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Fußball-WM in Qatar : Auf Knochen erbaut

  • -Aktualisiert am

„Schmelztiegel für Ausbeutung und Elend“

Doch hinter den Fassaden der Glitzerwelt sieht es dreckig aus. Die ausgebeuteten Zwangsarbeiter verdienen selten mehr als 200 Dollar im Monat, der gnadenlose Bauboom kennt nur Profite und keinen Pardon. Mit falschen Versprechungen würden sie aus ihrer Heimat in Sri Lanka, Indien, Nepal, Bangladesch und den Philippinen auf die Halbinsel im Golf gelockt, kritisieren Menschenrechtsorganisationen.

Qatar sei ein „Schmelztiegel für Ausbeutung und Elend“, sagt Nicholas McGeehan von Human Rights Watch. Zwischen Juni und August sollen nach Recherchen der britischen Zeitung „The Guardian“ 44 Nepalesen auf ihren Arbeitsplätzen ums Leben gekommen sein. Dreißig flüchteten sich in die Botschaft des Landes, weil sie ihre Löhne nicht ausgezahlt bekommen hatten - Alltag für Zehntausende in Doha.

Der internationale Gewerkschaftsdachverband warnte im September, dass bis zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft 4000 Arbeitsmigranten auf Baustellen sterben könnten, wenn das Herrschaftshaus des jungen Emirs Tamim Bin Hamad Al Thani nicht schleunigst das Arbeitsrecht reformiere. Zwölf Tote pro Woche wären das. Zwar reiste Arbeitsminister Salah al Khulaifi Ende Oktober nach Genf, um sein Land bei der Tagung der Internationalen Arbeitsorganisation zu vertreten. Doch Gewerkschafter zeigten sich enttäuscht von dem Auftritt.

Gern gesehene Gäste: Bayern München im Wintertrainingsquartier

Der Druck, Änderungen durchzusetzen, wächst immerhin. Die Vorsitzende des Menschenrechtskomitees im Europaparlament, Barbara Lochbihler, forderte die Regierung in Qatar im Oktober auf, „unverzüglich Maßnahmen zur Einhaltung der fundamentalen Rechte von Arbeitern zu ergreifen“. Bislang hat das Arbeitsministerium lediglich zugesagt, die Zahl der Arbeitskontrolleure von 150 auf 300 zu verdoppeln. Sinnlos, kritisieren Qatar-Kenner, die nicht strengere Kontrollen, sondern eine wirksamere Einhaltung der vorhandenen Regelungen verlangen.

Abgeschafft gehöre das auf Leibeigenschaft basierende qatarische Vertragssystem Kafala, wenn die WM wie geplant stattfinden solle, verlangt unter anderem Human Rights Watch. Lochbihler bezeichnet das Sponsorensystem als „Form von Sklaverei“: Jeder Gastarbeiter, der in Qatar arbeitet, braucht für sein Arbeitsvisum einen einheimischen Sponsor, der für ihn bürgt. Ein Wechsel des Arbeitgebers wird so vielen unmöglich gemacht, ebenso wie die Ausreise, da viele Arbeitgeber die Pässe der Neuankömmlinge einbehalten.

„Fans wollen Spaß haben“

Ali Kidwai hat in dem Fall Glück gehabt. Zweimal erlaubten ihm seine Arbeitgeber, den Sponsor zu wechseln. So konnte er sich stetig verbessern, sagt der indische Muslim, während er an dem Hotelturm „The Torch“ vorbeifährt. Auf dem Dach des futuristischen Baus brannte während der Asien-Spiele die ewige Flamme, und in der Winterpause genießen die Stars aus Bundesliga, Premier League und Primera División die qatarische Wärme, wenn sie auf den gut gepflegten Rasenplätzen der „Aspire Zone“ trainieren. Für Januar haben sich wieder der FC Bayern und der FC Barcelona angesagt.

Davon, dass Qatar die Fußball-WM ausrichtet, hält der indische Muslim und Hobby-Cricketspieler wenig. „Fans wollen Spaß haben, wenn sie zu einer Weltmeisterschaft kommen“, sagt er, „und dazu gehören Mädchen und Bier.“ Beides aber erlaube die strenge wahhabitische Auslegung des Islams in dem Golf-Emirat nicht. Er selbst will bis 2022 ohnehin wieder zurück in Kerala sein, dort etwas Eigenes aufbauen. Ein Betrieb im IT-Bereich schwebt ihm vor. Und mehr Zeit für seine Tochter.

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