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Fußball-WM 2014 : Von Blatter kommt kein Kommentar

  • -Aktualisiert am

Rio nach Blatters Geschmack: „Genießen Sie den Fußball und genießen Sie das Leben!” Bild: AFP

Korruption? Reformen? Fifa-Chef Blatter hat keine Lust auf Selbstkritik und schwärmt vor der Auslosung der Qualifikationsgruppen zur WM 2014 lieber von der Copacabana. „Genießen Sie den Fußball und genießen Sie das Leben!“

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          Joseph Blatter schien vom Charme dieser Metropole beseelt. „Genießen Sie die Copacabana“, rief er den Journalisten zum Ende seiner einzigen Pressekonferenz vor der Auslosung der Qualifikationsgruppen zur Weltmeisterschaft 2014 in Rio de Janeiro an diesem Samstag zu, „genießen Sie den Fußball und genießen Sie das Leben!“ Der 75 Jahre alte schweizerische Connaisseur sprach wie ein Urlauber, als er seinen fünfzigminütigen Wortbeitrag zur Ouvertüre des globalen Fußballfests in drei Jahren beendete. Alles, was es über die unangenehmen Vorkommnisse der letzten Zeit zu sagen gegeben hätte, versah der Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) mit dem Aufkleber „kein Kommentar“.

          Er schwieg sich lieber aus, als er das Urteil der von ihm eingesetzten Fifa-Ethikkommission bewerten sollte, die am vergangenen Samstag Blatters langjährigen Wegbegleiter Mohamed bin Hammam wegen des Versuchs der Bestechung lebenslang von allen Fußball-Aktivitäten verbannt hatte. Wo der Walliser früher nur allzu bereitwillig seine Sicht der Dinge zum Besten gegeben hatte und dabei in manches Fettnäpfchen getreten war, ließ er sich diesmal zu fast nichts provozieren. Sein Fett bekam allein Karl-Heinz Rummenigge ab, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München und Präsident der Europäischen Klubvereinigung (ECA). Der hatte gegenüber der englischen Tageszeitung „The Guardian“ angekündigt, notfalls zu einer „Revolution“ gegen Blatter und sein Fifa-Regime bereit zu sein, das er zuvor mit dem Begriff „Korruptionsstadel“ geschmäht hatte. „Bitte fragen Sie Herrn Rummenigge“, äußerte sich Blatter eine Spur beleidigt, „was die Haltung der 186 Verbände ist, die mich am 1. Juni dieses Jahres wiedergewählt haben.“ Darunter auch der Deutsche Fußball-Bund mit seinem Präsidenten und neugewählten Fifa-Exekutivkomiteemitglied Theo Zwanziger an der Spitze.

          Der wendige Altmeister der flinken Volten

          Mag auch ein Großteil dieses derzeit auf Grund persönlicher Verfehlungen ein wenig ausgedünnten Gremiums mit so hässlichen Dingen wie Korruption in Verbindung gebracht werden, so gibt sich Blatter selbst inzwischen wie ein Vorkämpfer gegen das Unrecht dieser Fußballwelt. Doch deshalb über einen Mann von gestern reden? Blatter tat es nicht, vielleicht aus taktischen Gründen, schließlich hat der Qatarer nach seiner Höchststrafe angekündigt, den Rechtsweg in eigener Sache so schnell nicht zu verlassen. „Blatter ist ein Diktator“, hatte bin Hammam, der in Windeseile vom zweitmächtigsten Fifa-Granden zum Fifa-Paria abstieg, zuletzt behauptet. Doch der selbst längst nicht mehr allmächtig anmutende Fifa-Boss ging auf diese Attacke des qatarischen Wutbürgers nur beiläufig ein. „Ich bin kein Diktator, ich arbeite mit dem Exekutivkomitee und mit Beratern zusammen, die die Sache aus dem Effeff kennen.“

          Der Fifa-Chef hat keine Lust auf Selbstkritik

          Der wendige Altmeister der flinken Volten und Funktionärsschachzüge spinnt seine Fäden zurzeit lieber hinter der großen Bühne. Jack Warner, den notorisch skandalumwitterten früheren Präsidenten des nord- und mittelamerikanischen Dachverbandes Concacaf, ist er schon losgeworden. Der geschäftstüchtige Spitzenfunktionär trat, unter schwerem Korruptionsverdacht, von allen Fußballämtern zurück und wird seitdem von der Fifa-Justiz in Ruhe gelassen. Warner war dabei, als im Mai in Port of Spain, der Hauptstadt von Trinidad und Tobago, Geld zwecks Stimmenkaufs geflossen sein soll. 40.000 amerikanische Dollar in bar sollen in den Umschlägen gesteckt haben, die bei einem von Walker inszenierten und vom Fifa-Präsidentschaftskandidaten bin Hammam gern besuchten Treffen der Karibischen Fußball-Union kursiert und den Besitzer gewechselt haben sollen. Um mehr darüber zu erfahren, wie viel Korruption dort wirklich im Spiel war, hat die Fifa alle bei jenem „Wahlkongress“ versammelten Verbände unter Androhung harter Sanktionen am Montag dazu aufgefordert, sich binnen 48 Stunden konkret zu erklären. Inzwischen sind die ersten Antwortschreiben im Büro des Fifa-Generalsekretärs Jérôme Valcke eingegangen.

          „Brasilien ist das Land des Fußballs, des Glücks, des Feierns“

          Der Fall bin Hammam zieht weiter Kreise. In der Fifa zweifeln indes nicht wenige daran, dass bin Hammam seine Causa bis zur letzten Instanz verfolgt. Schließlich ist da noch das Emirat Qatar, dem im Dezember des Vorjahrs zur Überraschung der Fußballwelt die Austragung der WM 2022 anvertraut wurde. Daran würden viele gern noch einmal heftig rütteln, doch Qatar nachzuweisen, worüber der Qatarer bin Hammam als Fußballfunktionär gefallen ist, dürfte schwerfallen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit der Emir auf seinen ehemaligen Spitzenmann in der Fifa Einfluss nimmt, wenn es gilt, den großen Preis einer WM im kleinen Wüstenstaat zu retten.

          Blatter, der nicht für Qatar gestimmt hatte, gab sich in Rio de Janeiro als Patron der kommenden WM-Gastgeber. „Das Vertrauen unserer Partner in die Fifa ist ungebrochen, was die WM 2014, 2018 und 2022 angeht.“ Das gilt vor allem für Brasilien. Fasziniert vom Genius loci, schob der Fifa-Präsident in Rio alle Bedenken beiseite, die es vorher noch am Hausaufgabeneifer des Gastgebers gegeben hatte. „Brasilien“, schwärmte er, „ist das Land des Fußballs, des Glücks, des Feierns und einer florierenden Wirtschaft.“ An der Wahl des Heimatlandes des fünfmaligen Weltmeisters und einzigen Kandidaten für die Ausrichtung der WM 2014 hatte am 30. Oktober 2007 in Zürich niemand gezweifelt. Darin waren sich Blatter und Mohamed bin Hammam seinerzeit vollkommen einig. Jogo bonito: Damals war Fußball auch noch Herzenssache.

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