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Fußball und Fans : Tatort Stadion?

Wenn Spahn auf den Fußball und seine Akteure schaut, dann splittert sich die Sicherheitsdiskussion in ganz unterschiedliche Gruppen und Ziele auf: Politik. Medien. Polizei. Gewerkschaften. DFB. DFL. Vereine. Fanbeauftragte. Fanklubs. Ultras. Sponsoren. „Es gibt so viele Einzelinteressen, die für sich gesehen legitim sind. Aber das große Ganze gerät dabei aus dem Blick“, sagt er. Allein die Stadionbesucher teilt Spahn in sieben Gruppen ein. Emotionale Fans. Klassisch-neutraler Fan. Ultras. Familienvater mit Kind. Frauen. Business-Seat-Gast. Sponsoren und Firmen als Gastgeber. Beim Blick auf die Interessengruppen geht es natürlich auch um die Frage, wer den Fußball für seine Zwecke benutzt - und wer glaubt, dass ihm der Fußball gehört.

Wenn der eigene Verein spielt, verengt sich das Blickfeld

Harald Strutz ist DFL-Vizepräsident und Präsident von Mainz 05. Er spürt den Druck, den die Politik macht. Er macht selbst Politik, im Mainzer Stadtrat für die FDP. Strutz hat das Gefühl, der Profifußball komme angesichts des Drucks derzeit kaum zum „Atmen“, geschweige denn zum Diskutieren mit den Fanorganisationen. „Die Sicherheitsfrage hat sich öffentlich hochdiskutiert - aber so richtig. Der größte Fehler wäre, dass wir unter Zeitdruck nun glauben, ein oder zwei Gesprächsrunden mit den Fans würden genügen. Vielleicht müssen es auch zehn sein. Wir dürfen nicht überreagieren, wegen einer sehr geringen Minderheit gewaltbereiter Menschen, die den Fußball als Bühne benutzen“, sagt Strutz. Die größte Schwierigkeit sieht er nun darin, „Leitlinien für die Klubs mit ihren unterschiedlichsten Fanszenen zu finden, die auf alle passen“.

Er will für die „überragende Mehrheit“ der friedlichen Fans das gemeinsame Fußballerlebnis bewahren, aber gleichzeitig „gewaltbereite Störer“ ausgrenzen. „Die Diskussion darf nicht dazu führen, dass dem Fußball alle sozialen Probleme übergestülpt und womöglich noch angelastet werden. Es gibt schließlich auch noch die politische Verantwortung des Staates in der Sozialpolitik, Jugendpolitik und allgemeine Gesellschaftspolitik. Dafür haben wir Politiker gewählt“, sagt Strutz. Der Mainzer Präsident und Politiker wünscht sich, dass die Innenminister dem Profifußball die nötige Zeit geben, um nun einen Konsens zu finden „hinter dem der Fußball stehen kann - und den er dann auch umsetzen kann. Drohungen aus den Reihen der Politiker helfen sicher nicht.“

Wenn die Polizeigewerkschaft die Einsatz- und Überstunden der Beamten vorrechnet und die Politik mit dem Verbot von Stehplätzen droht, dann sind das für Spahn die „Damoklesschwerter“, die über den Verbänden und dem Fußball schweben. Der Fußball will, dass diese Themen ganz schnell verschwinden, und so entstehen eilig Konzepte. Und so kommt es, dass die Gewaltdiskussion aus ganz unterschiedlichen Motiven geführt wird. „Es reden zum Teil Personen über Themen wie Gewalt, Pyrotechnik, Stadionverbote und Sicherheitsrichtlinien, die davon keine Ahnung haben“, sagt Spahn.

Zu diesen Leuten darf man demnach wohl auch Lorenz Caffier zählen, den Vorsitzenden der Innenministerkonferenz. Nach den Krawallen beim Derby Dortmund gegen Schalke sagte er: „Die Ausschreitungen zeigen eindrucksvoll, dass die Zeit zum Handeln gekommen ist. Trotz der ausführlichen Gespräche im Sommer ist es offensichtlich nicht gelungen, die Gewalt in den Fußballstadien einzudämmen. Geredet ist nun genug. Jetzt müssen Taten folgen.“ Caffier drohte mit Geisterspielen.

Für Spahn sind diese „reflexartigen Forderungen“, wie sie nach dem Derby Schlagzeilen machten, ein ganz typisches Beispiel. „Ausschreitungen im öffentlichen Bereich in den Verantwortungsbereich der Vereine zu schieben und in Zukunft mit Geisterspielen zu verhindern, irritieren doch schon sehr. Zum einen widersprechen sie gesetzlichen Vorgaben, zum anderen wäre ein Ausschluss von Fans bei einem Spiel zweier benachbarter Mannschaften, neben vielem anderen, auch schlichtweg taktisch nicht das geeignete Mittel. Hört sich aber erst mal gut an - und bedient den Boulevard.“ Caffier hat es mit dem Fußball schon zu Beginn des Jahres in die Zeitungen geschafft. Da forderte er den Gesichtsscanner im Stadion. Der Vorschlag ist längst vom Tisch. Bei der Übernahme des Konferenzvorsitzes hatte der Politiker erklärt, die Gewalt im Fußball zu einem Schwerpunkt seiner einjährigen Amtszeit zu machen. Dieser Plan hat geklappt.

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