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Fußball und Fans : Tatort Stadion?

Was genau ist eigentlich das Problem, das in deutschen Arenen mit dem Konzept gelöst werden soll? Gewalt? Pyrotechnik? Rassismus? Auf den 32 Seiten steht es nicht, zumindest nicht genau. „Ziel ist es, das Stadionerlebnis sowohl in der subjektiven Wahrnehmung als auch in der objektiven Beurteilung weiterhin sicher zu gestalten“, heißt es. Und von „Optimierung“ ist die Rede.

Helmut Spahn würde auch gerne wissen, wo das Problem liegt. Spahn ist in Sicherheitsfragen eine große Nummer. Er war bei der WM 2006 für die Sicherheit zuständig, er ist der ehemalige Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bunds. Seit dem vergangenen Jahr leitet er das „International Centre for Sport Security“ in Doha. Spahn arbeitet jetzt weltweit. „Es fehlt eine seriöse, neutrale und emotionslose Situationsanalyse“, sagt er zur deutschen Lage. „Die Situation wird aufgebauscht. Die Sinnhaftigkeit des Konzepts kann ich nicht erkennen.“

„Vertrauen gehört dazu“

Wie sieht die Lage tatsächlich aus? Welcher Handlungsbedarf besteht? Das sind für Spahn entscheidende Fragen. „Es gibt in Deutschland 7000 bis 9000 gewaltbereite Fußballanhänger, die man in großen Teilen nicht mehr erreicht. Aber dieses Problem müsste man doch in den Griff kriegen“, sagt Spahn. Bei Gewalttätern ist er ein „absoluter Verfechter von harten Strafen“. Aber mit der großen Mehrheit der Fans müsse man anders umgehen, vor allem mit denjenigen, von denen man hofft, dass sie sich von der Gewalt distanzieren und den dringend nötigen Selbstreinigungsprozess in Gang bringen. „Vertrauen gehört dazu, man muss die Sprache der Leute sprechen“, sagt Spahn, „Drohungen sind das falsche Mittel. Mehr Repression ist nicht das, was der Fußball braucht. Das wird auch nicht zur Lösung führen.“

Spahn weiß längst, dass es nicht überall gut ankommt, wenn er Gewalt im Fußball in Relation setzt. Er sieht sich dann in die Ecke des „Sozialromantikers“ gedrängt, ein bisschen weltfremd. Tatsächlich leitete Spahn in Frankfurt auch das Sondereinsatzkommando, als Einsatzleiter im Stadion war er an vorderster Front. Spahn ist ein Mann der Praxis. Er sagt: „Man muss der Realität ins Auge schauen.“

Welche Maßnahmen sind nötig, damit ein Stadion nicht zum Tatort wird?

In der Saison 2010/11 hat es rund 850 Verletzte in der ersten und zweiten Liga gegeben. Natürlich sei jeder Verletzte einer zu viel, auch wenn nicht jeder Verletzte in dieser Statistik ein Gewaltopfer sei. Dazu zählen auch Zuschauer, die auf der Treppe umknicken, oder Polizisten, die sich den Finger in der Tür quetschen. Aber davon abgesehen: „So viele Verletzte wie in einem Jahr Bundesliga gibt es an einem einzigen Tag auf dem Oktoberfest“, sagt Spahn. „Mich ärgert, dass auf der einen Seite von Tradition und Brauchtum gesprochen wird, auf der anderen Seite von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Daran sieht man, dass es zum Teil auch eine verlogene Debatte ist. Wenn man die Bilanz einer Bundesligasaison mit seinen rund zwanzig Millionen Zuschauern im Vergleich zu anderen Großveranstaltungen betrachtet, kann man fast sagen: Solche Zahlen sind eine Erfolgsmeldung. Statistisch gesehen gibt es einen Verletzten pro Bundesligaspiel mit durchschnittlich 45 000 Besuchern.“

Wenn man Spahn reden hört und sich dazu Fernsehbilder und Schlagzeilen über Gewalttaten und Pyroaktionen in den Stadien vergegenwärtigt - und die Kommentare von Politik und Polizei hinzunimmt -, dann ist es, als verfolge man Berichte aus verschiedenen Welten. „Bilder sagen mehr als 1000 Worte“, sagt Spahn. „Es wird in der Diskussion viel zu stark vereinfacht und verallgemeinert.“ Zudem werde auf den Fußball so genau geschaut wie nie, und dabei würden nun auch die negativen Dinge immer größer. „Aber die Phänomene sind nicht neu, die gibt es seit Jahrzehnten.“ Wohl aber sei die Gewaltbereitschaft gestiegen. Und die Brutalität bei Auseinandersetzungen. Das sei in der gesamten Gesellschaft zu beobachten.

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