https://www.faz.net/-gtl-85h90

Pierre Littbarski im Gespräch : „Aus einem Weltmeisterbonus kann schnell ein Malus werden“

  • -Aktualisiert am

Pierre Littbarski bei der Jubiläumsfeier des WM-Siegs von 1990: Weltmeister im Fußball, aber nicht zwangsläufig Weltmeister im Leben Bild: dpa

Pierre Littbarski im Gespräch über die Folgen des Triumphs von Rom, das Gesetz von Teamchef Beckenbauer und die Einsicht, dass Weltmeister im Fußball nicht zwangsläufig Weltmeister im Leben sind.

          5 Min.

          Sie haben am 8. Juli 1990 mit dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft durch einen 1:0-Endspielsieg über Argentinien an einem großen Kapitel der glorreichen deutschen Fußballgeschichte mitgeschrieben. Wofür standen die damaligen Weltmeister von Rom im Vergleich zu den deutschen Titelgewinnern von 1954, 1974 oder 2014?

          Ich sehe uns als eine Mischung aus den 54er und 74er Weltmeistern. Wir hatten qualitativ ähnlich viele gute Spieler wie unsere Vorgänger 1974 und haben dem Erfolg wie die Weltmeister von Bern 1954 alles untergeordnet. Unser Ego war trotzdem stark genug, um uns in den Spielen durchsetzen zu können und unserer Favoritenrolle gerecht zu werden. Bei der WM 1990 sind analog zu 1954 aus kollegialen Beziehungen eine Reihe von Freundschaften gewachsen – auch ein Grund für unseren gemeinsamen Erfolg und mit ein Grund, warum wir unsere Wiedersehensfeiern wie in diesen Tagen in Kaltern, wo unser Italien-Abenteuer 1990 mit einem Trainingslager begann, so genießen. Die Weltmeister von 1974 hatten auf dem Weg zum Triumph auch einige Probleme wie nach der 0:1-Niederlage gegen die DDR zu überwinden, ehe sie ihre Titelgeschichte schreiben konnten.

          Und die Weltmeister von 2014?

          Sie haben spielerisch ähnlich wie wir 1990 überzeugt, imponierten mir aber am meisten nach dem 7:1-Triumph über Brasilien. Wie einfühlsam sie danach über ihren schwer geschlagenen Gegner sprachen, das war für mich ein menschliches Highlight. Da haben sich die Jungs in mein Herz gespielt. Das sind die Momente, die bei mir am stärksten hängengeblieben sind.

          Fußball-Weltmeister von 1990: Pierre Littbarski
          Fußball-Weltmeister von 1990: Pierre Littbarski : Bild: dapd

          Prägend waren 1990 jenseits der großen Fußball-Weltbühne auch die Bilder von der deutschen Einheit, die ein Jahr nach dem Mauerfall am 3. Oktober vollzogen wurde. Hatten Sie während des Turniers in Italien manchmal das Gefühl, dass diese damals noch rein westdeutsche Mannschaft auch so etwas wie ein Weltmeister der Wiedervereinigung werden könnte?

          Um ehrlich zu antworten: Beim Turnier hat das für uns überhaupt keine Rolle gespielt. Wir waren ganz und gar auf den sportlichen Erfolg konzentriert. Natürlich wussten wir, dass wir schon während der WM von vielen ostdeutschen Anhängern auch vor Ort unterstützt wurden. Ich als Berliner war ja mit der deutschen Teilung und der Teilung einer ganzen Stadt ganz besonders vertraut, zumal ich Verwandte in Ost-Berlin hatte. Dass unser Erfolg in Rom auch ein leuchtendes gesamtdeutsches Zeichen setzte, haben wir erst zwei, drei Monate später so richtig gemerkt. Wir haben dort für alle Deutschen den Titel erobert. Als Berliner durchs Brandenburger Tor zu gehen, über die Straße des 17. Juni zu wandern und Unter den Linden rauszukommen, das war seinerzeit auch für mich eine unglaublich faszinierende Erfahrung.

          Sie galten neben Thomas Häßler, dem anderen Berliner vom 1. FC Köln, als Spaßvogel der Weltmeister von 1990. Wie wichtig war dieser Gute-Laune-Part abseits der Stadien und Trainingsplätze für das Innenleben der Mannschaft?

          Geplant war da nichts, denn der Teamchef hat uns ja nicht deswegen mitgenommen nach Italien. Wir hatten damals noch ein paar Grauzonen, in denen wir aus uns herausgehen konnten. Es ist dann auch Glückssache, wenn man Akzente setzen kann, die wie ein heiterer Gegenpol wirken zur oft angespannten Stimmung vor den Spielen. Heutzutage, wo vieles schriller anmutet als bei uns damals, macht das Thomas Müller mit seiner Schlagfertigkeit und seinem Humor ganz hervorragend.

          Torjubel: (v.l.n.r.)  Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Stefan Reuter und Pierre Littbarski.
          Torjubel: (v.l.n.r.) Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Stefan Reuter und Pierre Littbarski. : Bild: WITTERS

          Sie kamen wie Müller heute als Typ an, der Situationen oft genug auflockern und entkrampfen konnte.

          Mag sein. In Japan, dem Land, in dem ich nach meiner Karriere in Deutschland lange gelebt, gespielt und als Trainer gearbeitet habe, bin ich oft nach der besonderen deutsche Fußball-Qualität bei den großen Turnieren gefragt worden. Und ich habe dann so geantwortet: Natürlich brauchst du Spitzenqualitäten im Spiel, aber die für den Erfolg einer Mannschaft bei einer WM entscheidende Zeit ist zwischen den Spielen. Wir haben diese Zeit atmosphärisch gut genutzt.

          Über allen Spielern aber thronte der Kaiser, Franz Beckenbauer. Wie haben Sie ihn 1990 wahrgenommen, nachdem Sie ihn auch 1986 bei der WM in Mexiko als oft grantelnden oder wütenden Teamchef erlebten?

          Weitere Themen

          Das Drama um Christian Eriksen Video-Seite öffnen

          Herzdruckmassage auf dem Platz : Das Drama um Christian Eriksen

          Bei der Begegnung zwischen Dänemark und Finnland war der 29-jährige Christian Eriksen kurz vor Ende der ersten Halbzeit kollabiert. Fans und Spieler zeigten sich fassungslos. Die gute Nachricht: Der Zustand des dänischen Nationalspielers hat sich stabilisiert.

          Topmeldungen

          Vor dem NATO-Gipfel am Montag landet die Air Force One am Sonntagabend mit US-Präsident Joe Biden an Bord auf dem Militärflughafen in Melsbroek.

          NATO-Gipfel in Brüssel : Schlussstrich unter die Ära Trump

          Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der NATO an diesem Montag in Brüssel treffen, wollen sie das Ende der Ära Trump besiegeln. Und neue Energie in die transatlantischen Beziehungen bringen.
          Fränzi Kühne, 1983 in Berlin-Pankow geboren, wurde 2017 als damals jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands in ein börsennotiertes Unternehmen gewählt.

          Freenet-Aufsichtsrätin : Sind Sie jungen Männern ein Vorbild?

          Fränzi Kühne, Aufsichtsrätin bei Freenet, hat in ihrem Buch viele der Fragen, die ihr in Interviews gerne gestellt werden, anderen Aufsichtsräten gestellt: Männern. Die allerdings fanden diese Fragen oft völlig absurd. Ein Gespräch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.