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Fußball-WM 2014 : Rios Friedenspolizei

  • -Aktualisiert am

Panzer in Rocianha: „Reingehen, aufräumen und das Gebiet an die Gemeinschaft zurückgeben“ Bild: REUTERS

Die Drogenbosse in den Favelas sollen bis zur Fußball-WM besiegt sein. Die ersten 20 Viertel hat der Staat schon zurückerobert. Besonders ein Mann steht dabei im Mittelpunkt.

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          Er wolle nicht zusehen, sondern aufräumen. Das hat José Mariano Beltrame immer wieder gesagt. Und er scheint Wort zu halten. Als der Sicherheitssekretär von Rio de Janeiro im Oktober gefragt wurde, wann die Favela Rocinha gestürmt werde, da sagte er "bald". Nur drei Wochen später startete die "Operation Friedensschock". Ohne Blutvergießen brachten Beltrames Männer die größte Favela Lateinamerikas und dazu den Drogenboss Nem in ihre Gewalt.

          Seine Mission war eindeutig, als José Mariano Beltrame 2007 das Amt des Sicherheitssekretärs übernahm: Die schockierende Bilanz von etwa fünfzig Mordverbrechen in Rio pro Tag musste dringend verringert werden. Der Mann aus dem Süden Brasiliens entschied sich bei den Vorbereitungen für die Fußball- Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 für das Prinzip der "harten Hand" und "null Toleranz" gegen Drogenbosse und andere Kriminelle. Bis zur WM will er 40 Favelas für den Staat zurückerobern, bis 2016 sollen es 100 sein.

          Zivilbevölkerung zwischen den Fronten

          Mit dem Einmarsch in Rocinha und die Nachbarfavela Vidigal sind nun die ersten 20 geschafft. Die größte Herausforderung des 54-jährigen Beltrame sind dabei korrupte und abtrünnige Polizisten. Sie lassen sich von den Drogenbossen bezahlen oder beherrschen als sogenannte Milicias viele Teile Rio de Janeiros. "Im Moment machen mir die Milicias die meisten Sorgen, aber wir sind gut strukturiert, um gegen sie zu kämpfen. Fast jede Woche werden welche festgenommen", sagt Beltrame. Er sitzt in seinem Büro unmittelbar neben dem Hauptbahnhof der Stadt. Immer dabei ein frisch aufgebrühter Mate-Tee, der sogenannte Chimarrao. "Süchtig" sei er nach dem Aufguss der grünen, bitteren Blätter.

          Einsatz mit allen Mitteln: Helikopter über einer Favela

          Seine Spezialeinheiten schickt "Mariano", wie Freunde und Arbeitskollegen zu ihm sagen, auch in besonders umkämpfte Gegenden. "Dort ist es schwieriger, weil Zehntausende Unschuldige dazwischen sind. Wir haben die nötigen Waffen, ja sogar die exakte Adresse, wo die Kriminellen wohnen, aber unser großes Problem ist, dass die Zivilbevölkerung in diesen Gegenden zwischen den Fronten steht. Das ist nicht leicht, aber wir müssen uns positionieren, und das heißt reingehen, aufräumen und das Gebiet an die Gemeinschaft zurückgeben", stellt er klar.

          Sein Ton ist ruhig und bestimmt. Wie immer, wenn Beltrame Interviews gibt, Pressekonferenzen oder Vorträge hält. Er spricht oft Klartext, macht gerne Witze. Vor allem, wenn er auf seine weitere politische Karriere angesprochen wird. "Ich bin eher Techniker als Politiker", sagt er dann und: "Ich weiß nur eins: Vor meinem nächsten Job nehme ich erst mal 30 Tage Urlaub." Für seine Art, einer Mischung aus gewitztem Gentleman und knallhartem Malocher, lieben ihn nicht nur die Cariocas, die Einwohner Rios, sondern viele Brasilianer. Beltrames Popularitätswerte schießen in die Höhe, nicht zuletzt weil er als integer und absolut immun gegen Korruption gilt.

          Auf unbestimmte Zeit in den Favelas

          Sein Versuch, die Favelas mit Hilfe einer Friedenspolizei, der sogenannten UPP, wieder in staatliche Strukturen zu integrieren, wird von anderen Bundesstaaten bereits kopiert. Die UPP wurde 2008 gegründet. "Sie ist speziell dafür ausgebildet, Kontakt mit den Bewohnern aufzubauen - und zwar ohne Waffen. Durch ihre Anwesenheit kehren die Drogenbosse nicht zurück, denn die UPP bleibt auf unbestimmte Zeit in den Favelas präsent. Der Staat kann dann nachkommen und sich um die Installation einer Grundversorgung mit Wasser, Strom, Bildung und Krankenversorgung kümmern", erklärt Beltrame.

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