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Fußballstar in Lappland: Daniel Bauer : Jeder Tag ein Abenteuer

  • -Aktualisiert am

„Daniel Bauer ist unser Beckenbauer”, singen die Fans Bild: veikkausliiga.fi

Statt Geld gibt es bei Rovaniemen Palloseura Saunagänge als Prämie - doch Daniel Bauer hat sich im hohen Norden Finnlands einen Namen als einer der besten Fußballprofis gemacht. Im Land des Gegners der deutschen Nationalmannschaft ist der in Deutschland nahezu unbekannte Spieler ein Star.

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          Sonntagabend, am Polarkreis. 1300 Fans sind zur Heimpartie von Rovaniemen Palloseura gegen Jaro FF gekommen. Erstligafußball in Finnland. Das Spiel läuft nicht gut für RoPS, wie die Fans ihren Klub nennen. Eine 1:0-Führung mündet binnen weniger Minuten in einer 1:3-Niederlage. „Ach, die Afrikaner“, stöhnt Daniel Bauer und schüttelt auf der Tribüne den Kopf, „tolle Fußballer, aber keine Taktiker.“

          Mit sieben Spielern aus Sambia und Nigeria ist der finnische Erstligist heute wieder angetreten, dazu ein Profi aus Estland und drei Finnen - ein Hauch von Nationenmix à la Energie Cottbus in Lappland. Der Deutsche Daniel Bauer fehlt, er ist verletzt. In dem kleinen, aber feinen blau-weißen Fanblock wird er trotzdem gefeiert: „Daniel Bauer ist unser Beckenbauer!“, singen sie. Er winkt verlegen. „Die Wertschätzung hier ist so groß, wie ich es noch nie erlebt habe“, sagt der Fünfundzwanzigjährige.

          Ohne Bauer wird es für RoPS eng im Abstiegskampf

          Seit mehr als drei Wochen fehlt er seinem Team, und seitdem hat der zuvor stark auftretende Aufsteiger nur noch verloren. „Wir brauchen Daniel, er ist mein taktisch am besten ausgebildeter Spieler“, sagt der russische Trainer Valeri Bondarenko.

          Mika Nurmela (l.) im Dezember 2003 als Profi des 1.FC Kaiserslautern - heute ist der Finne Teilzeitprofi und Mittelfeldpartner von Bauer in Rovaniemi

          Ohne Bauer wird es noch einmal eng im Kampf gegen den Abstieg für den nördlichsten finnischen Profiklub, dessen größter Erfolg 1987 die Teilnahme am Uefa-Pokal war. In Deutschland kennt Bauer, der für Eintracht Trier und Union Berlin in Liga zwei und drei gespielt hat, kaum einer - im Nordland ist er eine feste Größe. „Er wäre eine Verstärkung für jedes Team in unserer Veikkausliiga“, sagt Mika Nurmela, sein Partner im Mittelfeld: „Wir sind das beste Duo der Liga.“ Diese Ansicht teilen viele Experten.

          „Fast jeder Tag ist ein Abenteuer“

          Am morgigen Mittwoch trifft die deutsche Nationalmannschaft in Helsinki auf Finnland. Es geht um die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010. Nurmela wird nicht mehr auf dem Feld stehen. Der ehemalige Nationalspieler und einstige Bundesligaprofi in Kaiserslautern arbeitet heute als Fernseh-Kommentator. Parallel lässt er mit 36 Jahren seine Karriere beim Aufsteiger ausklingen.

          Nur einmal pro Woche kommt er zum Training, ansonsten hält er sich an seinem Wohnort Oulu fit, der vier Autostunden entfernt liegt. Nicht die einzige Kuriosität beim Fußball im Land der Samen. „Fast jeder Tag ist ein Abenteuer“, sagt Bauer: „Vor allem, wenn man deutschen Standard gewöhnt ist.“ Nur einen Trainingsanzug hat ihm der Klub gestellt, und den muss er selbst waschen.

          Das Flutlicht muss noch zusammen gesetzt werden

          Zuletzt ist ihm der Humor aber vergangen: Zehn Tage dauerte es, bis seine Verletzung diagnostiziert werden konnte. So lange benötigte der Klub, der keinen Vereinsarzt beschäftigt, bis er einen Kernspinautomaten auftreiben konnte, der dann vorbeigebracht wurde. Das Schulterblatt ist gebrochen, die Saison ist für Bauer wohl gelaufen.

          Denn im Oktober rollt in Finnland schon der Ball nicht mehr. „Als ich im Februar ankam, türmte sich der Schnee meterhoch, und es hatte minus zwanzig Grad.“ Trainiert wurde in einer großen Halle auf einem Schotterplatz. Erst in diesen Tagen wurde Kunstrasen verlegt. „Es tut sich was in Rovaniemi“, sagt Daniel Bauer und blickt auf das Flutlicht, das noch in Einzelteilen neben der alten Holztribüne im kleinen Stadion liegt. Alles hat den Charme eines Dorfplatzes. In zwei Kabinen gibt es nur jeweils zwei Duschen - und nur aus einer kommt warmes Wasser.

          Der Liga-eins-Status ist Bauer viel wert

          Rovaniemi hat 30.000 Einwohner, drum herum leben nur sieben Menschen auf jedem Quadratkilometer. Erste Liga, und doch Provinzmief. Aber Bauer ist zufrieden. „Ich habe hier meiner Karriere einen neuen Kick gegeben. Und ich habe den Liga-eins-Status - und der ist mir sehr viel wert.“ Den Verein führt Sportdirektor Juki Kiistala seit zwanzig Jahren von seinem Privathaus aus, Teammanager Jorma Turpeeniuiemi ist Rektor, arbeitet ehrenamtlich für RoPS - und lädt Spieler zu Besprechungen gern in die örtliche Grundschule.

          Als Bauer in Deutschland kein adäquates Angebot mehr bekam, rief sein Berater einen Kollegen in Finnland an. Hier spielt Bauer für 2000 Euro netto im Monat, Kost und Logis sind frei. Der Klub hat ein eigenes Appartementhaus, in dem alle ausländischen Spieler wohnen. RoPS hat mit 650.000 Euro das kleinste Budget der Liga. Für Siege gibt es keine Extraprämien; der Manager spendiert Saunagänge.

          Nummer acht unter den 70 Ausländern in Finnland

          „Hier ist alles viel persönlicher als in Deutschland, auch direkter und ehrlicher“, sagt Bauer. Eine Sportzeitschrift hat ihn auf Platz acht aller Ausländer, rund 70 sind es, in der Liga eingestuft. Größere Klubs aus Finnland haben schon angeklopft. „Die Veikkausliiga wird intensiv gescouted, vielleicht geht auch was in Schweden, Norwegen oder sogar England“, hofft Bauer: „Das könnte ein Sprungbrett sein.“

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