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U-21-Nationaltrainer Kuntz : Der Kümmerer und Menschenfänger

Will mit den DFB-Junioren den EM-Titel in Italien gewinnen: Bundestrainer Stefan Kuntz Bild: AFP

Stefan Kuntz sieht sich als Entwickler und ist selbst der größte Spätentwickler. Holt die U 21 den EM-Titel, könnte ihn das zum neuen deutschen Trainerstar machen. Das hat einen Grund.

          3 Min.

          Mitreisende auf Busfahrten können nerven. Vor allem wenn sie gute Laune haben. In der letzten Reihe stimmte Benjamin Henrichs am Mikrofon einen scheppernden, von den grölenden Kollegen beantworteten Sprechgesang an, in dem abwechselnd jeder Spieler der deutschen U-21-Auswahl gefeiert wurde. Bis auch der Chef an die Reihe kam: „O Stefan Kuntz, o Stefan Kuntz, wir lieben dich.“ Und vorn rechts in Reihe eins schaute der Besungene in die italienische Nacht, grinste breit und begann, beim nächsten Spieler mitzusingen.

          U-21-EM 2019
          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Das zweiminütige Filmchen, das aus dem DFB-Bus nach dem Einzug ins Halbfinale am vergangenen Sonntag durch die sozialen Medien ging, verriet alles, was man wissen muss über diese Mannschaft und diesen Trainer, die „einfach nur Freude machen“, wie DFB-Direktor Oliver Bierhoff feststellte. Kann man sich vorstellen, dass solche Klänge irgendwann auch aus dem Teambus der A-Nationalmannschaft kommen werden, diesem Inbegriff einer staatstragenden Sportinstitution? Dann, wenn einige der Spieler aus dem einen bald in den anderen Bus umziehen? Oder vielleicht sogar ihr Trainer?

          Die Geschichte von Stefan Kuntz ist verrückt, und sie ist noch lange nicht zu Ende. Nach dem derzeit gültigen Sprachgebrauch, in dem der 47-jährige Niko Kovac seinen Bayern-Bossen als „junger Trainer“ gilt, ist der 56-jährige Kuntz ein blutjunger Trainer. Die Spieler behandeln ihn mit Respekt und zugleich wie einen von ihresgleichen. Oft sieht man ihn Arm in Arm mit seinen Jungs, lachend, feixend. „Generell bin ich ein emotionaler Mensch“, sagt Kuntz. „Ich glaube, dass die Mannschaft diese Emotionalität gut gebrauchen kann.“

          Als Trainer sieht er sich als Entwickler und ist selbst der größte Spätentwickler. Nicht als Spieler, da war er früh ein Großer. Bis heute steht er auf Platz acht der ewigen Torschützenliste der Bundesliga: 179 Tore, ohne je bei einem der Großklubs gespielt zu haben, nur in Bochum, Uerdingen, Kaiserslautern, Bielefeld. Vielleicht auch deshalb galt der lustige Saarländer und frühere Polizist eher als netter Typ aus der Provinz, einer, den man latent unterschätzt. Als Erster wurde er Fußballer des Jahres, bevor er Nationalspieler war. Wurde Torschützenkönig, Pokalsieger, Meister, Europameister.

          Der Ruhm nach der Spielerkarriere dagegen ließ lange auf sich warten – als erfolgloser Trainer in Neunkirchen, Karlsruhe, Mannheim, Ahlen, als glückloser Manager in Koblenz und Bochum, als allzu freigebiger Vorstandschef in Kaiserslautern. Als dann Horst Hrubesch nach Olympia in Rio aufhörte und der DFB Kuntz aus dem Ärmel zauberte, den Mann, der 13 Jahre kein Team trainiert und gesagt hatte, der Trainerjob sei nichts für ihn, galt er allenfalls als Übergangslösung. Nun soll er unbedingt bleiben. Denn einen wie ihn, der es versteht, in einer Mannschaft die erwachsene Ernsthaftigkeit, die man für ein Turnier braucht, zu verbinden mit der Fröhlichkeit und Unbeschwertheit einer Bande großer Jungs, die genauso wichtig sind, gibt es sonst weit und breit nicht im DFB.

          „Er ist nah beim Team und doch der Chef“, sagt Torhüter Alexander Nübel. Stürmer Lukas Nmecha erzählt, wie Kuntz bei ihm zu Hause in Manchester saß und um ihn warb und der Vater Rührei briet und man lachte, bis sich Nmecha entschied, nicht mehr für England zu spielen, wo er aufwuchs, sondern für Deutschland, wo er geboren wurde. Kuntz gilt als Kümmerer, als „Menschenfänger“, einer, der von seiner Oma erzählt, über sich selbst lachen kann und um sich eine hierarchiefreie Aura erzeugt.

          In mancher Hinsicht ist Kuntz der Anti-Jogi. Der Gegenentwurf zu Löw. Oder gar: der Mann nach Löw? Wer die U 21 zum Titel und jetzt wieder so weit führe, sagte Verteidiger Benjamin Henrichs, der Tonangeber aus dem Bus, „der hat das Zeug für mehr“. Solche Stimmen könnten sich mehren, sollte Kuntz im Finale gegen Spanien an diesem Sonntag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur U21-EM und in der ARD) das schaffen, was Löw im vergangenen Sommer misslang: die Titelverteidigung.

          Dass Kuntz Löw tatsächlich verdrängen will und kann, ist mehr als unwahrscheinlich. Doch durch seine Menschenführung, sein kommunikatives Geschick, seine Beliebtheit, vor allem aber durch den Erfolg bei dieser EM, nach der niemand mehr den Titel von 2017 als Zufallsprodukt und den Trainer als Eintagsfliege bezeichnen kann, hat er die personellen Spielräume im DFB gegenüber denen vor einem Jahr deutlich verändert. Sollte Löw in einer künftigen Situation ein weiteres Mal in die Kritik geraten, stünde, anders als nach dem WM-Debakel 2018, nun ein profilierter, populärer Ersatz im eigenen Hause parat. Kuntz lehnt bisher jede Äußerung zu dieser Diskussion ab, weil sie „nicht genug Respekt vor Jogi Löw“ zeige.

          In jedem Fall will Bierhoff Kuntz unbedingt im DFB halten und nicht an einen Klub verlieren. „Natürlich habe ich Sorge, dass jetzt Begehrlichkeiten geweckt werden. Aber wir wollen Stefan nicht abgeben. Er ist ein toller Trainer. Wir werden für ihn auch immer wieder interessante Angebote schaffen, auch außerhalb der U-21-Mannschaft, so dass er die Arbeit beim DFB schätzt.“

          Ob Kuntz bei einem großen Klub oder beim A-Nationalteam gut aufgehoben wäre? Dort stünde er vom ersten Tag an unter einem öffentlichen Erwartungsdruck, den er bisher nicht hat. Bisher wird von ihm nur verlangt, dass seine Spieler lernen. Wenn sie auch noch den Titel gewinnen, ist es eine Zugabe. Aber eine, die an diesem Sonntag aus Kuntz den neuen deutschen Trainerstar machen könnte.

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