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Fußballkultur : Spielzüge werden zu Sternenbildern

Trainer ratlos: Der Computer beschreibt das Spiel Bild:

Das kunstlose WM-Finale als Installation bei der Documenta 12: Mit seiner Video-Installation „Deep Play" widmet sich Harun Farocki einem Spiel, das man sich eigentlich kein zweites Mal anschauen würde.

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          Mit seiner Video-Installation „Deep Play“ widmet sich Harun Farocki dem Fußball-WM-Finale 2006, einem Spiel, das eigentlich nicht unbedingt zu der Sorte gehört, die man sich freiwillig ein zweites Mal anschauen würde. Fußballgeschichte schrieb bekanntlich allein die unrühmliche Szene in der 110. Minute, als Zinedine Zidane wutentbrannt sein kahles Haupt gegen den Brustkorb des Italieners Marco Materazzi rammte. Ansonsten blieb die inklusive Verlängerung und Elfmeterschießen mehr als zweistündige Partie allenfalls als Fußnote zum deutschen Sommermärchen im Gedächtnis. Der Sieg der Italiener gegen die Franzosen blieb glanzlos.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Um Glanz geht es dem 1944 geborenen Künstler allerdings auch gar nicht. Schließlich hat er sich schon anderthalb Jahre im Vorhinein auf das Weltmeisterschaftsfinale als Thema seiner Installation festlegen müssen. Abgesehen davon vermittelt sein Werk bei der Documenta 12 in Kassel ohnehin nicht unmittelbar das Gefühl, dieses Endspiel überhaupt schon einmal gesehen zu haben.

          Abwehrketten als abstrakte Linienbündel

          Auf zwölf Flachbildschirmen im Wohnzimmerformat präsentiert Farocki im Erdgeschoss des Museums Fridericianum das Finale - oder genauer: zwölf verschiedene Versionen davon. Farocki seziert die taktischen Manöver, analysiert die Spielzüge und verfremdet beide durch eine streng dokumentarische, teilweise computeranimierte dreidimensionale Darstellung. Abwehrketten und Sturmformationen mutieren zu abstrakten Linienbündeln, Spielzüge zu Sternenbildern.

          Dabei greift Farocki nur auf vorhandenes Bildmaterial zurück, das vor allem von Wissenschaftlern der Technischen Universität München und der Universität Mainz sowie einer Firma produziert worden ist. Die gängige Statistikdosis der Fernsehsender hierzulande - der Spielanteil der jeweiligen Mannschaften in Prozentpunkten sowie die Zahl der Eckbälle - wirkt demgegenüber geradezu homöopathisch.

          Vektoren zeigen das Drehmoment der Spieler

          Auf Bildschirm Nummer fünf etwa erscheint das Finale als Balkendiagramm. Hier flimmern vor dem Hintergrund der gesendeten Fernsehbilder 22 orange und blaue Rechtecke am unteren Bildschirmrand, die sprunghaft wachsen und schrumpfen. Sie zeigen an, wie schnell jeder einzelne Spieler gerade auf dem Rasen unterwegs ist. Zusätzlich werden zeitweilig noch Vektoren eingeblendet, die das Drehmoment der Spieler beschreiben - Erinnerungen an den Physikunterricht werden wach.

          Die Trainingsmethoden der Zukunft? Farocki könnte sich immerhin gut vorstellen, dass wenigstens die Fußballberichterstattung sich in diese Richtung entwickeln könnte. Überhaupt habe das deutsche Fernsehen hier gegenüber den englischen Kollegen bisher noch Nachholbedarf. Als Empfehlung möchte er seine Installation gleichwohl nicht verstanden wissen.

          Videokunst ersetzt die fehlende Spielkunst

          Auf einem anderen Bildschirm oszilliert derweil eine weiße Linie wie ein Kardiogramm. Sie zeigt nicht den Herzschlag der Kicker, sondern die Bewegung des Spielers im Hintergrund an. Rennt er los, steigt die Linie an, bleibt er stehen, fällt sie ab. Von nebenan tönt eine emotionslose Computerstimme.

          „Selbsttätige Übersetzung des Spielverlaufs in Wort-Sprache“, heißt es dazu in der Erläuterung etwas technokratisch. Erst beim längeren Hinsehen und Zuhören wird klar, worum es sich eigentlich handelt. Ein Computer übersetzt die Spielzüge in eine fortlaufende schriftliche Kommentierung auf dem Bildschirm - verblüffend authentisch. Ein Lob der Technik oder vielmehr ein Armutszeugnis für die Fernsehkommentierung?

          Der „systematische Zwang“ überdeckt die Gestaltungsfreiheit

          Bildschirm Nummer zwölf dokumentiert schließlich ein Finale, das wahrscheinlich noch monotoner als das Spiel selbst war: Eine Außenkamera zeigt drei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes in orangefarbenen Leuchtwesten, die in einer Tunnelkreuzung unter dem Olympiastadion Berlin Wache schieben. Auch das ein Finale, „Deep Play“.

          Anfragen vom Deutschen Fußball-Bund oder von Bundesligaklubs für eine computergestützte Taktik-Lektion auf dem Documenta-Gelände liegen Farocki noch nicht vor. Sein Fazit aus der eingehenden Beschäftigung mit dem Finale steht jedoch fest: Der „systematische Zwang“ überdeckt die Gestaltungsfreiheit des einzelnen Spielers, wenigstens in dieser Partie. Die Gestaltungsfreiheit des Künstlers beeinträchtigte der systematische Zwang der Begegnung offenkundig nicht: Videokunst ersetzt die fehlende Spielkunst. Schade, dass Klinsmanns Elf nicht ins Finale gekommen ist.

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