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Fußball und Kunst : Die hohe Kunst der Abseitsregel

Andy Warhol: Franz Beckenbauer, undatiert Bild: Foto: Wilfried Petzi, © Andy Warhol Foundation for the Visual Arts/Artists Rights Society (ARS), New York

Konzeptkick: Die Berliner Ausstellung „Rundlederwelten“ zeigt, was Künstlern zum Thema Fußball einfällt. Doch von der wichtigsten Seite des Spiels weiß die Kunst seltsamerweise noch wenig.

          Brot und Spiele: Wäre das Bäckerhandwerk so massenmedial wirksam wie der Sport, gäbe es bestimmt auch große Ausstellungen über das Brot in der Kunst. So aber gibt es die „Rundlederwelten“ als Teil des Kunst- und Kulturprogramms zur Weltmeisterschaft 2006.

          Vom späten Harald Szeemann in Angriff genommen und nach dessen Tod von der Kuratorin Dorothea Strauss betreut, versammelt die Schau im Berliner Martin-Gropius-Bau mehr als siebzig Arbeiten, in denen der Fußballsport irgendwie eine Rolle spielt; sechzehn davon sind eigens für die Ausstellung entstanden.

          Variationen auf Warhol

          Wie also nehmen die Künstler das Spiel wahr? Viele von ihnen tun es gar nicht, sondern halten sich an das sogenannte Umfeld. Offenbar interessiert sie, die meist nur von wenigen beachtet werden, vor allem, daß Fußball so viele interessiert. Julie Henry etwa hat vereinsfarbige Strickjacken für Fans nach deren Entwürfen herstellen lassen - Konzeptkunst als Sozialarbeit am Lokalkolorit. Andere zapfen den Begriff „Idol“ an und liefern Variationen auf Andy Warhols berühmten Beckenbauer-Siebdruck, der auch zu sehen ist.

          Andy Warhol: Franz Beckenbauer, undatiert Bilderstrecke

          Sarah Lucas etwa widmet Charlie George, der Arsenal-Legende aus den Siebzigern, eine Hommage aus Zeitungsausschnitten, auch sie bewegt von sentimentaler Erinnerung an den lokal verwurzelten Star, der damals noch um die Ecke wohnte. In der anderen Zeitrichtung läßt Volker Schrank der Melancholie freies Spiel, wenn er die Weltmeister von 1974 als „Versammelte Helden“ in achtzehn ebenso großen wie großartigen Farbfotografien dreißig Jahre nach dem Titelgewinn porträtiert: gezeichnete Denkmale des Erfolgs, die den Betrachter fragen lassen, was es wohl bedeutet, wenn er nicht jeden auf Anhieb wiedererkennt. Ist man nicht zusammen gealtert?

          Fetischproduktion aus zweiter Hand

          Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt das Video des Schotten Roderick Buchanan, in dem eine endlose Reihe von nationalhymnensingenden Spielern ohne Ton zu sehen ist. So wird sinnfällig, daß die Helden im Fußball - anders als im Kino oder bei der politischen Prominenz -, wenn sie dem nachgehen, was sie allererst zu Stars macht, gerade nicht als Monumente oder Ikonen gegenwärtig sind. Am heitersten stimmt in diesem Zusammenhang „Ein kulturimperialistisches Bubenstück“ von Werner Büttner, der 1987 über Mittelsleute einen Holzschnitzer auf den Marquesas-Inseln dazu bewegen konnte, sich der Endspielelf von 1974 nach Büttners Vorzeichnungen anzunehmen. Fetischproduktion aus zweiter Hand, die Unähnlichkeit zwischen Götze und Bild, Apostelfiguren, die sich alle gleichen - zum vollkommenen Streich fehlt Büttners Werk eigentlich nur, daß die Marquesas niemals in der Hand der Niederländer waren.

          Legende, Ikone, Star: Manche Künstler überschreiten das Spiel mit den religioiden Anlehnungen ins Ernsthafte einer selbstgezimmerten Allegorie - und landen in der Kitschzone, wie Frederico Arnaud mit seinem als primitiven Altar gebauten Tischfußballspiel aus religiösen Figürchen und wolkenfarbenem Spielfeld. Zeigefinger: Fußball ist den armen Leuten so etwas wie eine Religion. Das meint auch Daniel Buetti mit einer Installation, die unter anderem einen Mann zeigt, der den Ball in meditativ-devoter Haltung auf Kopf und Nacken balanciert. Im Gespräch verrät der Künstler dann, daß er den Jongleur auf Barcelonas Flaniermeile entdeckt habe, wo er allerdings meistens Virtuosenstückchen mit dem Leder treibe. Religion ist Fußball also nur, wenn man ausgerechnet das wegläßt, was die Spieler am liebsten tun.

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