In insgesamt neun Städten Burkina Fasos ließen Kadas Talentspäher vorspielen. Auf Zeitungsannoncen und Flugblätter bewarben sich mehr als 1000 Jungen. Ihre Familien verdienen selten mehr als 300 Euro im Jahr. An der Endauswahl war Jonathan Pitroipa schließlich selbst beteiligt. Sie kamen aus der ganzen Region, meist zu Fuß.

          „Viele waren barfuß“, erinnert sich Trainer Ousmane Savadogo - so seien die Auserwählten dann auch zum ersten Training im Oktober 2008 erschienen, obwohl jeder Junge seine eigenen Schuhe mitbringen sollte. Ein deutscher Sportartikelhersteller spendierte schließlich 30 Paar Fußballschuhe und Ausrüstung. Für viele der größten Talente Burkina Fasos ist es das erste Mal überhaupt, dass sie festes Schuhwerk an den Füßen tragen. In Burkina Faso, dem zweitärmsten Land der Erde, ist Fußball Nationalsport, nicht erst seit Austragung der Afrika-Meisterschaft 1998, die hier in drei Stadien ausgespielt wurde. Damals erreichte Burkina Faso einen sensationellen vierten Platz.

          Die Pitroipas sind eine alteingesessene Händlerfamilie

          Verwaltet wird das Internat von Mutter Sanou und Vater Pitroipa. Miki Jean-Baptiste Pitroipa fährt in einem alten E-Klasse-Mercedes vor - eines der ganz wenigen Autos in einem Viertel, das sonst vor Mopeds summt wie ein wildgewordener Bienenschwarm. Pitroipa senior ist 63 Jahre alt und ein freundlicher, kleiner Mann, ebenso schmächtig wie sein Sohn. Um den Hals baumeln die Kopfhörer seines iPods. Endlich habe man eine professionelle Fußballschule geschaffen, die Jonathan als Kind nie hatte. „Jonathan hat doch auf nackten Füßen gespielt“, sagt Miki Pitroipa.

          Die Pitroipas sind eine alteingesessene Händlerfamilie in Ouagadougou, wo Jonathan in jungen Jahren auf den staubigen Sandwegen spielte. Schnell bemerkten ihn die Polizisten des Viertels und holten das Talent in ihre Betriebsmannschaft. Bald wechselte Jonathan zu Planète Champion, aus der nahezu alle aktuellen Nationalspieler Burkina Fasos stammen. Pitroipa und Sanou wurden dort Freunde. Vor zwei Jahren ist Planète Champion, das Projekt eines französischen Geschäftsmannes, pleitegegangen. Weil der Klub kaum vom Weiterverkauf der Profis profitieren konnte, sagt man hier.

          „Mittelfristig soll die Kada School natürlich Geld abwerfen“

          Weitere Themen

          Hurra und Randale Video-Seite öffnen

          „Copa Libertadores“ in Madrid : Hurra und Randale

          River Plate Buenos Aires hat zum vierten Mal die Copa Libertadores gewonnen. Das Final-Rückspiel gegen Boca Juniors wurde im spanischen Madrid ausgetragen.

          Finale auf neutralem Rasen Video-Seite öffnen

          Copa Libertadores : Finale auf neutralem Rasen

          Das Spiel zwischen den argentinischen Klubs River Plate und Boca Juniors um die Krone des südamerikanischen Vereinsfußballs war wegen zahlreichen Krawallen nach Madrid verlegt worden.

          Topmeldungen

          Macron und die Gelbwesten : Der ratlose Präsident

          Mit einer Rede im Fernsehen will Emmanuel Macron die „Gelbwesten“ besänftigen und mit „starken Maßnahmen auf die augenblickliche Wut antworten“. Die Hektik, mit der er vorgeht, zeigt, wie verunsichert er ist.

          Nach EuGH-Entscheidung : EU schließt Brexit-Nachverhandlung aus

          Die EU-Kommission macht abermals klar, dass sich ihre Position hinsichtlich des Trennungsvertrags nicht geändert habe. Der Gerichtshof der Europäischen Union hatte vorher den Gegnern des Brexit Hoffnung gemacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.