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Fußballfans : Sie können sich ihre Wappen selber basteln

  • -Aktualisiert am

Früh übt sich, was ein Ultra werden möchte Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Von der Freiheit der Kurve: Die „Ultra“-Bewegung hat die Atmosphäre in den hiesigen Fußballstadien revolutioniert. Vor der WM wird die Fanszene nun zur Drohkulisse gemacht.

          Noch in den späten achtziger Jahren kam niemand auf die Idee, Fußball als Teil der Popkultur zu betrachten. Damals traf man in einer ganz normalen Fankurve, die selten ausverkauft war, auf eine Monokultur von Röhrenjeansträgern mit Schnäuzer und Vokuhila.

          Der Durchschnittsfan trug einen meterlangen Häkelschal in den Vereinsfarben und mindestens einen Aufnäher auf der Jeansjacke. Über weite Strecken beherrschte ein von heiseren Schreien durchbrochenes Gemurmel das Klangbild, aus dem sich nur manchmal Gesänge herausschälten, in denen man den Gästefans meistens zu Rod-Stewart-Melodien unterstellte, unter Brücken oder in der Bahnhofsmission zu schlafen - und das war noch eine der diplomatischeren Botschaften.

          Man muß sich an diesen rauhen Urzustand erinnern, wenn im Vorfeld der WM nun jeder Theaterintendant seit Jahrzehnten eingefleischter Fußballfan gewesen sein will. Vor fünfzehn Jahren gab es noch keine Intellektuellenmagazine für Fußballkultur, sondern nur maschinengetippte und handkopierte Fanzines, die in den Halbzeitpausen verteilt wurden und die Vorfreude auf die berüchtigte „Dritte Halbzeit“ anheizten. Daß sich Fußball zum hippen Gesamtkunstwerk entwickelt hat, das alle Gesellschaftsbereiche durchstrahlt, ist keineswegs nur den üblichen Verdächtigen wie Franz Beckenbauer, Nick Hornby oder dem Sender Premiere zu verdanken.

          Stimmung auf Schalke

          Revolution in den Stadien

          Wesentlichen Anteil an der Wiederbelebung des lange Zeit als Proletensport verpönten Fußballs hatte die „Ultra“-Bewegung, die in den neunziger Jahren von Südeuropa nach Deutschland schwappte und die Atmosphäre in hiesigen Stadien revolutionierte. Die tribünenfüllenden Choreographien, die vor jeder Live-Übertragung als Stimmungsmacher eingeblendet werden und beim Stadionbesuch vor dem Anpfiff für unvergleichliche Gänsehaut sorgen, gäbe es ohne die „Ultras“ nicht.

          Daß nun Sicherheitsexperten und zweifelhafte Fansoziologen mit Begriffen wie „Hooltras“ das Bild einer diffusen Bedrohung aus den Fanblöcken zeichnen und daß Reporter in jedem Bengalfeuer ein Vorzeichen des Bürgerkriegs ausmachen, während gleichzeitig der DFB mit dem offiziellen „Fan Club Nationalelf“ den lächerlichen Versuch unternimmt, in der Retorte eine keimfreie Fankultur heranzuzüchten - dieser kritische Punkt in der jungen Geschichte der deutschen Ultras sollte Anlaß geben, ihren Standort zu bestimmen.

          Tradition und Avantgarde

          Wie bei vielen Jugendkulturen führt auch der Weg zu den Ultras über eine Negation. So verkörpert die urige Fankneipe „Auf Schalke“ an der Kurt-Schumacher-Straße 119 in Gelsenkirchen - ein holzvertäfeltes Museum für Fanschals und Trikots - all das, was die Ultras nicht sein wollen. Hier sitzt der „Schalker Fanclub Verband“, der fast zwölfhundert Schalke-Fanclubs mit rund fünfundzwanzigtausend Mitgliedern zusammenfaßt. Im Gegensatz dazu haben sich die Ultras immer als Avantgarde verstanden: In Gelsenkirchen zählen sie rund achthundert Mitglieder.

          In der Südtribüne der alten Glückauf-Kampfbahn, ebenfalls an der Kurt-Schumacher-Straße, sitzt das „Schalker Fanprojekt“. Der selbständige Designer Jan Klaffke und der Jurastudent Thomas Kirschner, beide fünfundzwanzig Jahre alt, sind die Vorsitzenden der „Ultras Gelsenkirchen“ und waren schon in den späten Neunzigern dabei, als in der Schalker Kurve die ersten Choreographien auftauchten. Nach Deutschland übergesprungen war der Funke in Leverkusen, wo die „Madboyz“ schon 1994 beim Uefa-Cup-Spiel gegen den FC Parma mit Pyrotechnik und Großschwenkfahnen experimentierten und das damals unscheinbare Ulrich-Haberland-Stadion in einen Hexenkessel verwandelten.

          Das Ende der Kuttenkultur

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