https://www.faz.net/-gtl-xwrr

Fußballmärchen in Gefahr : Die Akquise der Herzen in Hoffenheim

Torsten Hartl, genannt Torro, in der Rolle seines Lebens: der Fußballfan als hochkomplexes Wesen Bild:

Der Film „Das Leben ist kein Heimspiel“ zeigt, dass nicht die wechselnden Stars, sondern das neue Stadion und die Tankstellenpächterin Ingrid Kunkel die wahren Helden des Kraichgauer Fußball-Romans sind. Dessen erstes Kapitel ist nun abgeschlossen. Fortsetzung fraglich.

          Die nicht eben unpeinlichen Umstände, die am Jahresbeginn zum Abgang von Trainer Ralf Rangnick führten, haben aus der TSG 1899 Hoffenheim, dem Fußball-Labor in der Landidylle, einen fast schon ganz normalen Bundesliga-Verein gemacht. Die heroische Gründungsphase der Profiabteilung im Kraichgau-Dorf ist jedenfalls abgeschlossen.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dietmar Hopp, als heimatfester Software-Milliardär der mäzenatische Ermöglicher der Hoffenheimer Hausse, hat sich und den Seinen nun eine neue Bescheidenheit verordnet und den wirklich Großen der Branche, zumal dem FC Bayern, artig Reverenz erwiesen. Ein Verrat an den Ursprüngen ist das nicht. Hopp wies auch in den Zeiten der permanenten Aufstiegs- und Aufbaueuphorie immer wieder darauf hin, dass die Epoche des Füllhorns nicht ewig währe.

          Die Infrastruktur steht. Das Trainingszentrum und die Geschäftsstelle, die auf der grünen Wiese des Dörfchens Zuzenhausen entstanden, müssen keine Vergleiche scheuen. Das Internat für prospektive Elitekicker ist längst eröffnet, die keineswegs nur fußballerische Förderung von Jugendlichen aus der ganzen Region inzwischen professionelle Routine, selbst einen Kindergarten mit „Ballschule“ hat man gebaut. Und das Rhein-Neckar-Stadion in Sinsheim, das im Januar 2009 eröffnet wurde, setzte mit seinen dreißigtausend Zuschauerplätzen von vornherein auf ein tempelfernes, mittleres Maß.

          Blick ins Herz der Hoffenheimer Landidylle

          Das Hoffenheimer Modell ist in Gefahr

          Wenn Hopp jetzt also „schwarze Zahlen“ zum erstrebenswerten Vereinsziel erhebt, erweist er sich als bodenständiger Sportunternehmer, der sich, ein durchaus ehrenwertes Unterfangen, am Ende als Mäzen überflüssig machen möchte. Gleichwohl droht dem Hoffenheimer Modell Gefahr. Bewusst wurden in der Gründungsphase hohe, ja höchste Erwartungen geweckt. Wenn man jetzt die sportlichen Ambitionen limitiert und sich künftig mit der Rolle des „Ausbildungsvereins“ zufriedengeben will, verschafft man gerade den Profis ein glänzendes Alibi für mangelnde Motivation. Und man signalisiert den Anhängern und Fans, dass die Blütenträume vom Fußballhimmel erst einmal ausgeträumt sind. Wer aber will auf Dauer Spiele sehen, bei denen es nur darum geht, das mittlere und untere Mittelfeld, also die langweiligste Zone der Bundesliga, zu sichern und zu wahren?

          Der Film „Das Leben ist kein Heimspiel“, der gerade in den Kinos läuft, hat durch die jüngsten Hoffenheimer Ereignisse ganz unvermutet die Chance erhalten, als Dokument einer nun bereits vergangenen Ära zu glänzen. Vor vier Jahren hatten sich die Autoren Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech aufgemacht, um den Kraichgauer Aufstieg ins Profigeschäft mit Kamera und Mikrofon festzuhalten. Ihre Dokumentation setzt gegen Ende des Jahres 2006 ein und endet gut zwei Jahre später mit der Einweihung des neuen Stadions. Dazwischen liegen zwei Hoffenheimer Aufstiege und die Herbstmeisterschaft in der Ersten Bundesliga im Dezember 2008.

