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Fan-Wut in England : Haben die Fußball-Investoren den Bogen endgültig überspannt?

  • -Aktualisiert am

Fußball-Souvenir aus England: Die Glazers beim Selfie mit ManUnited-Trainer Solskjaer Bild: Reuters

Die Super League ist Geschichte. Doch die massive Kritik an den Besitzern von Manchester United und des FC Liverpool reißt nicht ab – und bald dürfen die Fans wieder ins Stadion.

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          Es dauert nicht mehr lange, bis die Fans in Englands Fußballstadien zurückkehren. An den beiden letzten Spieltagen dieser Premier-League-Saison sollen die Vereine ihre Stadien zum ersten Mal seit Monaten mit reduzierter Kapazität öffnen können. An diesem Wochenende aber werden die Ligaspiele weiterhin vor leeren Tribünen ausgetragen – und die Besitzer und Vorstände der Big-Six-Klubs dürften darüber heilfroh sein. Denn nach der Gründung der Super League am vergangenen Sonntag und deren Kollaps 48 Stunden später wäre die Begrüßung durch die Fans in allen Teilen des Landes wohl nicht gerade freundlich ausgefallen.

          Die Super League mag fürs Erste vom Tisch sein, aber der Schaden ist angerichtet. Bei Manchester United mehr als bei den anderen an dem Vorhaben beteiligten englischen Klubs. Denn Uniteds Ko-Vorsitzender Joel Glazer gehörte neben Real Madrids Präsident Florentino Pérez zu den treibenden Kräften des Projekts. Wäre die Super League zustande gekommen, hätte Glazer ihr Vizechef werden sollen. In einem offenen Brief an die Fans entschuldigte sich Glazer nun – wohlgemerkt für die „Unruhe“, die er verursacht habe – und versprach, sich in Zukunft besser mit den Unterstützern abzusprechen. Das an sich wäre schon ein Fortschritt, zumal er ansonsten kaum öffentlich in Erscheinung tritt. Aber so leicht wird er diese Angelegenheit nicht los.

          Denn die Super-League-Affäre offenbart, wie weit sich die Klubs von ihrer Basis entfernt haben. Dass Geschäftsleute wie Glazer, Liverpools Haupteigentümer John W. Henry und all die anderen von den heftigen Fan-Protesten offenbar kalt erwischt wurden, lässt tief blicken. Die organisierten Fans im Manchester United Supporters’ Trust teilten mit, Glazer habe dem Ansehen des Klubs geschadet; er und die Besitzer der anderen Vereine müssten sich etwas einfallen lassen, um den Schaden zu reparieren. Der frühere Profi Jamie Carragher sagte bei „Sky Sports“ mit Blick auf United und seinen früheren Verein FC Liverpool: „Ich sehe nicht, wie die Besitzer weitermachen wollen. Ich sehe keine Zukunft für ihre Eigentümerschaft, und ich denke, sie machen es schlimmer, je länger sie daran festhalten.“

          Mit ihre Beteiligung an den Plänen zu einer Super League hat auch Manchester United seine Fans gegen sich aufgebracht.
          Mit ihre Beteiligung an den Plänen zu einer Super League hat auch Manchester United seine Fans gegen sich aufgebracht. : Bild: AP

          Für viele Fans von Manchester United würde ein Traum in Erfüllung gehen, sollten die Glazers ihre Mehrheit am Klub verkaufen. Doch das ist nicht wahrscheinlich. 2005 erlangte der amerikanische Investor Malcolm Glazer die alleinige Kontrolle, seit seinem Tod 2014 liegt sie bei seinen Kindern. Die Brüder Joel und Avram Glazer fungieren seit 2006 als Ko-Vorstände. Durch die fremdfinanzierte Übernahme verschuldete Glazer den bis dahin seit 1931 schuldenfreien Verein mit Hunderten Millionen Pfund.

          Die Spurmacher des Ausverkaufs

          Die Machtübernahme auf Kosten des Klubs – eingefädelt vom damaligen Banker und heutigen stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Ed Woodward – löste heftige Proteste in der Fanszene aus, die nun wieder hochkochen. Einige Anhänger sagten sich damals los und gründeten mit dem FC United of Manchester einen Phönixverein im Amateurfußball. 2018 berichtete der „Guardian“, die Übernahme durch die Glazers habe United seit 2005 über eine Milliarde Pfund an Kreditzinsen, Dividenden und sonstigen Zahlungen gekostet, während Investitionen etwa in das in die Jahre gekommene Stadion Old Trafford ausblieben. Uniteds Nettoverschuldung lag im März bei mehr als 450 Millionen Pfund.

          Die Glazers gelten mit Chelseas Besitzer Roman Abramowitsch als Spurmacher des Ausverkaufs in der Premier League. Doch die Fans, speziell die der Big-Six-Klubs, ließen es geschehen. Denn mit den Milliarden der Investoren kam der Erfolg. Manchester City, Eigentum von Scheich Mansour aus Abu Dhabi, steht vor dem Gewinn der fünften Meisterschaft in zehn Jahren. Angesichts der Proteste in dieser Woche hoffen Fan-Aktivisten aber, dass sich nun etwas bewegt. Die Liverpooler Gruppierung „Spirit of Shankly“ schmähte Henrys Entschuldigung als „PR-Übung“ und forderte einen „fundamentalen Wandel“ der Regulierung des englischen Fußballs.

          Eine Gruppe United-Fans, die am Donnerstag auf das Trainingsgelände eingedrungen war, zeigte Plakate mit den Aufschriften „Glazers Out“ und „51% MUFC“. Die Regierung hat eine Überprüfung der Eigentümerstrukturen von Fußballklubs angekündigt, um den Fans mehr Mitspracherecht zu geben. Auch eine unabhängige Kontrollinstanz steht im Raum. Oliver Dowden, Minister für Digitales, Kultur, Medien und Sport, will sich dazu die 50+1-Regel genauer ansehen: Sie verhindert, dass Investoren in Deutschland die Stimmenmehrheit in von Vereinen gegründeten Kapitalgesellschaften übernehmen können.

          An diesem Sonntag spielt Manchester United gegen Leeds United. Für das Team und Trainer Ole Gunnar Solskjær ist es bislang eine gute Saison: Sie stehen auf Platz zwei hinter dem Stadtrivalen Manchester City. Das Heimspiel vor Zuschauern am Saisonende hätte ein einträchtiges Wiedersehen werden können. So aber werden die Fans ihre Rückkehr dann wohl nutzen, um Stimmung gegen die Glazers zu machen.

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