https://www.faz.net/-gtl-7j64n

Fußball-WM in Qatar : Auf Knochen erbaut

  • -Aktualisiert am

Hitze, Staub, Wassermangel: Ausländische Arbeiter im Oktober auf einer Baustelle in Doha Bild: dpa

Hinter den Fassaden der Glitzerwelt sieht es dreckig aus. Die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der Fußball-WM in Qatar sind mörderisch.

          Manchmal hält er die Trennung kaum aus. Vor vier Monaten hat Ali Kidwai seine Tochter das letzte Mal gesehen. Anderthalb Jahre ist Zahra jetzt alt - wenn sie ihren Vater wiedersieht, wird sie fast doppelt so alt sein. Denn erst im kommenden September kann sich der indische Gastarbeiter wieder einen Heimflug leisten. Bis dahin fährt er täglich zwölf Stunden durch die Straßen der qatarischen Hauptstadt Doha, nur um abends erschöpft ins Bett seiner Sammelunterkunft am Stadtrand zu fallen. Oft reicht die Zeit nicht einmal, um zu duschen. Und einen Fernseher gibt es in seinem Sechsbettzimmer auch nicht.

          Glück gehabt hat Ali Kidwai dennoch - für qatarische Verhältnisse. Anfang 2006 kam der 28 Jahre alte Muslim aus der südindischen Provinz Kerala nach Doha, angeheuert von einem lokalen Kontraktor, wie viele der - wahrscheinlich - 1,2 Millionen Arbeiter aus Fernost. Die Asien-Spiele standen an, noch heute prangt das fröhliche Logo von Fassaden der boomenden Stadt am Persischen Golf: „Welcome to the Games of Joy!“ Doch Freude brachte sie eher Athleten und Zuschauern als den Arbeitern, die die schmucken Sportstätten in der „Aspire Zone“ am Rande der Hauptstadt errichteten. „Ich war froh, als ich die Arbeit auf der Baustelle wieder los war“, sagt Kidwai, der durch Hilfe von Verwandten, die schon länger in Qatar lebten, einen neuen Job fand.

          Die Arbeit auf den unzähligen Baustellen des reichen Golf-Emirats ist eine Tortur. Für viele der Gastarbeiter aus Fernost endet sie tödlich. Vor allem in den heißen Sommermonaten, wenn die Temperaturen auf mehr als fünfzig Grad steigen. Schlechte Ernährung und mangelnde Versorgung mit Wasser tun ein Übriges. Allein zwischen 2010 und 2012 sollen 700 Landsleute von Kidwai an Herzinfarkten und bei Arbeitsunfällen gestorben sein. Von 400 toten Arbeitern im Jahr geht der internationale Gewerkschaftsdachverband (ITUC) aus - achtmal so viele, wie in den Nachbarländern Qatars infolge von Arbeitsunfällen sterben.

          „Men At Work“ für 200 Dollar im Monat

          Überall in der Glitzermetropole Doha sind die Männer aus Indien, Bangladesch, Sri Lanka, Nepal und den Philippinen präsent, mit ihren gelben Helmen und blauen Arbeitsanzügen kann man sie nicht übersehen. „Men At Work“ warnen Schilder entlang der hinter hohen Holzwänden versteckten Baustellen, die das Stadtzentrum mindestens ebenso prägen wie schicke Shopping Malls und die hohen Büro- und Hoteltürme. Doch für wirksamen Schutz des Arbeitsheeres hat das reiche Emirat bislang nicht gesorgt, trotz wachsender Kritik in den vergangenen Monaten.

          Denn seit sich der Weltfußballverband Fifa in die Debatte um die miserablen Arbeitsbedingungen eingeschaltet hat, wächst die Sorge, Qatar könne noch um die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2022 gebracht werden.

          Gnadenloser Bauboom: bis zur Fußball-WM könnten 4000 Arbeitsmigranten auf Baustellen sterben

          Die Angst vor Imageschäden ist groß. So gab der Vorsitzende des Nationalkomitees für Menschenrechte im Oktober immerhin zu, dass es „einige Probleme“ gebe. „Wir arbeiten hart, um einen von Störfällen und Verletzungen freien Arbeitsplatz zu schaffen“, wirbt die Firma Qatar Gas auf einer Baustelle neben der Zentrale des staatlichen Gasunternehmens unweit der Uferstraße Corniche. Dreißig bis vierzig Milliarden Dollar spült der Verkauf des Rohstoffs jährlich in die Kassen des Emirats - es ist die wichtigste Quelle für den Reichtum Qatars, des größten Flüssiggasproduzenten der Welt.

          Weitere Themen

          Mit 120 km/h durch den Eiskanal Video-Seite öffnen

          Teilnahme unter Lebensgefahr : Mit 120 km/h durch den Eiskanal

          Beim Cresta-Rennen im schweizerischen Kurort St. Moritz werden die Schlitten bis zu 120 Stundenkilometer schnell. Zum Bremsen haben die Teilnehmer nur Stahlhaken, die an den Schuhen befestigt werden. Die Strecke ist 1,2 Kilometer lang und kurvenreich. Besonders berüchtigt ist die sogenannte Shuttlecock-Kurve.

          Abschied von Emiliano Sala Video-Seite öffnen

          Verunglückter Fußballer : Abschied von Emiliano Sala

          Bewegender Abschied von Emiliano Sala: Knapp vier Wochen nach dem Tod des argentinischen Fußballers bei einem Flugzeugabsturz über dem Ärmelkanal erweisen Familie, Fans und Vertreter seiner Vereine ihm die letzte Ehre in seinem Heimatdorf.

          Topmeldungen

          Russland und Europa : Pipeline-Grüße aus München

          Nach ihrem Auftritt auf der Sicherheitskonferenz feiert die russische Staatspresse Angela Merkel. Sie widersetze sich „illegalen“ Versuchen der Amerikaner, das Gaspipelineprojekt Nord Stream 2 noch zu verhindern, heißt es in Moskau.

          Framing-Manual der ARD : Es ist Irrsinn, aber es hat System

          Wer keinen Rundfunkbeitrag zahlt, ist „demokratiefern“, „wortbrüchig oder auch illoyal“ und missachtet den „allgemeinen Willen des Volkes“: Warum die ARD jetzt semantische Gehirnwäsche übt.
          Ein Demonstrant mit einer überlebensgroßen Maske von Facebook-Chef Mark Zuckerberg protestiert im November 2018 in London

          Datenskandal : Britisches Parlament wütet gegen Facebook

          Britische Abgeordnete sehen in Facebook und anderen sozialen Medien eine Gefahr für die Demokratie. Sie attackieren Mark Zuckerberg persönlich – und fordern ein unabhängiges Aufsichtsorgan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.