https://www.faz.net/-gtl-16u1a

Fußball-WM : O Captain! England und der Mann mit der Binde

Er soll England als Kapitän zum Titel führen: Steven Gerrard vom FC Liverpool Bild: REUTERS

Der englische Fußball hat nicht nur ein Torwartproblem. Regelmäßig gerät auch der Kapitän in Schwierigkeiten. John Terrys Problem ist eine Affäre, Rio Ferdinands sein kaputtes Knie. Nun ist Steven Gerrard der Gefährdete.

          3 Min.

          Die große Geschichte des englischen Scheiterns ist oft genug erzählt worden. Praktisch alles, was das Fußball-Mutterland seit dem Gewinn der Heim-WM 1966 unternommen hat, um noch einmal Weltmeister zu werden, ging schief. Manchmal einfach so, gerne aber auch dramatisch wie bei den verlorenen Elfmeter-Duellen 1990 mit Deutschland und 2006 mit Portugal.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Weniger bekannt, aber fast noch unglaublicher ist aber ein Nebenstrang dieser Story, den englische Medien jüngst aus gegebenem Anlass ausbreiteten: der Fluch mit den Kapitänen. Seit 1966 haben die Engländer keine einzige WM gespielt, ohne dass ihr Mann mit der Binde auf diese oder jene Weise in seinem Wirken eingeschränkt gewesen wäre. (Wobei sie 1974, 1978 und 1994 nicht qualifiziert waren.) Das Protokoll: 1970 wurde Bobby Moore vor dem Turnier vorübergehend festgenommen, weil er in Bogotá ein Armband gestohlen haben soll (hatte er nicht).

          1982 konnte Kevin Keegan wegen einer Rückenverletzung erst im fünften Spiel eingreifen. 1986 kam das Aus für Bryan Robson nach dem zweiten Spiel wegen einer Schulterverletzung, vier Jahre später zum gleichen Zeitpunkt wegen einer lädierten Achillessehne. 1998 schleppte sich Alan Shearer, der EM-Schützenkönig von 1996, angeschlagen durchs Turnier und blieb ohne große Wirkung, ähnlich wie David Beckham 2002. Der weinende Star nach seiner Verletzung im Viertelfinale 2006 gegen Portugal war eines der prägenden Bilder dieser WM.

          Kann der Mittelfeldspieler mit der Verantwortung umgehen?
          Kann der Mittelfeldspieler mit der Verantwortung umgehen? : Bild: REUTERS

          Wer schließt die Lücke durch Ferndinands Aus?

          In diesem Jahr nun wurde das englische Kapitänsdrama gleich in zwei Akten aufgeführt. Erst war es John Terry, der sich selbst um das Amt brachte – und das, wie es seinem Ruf entspricht, nicht eben im Stile eines Gentleman. Terrys Affäre mit der Freundin seines Teamkollegen Wayne Bridge hatte die Ehre der Binde derart besudelt, dass Nationalcoach Fabio Capello keine andere Wahl hatte, als ihn abzusetzen.

          Seinen Nachfolger Rio Ferdinand erwischte es auf ganz profane Weise, aber zu einem heiklen Zeitpunkt: Bei einer der ersten Trainingseinheiten in Südafrika zog er sich in einem Zweikampf mit Emile Heskey eine Bänderverletzung im Knie zu, so dass Capello kurz vor dem Turnier, das für sein Team an diesem Samstag mit dem Spiel gegen die Vereinigten Staaten (20.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) beginnt, gleich mit zwei Problemen dastand: Wer ist der neue Kapitän? Und wer spielt neben John Terry in der Innenverteidigung?

          Aus sportlicher Sicht ist Letzteres die dringendere Frage, schließlich galt Ferdinand als der Chef der Defensive. Zwar verfügen beide Kandidaten, der 29 Jahre alte Ledley King von Tottenham Hotspur und der 32 Jahre alte Jamie Carragher vom FC Liverpool, über reichlich Erfahrung; ob sie aber die Lücke auch qualitativ schließen können, ist ungewiss. Dass England – muss man es sagen? – mal wieder ohne überzeugende Nummer eins im Tor dasteht, macht die Lage in der Abwehr nicht beruhigender.

