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Fußball und Gewalt : Im Alleingang ohne Chance

  • -Aktualisiert am

Eckig: Der Runde Tisch zu Fußball und Gewalt Bild: dpa

Der deutsche Fußball will im Kampf gegen Gewalt mehr investieren. Aber er braucht politische Hilfe. Und es geht nicht ohne die Fans. Denn das Problem erscheint in vielen Varianten.

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          Die Zusammensetzung des runden Tisches, den Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich einberufen hatte, ließ wenig Gutes erwarten. Neben den Fußballfunktionären und Politikern saß nur einer, Michael Gabriel, der das Phänomen Fußball und Gewalt richtig einzuordnen versteht. Den Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte verbindet seit Kindertagen eine tiefe Zuneigung zur Frankfurter Eintracht, und er engagiert sich seit Jahrzehnten in verschiedenen Funktionen in unterschiedlichen Fanorganisationen. Kaum jemand in Deutschland kann die Verhältnisse in deutschen Fußballstadien so genau beschreiben und herleiten wie er. Gabriel hat bei Stadienbesuchen alles selbst erlebt. Und nach jahrelangen Diskussionen versteht er auch, was die Fußballfunktionäre und Politiker umtreibt. Wenn also Gabriel sagt, dass der runde Tisch ihn angenehm überrascht habe, dann bedeutet das schon etwas.

          In diesem Fall, dass die Fußballfunktionäre nicht versucht haben, sich aus der Mitverantwortung zu stehlen, sondern zu ihren Aufgaben stehen, und dass die Politiker der Versuchung widerstanden, unter dem Eindruck martialischer Szenen in den Stadien sich mit einer Law-and-Order Mentalität zu profilieren.

          Es geht nicht ohne die Fans. Es ist nicht sinnvoll, 99,5 Prozent friedliche Zuschauer mit Maßnahmen zu bestrafen, die, so einschneidend sie auch sein mögen, die Gewalt der verbleibenden 0,5 Prozent doch nicht verhindern können. Die Grundthese des Bundesinnenministers hätte jeder Fanvertreter unterschrieben, natürlich tat es auch Gabriel.

          Eine Pauschallösung bot das Gremium nicht an, konnte es auch nicht. Fußball und Gewalt - das Problem erscheint in vielen Varianten und Abstufungen. Hooligans, die sich nur treffen, um einander die Köpfe einzuschlagen, manchmal in Stadionnähe, aber meist weit davon entfernt, in Kneipen, auf Bahnhöfen oder Rastplätzen. Ultras, zu deren Fan-Un-Kultur es gehört, im Fanblock sich und andere mit Pyrotechnik zu gefährden, gegnerische Fans zu beleidigen und zu erschrecken. Und da existiert die Zwischenform, Hooltras genannt, die im Schutze der Ultras es nicht nur bei Drohgebärden belassen, sondern auch gewalttätig werden. Alle Gruppen eint das Feindbild Polizei, gegen die sich die Aggression wendet, wenn sie sich von ihr ungerecht behandelt, provoziert, aber oft auch nur in ihrem Sinnen und Trachten behindert fühlt.

          Ein Teil der Maßnahmen: Video-Überwachung rund um die Stadien
          Ein Teil der Maßnahmen: Video-Überwachung rund um die Stadien : Bild: Jung, Hannes

          Der runde Tisch vermied es, Detaillösungen für die verschiedenen Erscheinungsformen anzubieten. Man delegierte diese Aufgabe an Experten. Eine Task Force unter Leitung des Deutschen Fußball-Bundes, mit Mitgliedern aus allen relevanten Gruppen, wie Polizei, Justiz, Vereinen und Fangruppierungen, soll sich schnell zusammenfinden und sich über Maßnahmen verständigen. Der runde Tisch gab nur die Richtung vor und erteilte allen angedachten Verschärfungen wie personalisierten Eintrittskarten, Verlängerung von Stadionverboten oder Abschaffung der Stehplätze eine Absage. Der angestrebte verbesserte Dialog soll durch restriktive Maßnahmen nicht behindert werden.

          Fanbetreuung allerdings kostet Geld. Über eine Erhöhung der Unterstützung der Fanprojekte sagte Bundesinnenminister Friedrich jedoch nichts. Und so steht hinter den guten Ansätzen ein großes Fragezeichen. Wie ernst ist es der Politik bei dem Thema wirklich? Die Deutsche Fußball-Liga und der Deutsche Fußball-Bund sind bereit, mehr zu investieren. Aber im Alleingang haben sie keine Chance, gewaltbereite Fans wieder in die Gruppe der Fußballfreunde einzugliedern. Dazu benötigen sie Hilfe. Von Bund, Ländern und Kommunen, sowie von den Vereinen, die sich ernsthaft mit ihren organisierten Zuschauern auseinandersetzen, um deren Solidarität wiederzugewinnen.

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