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Fußball-Historie im Emirat : Wie Qatar aus dem Sand zur Macht aufstieg

Die WM 2022 geht nach Qatar: Emir Hamad bin Khalifa Al-Thani (links) und Fifa-Präsident Joseph Blatter 2010 nach der Vergabe Bild: Picture-Alliance

Durch die Vergabe der WM 2022 rückte Qatar plötzlich in den Fokus. Doch das Land verfügt über eine facettenreiche Fußball-Historie, wie ein Buch nun erzählt. Besonders spannend sind die Schilderungen von 1981.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Viel ist über die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Qatar, die erste Fifa-WM in der arabischen Welt, geschrieben worden. Was diese Veröffentlichungen gemeinsam haben, ist nicht nur eine zumeist kritische Betrachtungsweise, sondern dass sie in der Regel auch von Autoren aus westlichen Ländern verfasst worden sind.

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          Umso interessanter ist es, mit Matthias Krug eine Stimme aus dem Ausrichterland zu hören. Matthias Krug verfügt über einen deutschen Pass mit der Angabe: „Geburtsort Doha“. 1982 erblickte er als Sohn des nach Qatar als Leichtathletik-Trainer ausgewanderten Deutschen Joachim Krug das Licht der Welt. Der hatte als Flüchtling aus der DDR einen bewegten Lebenslauf, der unter anderem auch Titel als deutscher Hallenmeister im Kugelstoßen in den Jahren von 1980 bis 1982 aufweist.

          Dort, wo heute glitzernde Hochhäuser im Stadtteil West Bay stehen, spielte Matthias Krug als Kind in den 1980er Jahren noch Fußball im Sand. Sein Buch mit dem etwas pathetischen Titel „Journeys on a Football Carpet“ ist eine gut geschriebene Mischung aus Autobiographie und Geschichtsschreibung des qatarischen Fußballs. Das Hauptziel des promovierten Journalisten ist es dabei, deutlich zu machen, dass sich Qatar nicht erst im Dezember 2010 durch die Vergabe der WM 2022 in den Welt-Fußball eingekauft hat, wie Kritiker meinen, sondern über eine facettenreiche Fußball-Historie verfügt, die weit davor ansetzt.

          Nach der Entdeckung von Erdöl in Qatar strömten Ende der 1940er Jahre ausländische Fachkräfte ins Land und brachten auch den Fußball-Sport mit sich. Einige qatarische Jungen hatten das Spiel um den Ball auch schon von ihren ägyptischen und palästinensischen Lehrern kennengelernt. So wurde 1950 der erste qatarische Fußballklub Al Najah gegründet, 1960 die Qatar Football Association (QFA). Heutzutage spielen zwölf Mannschaften in der Qatar Stars League, wobei eine erste nationale Liga schon 1963/1964 operierte – das Jahr, in dem auch die deutsche Bundesliga startete.

          Das Jahr 1962 verzeichnete im Doha-Stadion das erste Fußballfeld auf Gras in der Region. Seit 1972 ist die QFA Mitglied im Weltverband Fifa, ein Jahr nachdem Qatar seine Unabhängigkeit erlangte. Zu dieser Zeit nahm Qatar auch erste Investitionen in den Sport vor, wie etwa ein Kampf von Muhammad Ali und ein Spiel von Pelés Santos-Mannschaft in Doha belegen. Diese Investitionen haben seit 1993, das Jahr, in dem Boris Becker ein erstes ATP-Turnier in Qatar gewann, neue Dimensionen angenommen und Doha zu einer wichtigen Adresse im Weltsport gemacht.

          Besonders spannend sind die Schilderungen zur U-20-WM 1981 in Australien, bei der Qatar mit einem zweiten Platz ein erstes Ausrufezeichen im Welt-Fußball setzen konnte. Dieser Teil des Buches stützt sich auch auf Gespräche mit dem damaligen Nationaltrainer aus Brasilien, Evaristo, der das Team ebenfalls zu den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles führte, der ersten Olympia-Teilnahme Qatars überhaupt.

          1991 landete Qatar bei der U-17-WM in Italien immerhin auf Platz vier, nach einer Niederlage im Elfmeterschießen gegen Argentinien im Spiel um Platz drei. Auch bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona qualifizierte sich wieder ein qatarisches Team. Während der dreimalige Gewinn des Gulf Cups nur einen begrenzten sportlichen Wert haben mag, ließ das qatarische Team mit dem Gewinn der Asien-Meisterschaft 2019 aufhorchen und zerstreute letzte Zweifel, ob das Land bei der Heim-WM ein wettbewerbsfähiges Team ins Rennen schicken würde. Allen Unkenrufen zum Trotz und im Gegensatz etwa zur qatarischen Handball-Auswahl handelte es sich dabei mehrheitlich um in Qatar aufgewachsene Spieler. Aktuell belegt die Nationalmannschaft Platz 55 der Weltrangliste.

          Leider schreibt das Buch eine Geschichte qatarischen Fußballs, ohne zugleich die weniger schillernde Entwicklung des Mädchen- und Frauen-Fußballs zu beleuchten. Die qatarische Frauen-Nationalmannschaft ist derzeit nicht einmal im Fifa-Ranking vertreten, ein untrügliches Zeichen für fehlende Aktivität. Seit einigen Jahren ist der Autor in der Pressearbeit des lokalen WM-Organisationskomitees tätig. Dies erklärt, warum sich das Buch im letzten Teil wie eine Werbeschrift für die WM 2022 liest, die nach der Meinung des Autors das beste Turnier der Geschichte wird.

          Der Autor Danyel Reiche ist Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der American University of Beirut.

          Das Buch: Matthias Krug, Journeys on a Football Carpet, Hamad Bin Khalifa University Press, 2019, 309 Seiten. 20,22 Euro.

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