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Fußball-Transfermarkt : Die Mär vom Domino-Effekt

Ousmane Dembélé nach München: Plan B für die Bayern? Bild: dpa

Hunderte Millionen Euro wurden diesen Sommer von den Großvereinen für Topspieler bezahlt. Doch alle Transferströme sind weit an der Säbener Straße vorbeigezogen. Wer bleibt für die Bayern?

          Nicht nur bei Fans, auch bei Spielern von Bayern München äußert sich Ungeduld. Darüber, dass die versprochene Transfer-Offensive trotz des Rekordkaufs von Verteidiger Lucas Hernandez (80 Millionen Euro) bisher eher eine Defensive ist. Zuletzt brachte der Berater von Kapitän Manuel Neuer die Zukunft des Torwarts bei den Bayern in Abhängigkeit von deren internationaler Konkurrenzfähigkeit – die er im Vergleich mit den besten englischen Teams nicht mehr gewahrt sieht. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge stellt das als Privatmeinung eines Mannes dar, der „nicht das Sprachrohr von Manuel Neuer“ sei.

          Zugleich räumt Rummenigge ein, dass Bayern nur noch in der Bundesliga die besten Spieler bekommt. Alle Transferströme, die Topspieler der Champions League betrafen, sind bisher in diesem Sommer weit an der Säbener Straße vorbeigezogen. So muss der Klub nun auf einen von Rummenigge prophezeiten „Domino-Effekt“ hoffen, wie vor zehn Jahren, als man am letzten Transfer-Tag Arjen Robben bekam, weil Real Madrid den Weltrekordkauf Cristiano Ronaldo refinanzieren musste.

          Die Frage ist, ob es die ganz dicken Fische, die den Teich richtig aufwirbeln können, wirklich noch gibt. Ohne jeden Domino-Effekt etwa hat Real Madrid schon für mehr als hundert Millionen Euro Eden Hazard vom FC Chelsea geholt. Lokalrivale Atlético verkaufte für insgesamt 150 Millionen Hernandez an die Bayern und Rodrigo an Manchester City, ohne dass es große Wellen schlug. Weitere 120 Millionen wird Antoine Griezmann bringen, wenn Barcelona wie geplant die Ausstiegsklausel für den Weltmeister nutzt (der demonstrativ nicht zum Trainingsauftakt bei Atlético erschienen ist, obwohl er dort noch in Lohn und Brot steht). Als Käufer wiederum zahlte Atlético fast wie nebenbei 127 Millionen für Portugals Wunderkind Joao Felix an Benfica. Und ganz ohne Nebengeräusche (und ohne Bayern-Chance) ging auch der 75-Millionen-Transfer des fabelhaften Frenkie de Jong von Ajax Amsterdam nach Barcelona über die Bühne.

          Wer soll da noch das Domino auslösen? Neymar etwa? Er gibt sich ja alle Mühe. Ist nicht zum Trainingsauftakt erschienen, hat hören lassen, es ziehe ihn zurück nach Barcelona. Doch ob man der Sportzeitung „Marca“ nun glaubt oder nicht, dass Paris St. Germain den Brasilianer zuletzt zwei Mal Real Madrid angeboten, aber Absagen erhalten habe – unübersehbar ist der rapide Niedergang, den die Fußballaktie Neymar durch Skandale, Charakterlosigkeiten und viel schlechtes Theater genommen hat.

          Er sah mal aus wie der Nachfolger von Messi und Ronaldo, zumindest was die Marktstellung betraf. Als PSG ihn vor zwei Jahren für 222 Millionen Euro bei Barça weglotste und das Neymar-Domino die Preise und auch die Sitten in ganz Europa durcheinanderbrachte, worauf in Dortmund Ousmane Dembélé mit einem Streik seinen Wechsel nach Barcelona erzwang, schien es schwer vorstellbar, dass man sich auch in München einmal mit dieser Art von Profis arrangieren müsste. Doch nun schielen dieselben Bayern für den Fall, dass Leroy Sané ihnen absagt, für die gesuchte Verstärkung am Flügel auf denselben Dembélé – also darauf, dass Barça eine mögliche Neymar-Rückkehr womöglich mit dem Verkauf des Franzosen refinanzieren muss. Es wäre am Ende der Verwertungskette zwar doch noch ein kleines Domino-Spiel für die Bayern. Aber eines, wie man es nicht aus einer Position der Stärke spielt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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