          Auftritt für Torsten Hartl, den alle Torro nennen

          Die Erfolgsgeschichte des Neulings mit bald vielen Neidern wird auf vier Ebenen erzählt. Auf der ersten agiert Jochen A. Rotthaus, der kaufmännische Geschäftsführer des Vereins. Er hat den Filmemachern die Türen gerade so weit geöffnet, dass sie uns Zuschauer nun glauben machen können, wir seien zumindest post festum beim Entstehen eines Fußballmärchens zugegen. Vor der Kamera unterzeichnet der Stürmer Vedad Ibišević Seite für Seite seinen ersten Profivertrag mit Hoffenheim, Rotthaus trifft sich mit den Architekten des Stadions oder lässt sich zur Unterzeichnung eines Sponsorenvertrags nach Frankfurt am Main fahren. Dazwischen tingelt er von Dorf zu Dorf, um „die Herzen der Leute zu akquirieren“, also den Dauerkartenverkauf allmählich auf Trab zu bringen. Der nicht immer glückhaften rhetorischen Umtriebigkeit des Managers verdankt der Film schließlich auch den ansatzweise fußballphilosophischen Titel.

          Als Komplementär- und Kontrastfigur zu Rotthaus fungiert Torsten Hartl, den alle „Torro“ nennen. Hartl, Mechaniker von Beruf, ist Vorsitzender des Hoffenheimer Fanclubs „Zwinger“ und weist nicht ohne eigenen Gründerstolz mehrfach darauf hin, dass er und die Seinen die Allerersten waren, die den Verein organisiert unterstützten.

          Das allmählich entstehende Porträt des Torro Hartl ist das Beste an diesem Film, denn es zeigt einen ganz normalen, ganz durchschnittlichen Fußballfan als hochkomplexes Wesen. Natürlich steht Hartl dem um sich greifenden Kommerz mit Skepsis und Abneigung gegenüber. Aber als er mit Rotthaus erstmals ins neue Stadion darf, weicht alle Kommerzkritik ganz reiner und ganz inniger Freude - „der Wahnsinn!“ sagt er und verstummt dann staunend. Hartl ist ständig bestrebt, keinerlei Aufhebens von sich zu machen, die Bilder aber zeigen sehr diskret und genau, was er nie und nimmer sagen würde: Er und seinesgleichen verstehen sich nicht ohne innere Selbstüberhebung als die eigentliche Seele des Spiels.

          Was wird aus dem Hoffnungszeichen?

          Ein hübsches Seitenstück zu Torro Hartl bietet Ingrid Kunkel, die Hoffenheimer Tankstellenpächterin. Bis die TSG in die zweite Bundesliga aufstieg, war Fußball für sie ein Fremdwort. Nun aber wird sie von der dörflichen Begeisterung mitgerissen und profitiert auch geschäftlich von ihr - wie selbstverständlich wechselt sie den 500-Euro-Schein, mit dem einer der Stars der Mannschaft seine Schokolade und seine Cola bezahlt. Gegen Ende des Films macht Ingrid Kunkel mit einer Freundin einen Waldspaziergang - inzwischen ist sie zur kundigen Expertin des Vereins und seiner Protagonisten geworden und lässt mit der Freundin auch uns an ihrem volkstümlichen Insiderwissen teilhaben.

          Die vierte Ebene des Films präsentiert inmitten idyllischer Landschaft den wahren Helden: das neue Stadion. Sein Entstehen wird in allen Phasen festgehalten: Hier, kein Zweifel, wächst auch ein Hoffnungszeichen empor. Ob es als Hoffnungszeichen dem Paradigmenwechsel des Dietmar Hopp und der TSG 1899 Hoffenheim wird standhalten können, mag sich weisen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Champions League im Liveticker : Lokomotive zieht nicht, Perisic spielt

          Bayern München startet gegen Roter Stern Belgrad in die Champions League. Bayer Leverkusen beginnt ebenfalls mit einem Heimspiel. Moskau lockt allerdings nicht genug Zuschauer ins Stadion. Lokomotive zieht selbst mit Weltmeister Höwedes allerdings nur wenige Zuschauer. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.