          „Kann ich eine Mannschaft bis ins Finale führen?“

          In der Kapitänsfrage sprach in England – ganz im Gegensatz zum deutschen Team nach Michael Ballacks Verletzung – niemand davon, die Führungsaufgaben könnten im Kollektiv erledigt werden. Weil Hackordnung und Hierarchie dort traditionell eine größere Rolle spielen, war es kein Wunder, dass die Binde an Steven Gerrard weitergereicht wurde: Der Mittelfeldspieler vom FC Liverpool ist mit 80 Länderspiel-Einsätzen der dienstälteste Profi im Kader.

          Und wie es sich gehört, stellte er sich gleich mit einer kräftigen Portion Pathos vor. „Für mich ist die Herausforderung: Kann ich eine Mannschaft bis ins Finale führen?“, sagte Gerrard und sprach von der „besonderen Motivation“ durch das neue Amt: „Ich muss nur daran denken, dass es vor mir nur neun Männer gegeben hat, die England als Kapitäne bei einer WM angeführt haben – und ich will ein erfolgreicher Kapitän sein.“ In der Premier League hat Gerrard seine herausragenden Fähigkeiten als Antreiber mit Torgefahr oft genug gezeigt, im Trikot der „Three Lions“ aber steht der bleibende Eindruck noch aus.

          „Ich werde Präsenz zeigen und meinen Mund aufmachen“

          Die WM wäre da natürlich eine gute Gelegenheit. „Um als wirklich großer Spieler anerkannt zu werden, muss man es auf diesem Niveau gezeigt haben“, sagte Gerrard. Eine Fernanalyse, warum es damit bislang noch nicht so recht geklappt hat, lieferte unterdessen Michael Ballack. Gerrard und dessen Kapitäns-Vertreter Frank Lampard, schrieb Ballack in seiner WM-Kolumne für die englische „Times“, müssten „ihre Egos zurücknehmen“. Sie könnten im englischen Mittelfeld nicht einfach so spielen, wie sie das in ihren Klubs täten. „Wenn man für ein großes Team spielt, hat man lauter gute Spieler um sich. Da kann man nicht immer denken: ‚Ich, ich, ich.‘“

          Klingt, als wäre in der Führungsstruktur im englischen Team noch nicht das letzte Wort gesprochen. Schließlich ist da ja auch John Terry. In der Abwehr führt er nach Ferdinands Aus ohnehin wieder das Wort. Aber womöglich nicht nur dort. „Ich bin zwar als Kapitän abgesetzt worden, aber ich habe Fabio Capello gesagt, dass sich nichts ändern wird“, sagte er. „Ob in der Kabine oder auf dem Platz – ich werde Präsenz zeigen und meinen Mund aufmachen.“ Falls es nicht gutgeht mit den echten und heimlichen Anführern, könnten sich die Engländer ja wieder ihrem anderen Lieblingsthema widmen: dem Drama des Scheiterns.

          Weitere Themen

          „Das war eine Sch...“

          Olympia-Frust bei Fußballern : „Das war eine Sch...“

          Die Titelmission der deutschen Fußballer hat nach dem Fehlstart bei Olympia gegen Brasilien einen Dämpfer erlitten. Im nächsten Spiel gegen Außenseiter Saudi-Arabien zählt nun nur ein Sieg.

          Feuerwerk bei Eröffnungszeremonie in Tokio Video-Seite öffnen

          Olympische Spiele : Feuerwerk bei Eröffnungszeremonie in Tokio

          Ein Feuerwerk hat die Feierlichkeiten zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Tokio begleitet. Wegen der Corona-Pandemie waren nur einige hundert Gäste bei der Zeremonie im Olympiastadion anwesend.

          Topmeldungen

          Unterschiedliche Sicht: Prinz Harry (links) und Prinz William am 1. Juli bei der Enthüllung eines Denkmals zu Ehren ihrer Mutter, Prinzessin Diana, in London

          Prinz Harrys Autobiographie : Die nächste Spitze

          20 Millionen Dollar soll Prinz Harry für ein Buch angeboten bekommen haben. Die Ankündigung einer „intimen und tief gefühlten“ Autobiografie weckt Befürchtungen über neuen Zwist in der Königsfamilie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.