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Fußball-Transfermarkt : Im Rausch des Geldes

Kevin De Bruyne: Der aktuelle Gegenwert dieses Bübchens sind drei Volkswagen-Arenen Bild: dpa

Der gesamte De-Bruyne-Deal dürfte sich auf gut 150 Millionen Euro belaufen. Mit Ethik muss man dem Fußball nicht kommen. Aber es ist schlicht obszön, wie hier Vermögen verschwendet wird.

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          Mit dem Transfer von Kevin De Bruyne zu Manchester City wird der deutsche Fußball drastisch zu spüren bekommen, was die entfesselte Macht des Geldes im Fußball anzurichten vermag. Man muss sich dabei noch einmal ganz in Ruhe die Dimension dieses Geschäfts vergegenwärtigen, das sich wenige Tage vor dem Ende der Transferperiode anbahnt.

          Der gesamte De-Bruyne-Deal dürfte sich inklusive Ablösesumme, vier Jahresgehältern und den üblichen Provisionen auf gut 150 Millionen Euro belaufen. Dafür könnte sich der VfL Wolfsburg drei weitere Volkswagen-Arenen neben sein Stadion stellen. Oder anders gesagt: Zwei De-Bruyne-Transfers machen fast eine Allianz-Arena. Ein solch irrwitziges Missverhältnis zwischen realen Werten und sportlichem Spekulationsgeschäft kann dauerhaft nicht die Basis eines Profisports sein, der weiterhin Volkssport sein will.



          Auch wenn solche atemraubenden und lange jenseits der Vorstellungskraft liegenden Transfers wegen des parvenühaften Reichtums der Premier League in den kommenden Jahren üblich werden in Europa: Es ist schlicht obszön, wie Vermögen verschwendet wird, damit in einem Nullsummenspiel ein Vierundzwanzigjähriger für ein paar Jahre in Manchester statt in Wolfsburg kickt. Denn es gibt auch weiterhin nur eine Meisterschaft und eine Champions League zu gewinnen - nur der Preis dafür treibt in immer absurdere Höhen.

          Keine Chance, wenn England shoppen geht

          Mit Ethik muss man dem Fußball bekanntlich nicht kommen. Aber der Schrecken über die neuen Fußball- und Finanzverhältnisse steht mittlerweile selbst hartgesottenen deutschen Liga-Managern ins Gesicht geschrieben. Die Fernseh-Milliarden aus England drohen selbst die Bundesliga aus den Angeln zu heben.

          Fußball-Transfermarkt : Keine Einigung im Fall Kevin de Bruyne

          Klaus Allofs, der es als Wolfsburger Sportdirektor gewohnt ist, alles zu bekommen, was er will, steht nun ziemlich hilflos der englischen Politik des noch viel größeren Scheckbuchs gegenüber. Die Liga muss einsehen, wenn De Bruyne bye-bye sagt, dass selbst ein Klub, hinter dem der mächtige Volkswagenkonzern steht, keine Chance hat, seinen besten und wichtigsten Spieler zu halten, wenn England shoppen geht.

          21 Tore hat De Bruyne vergangene Saison vorbereitet und zehn erzielt. Er wurde zum Fußballer des Jahres in Deutschland erkoren. Der Aufstieg und der Pokalsieg des VfL wären ohne ihn kaum möglich gewesen. Und um dieses fußballerische Juwel aus Belgien wollte der Klub nun ein Team formen, das selbst dem FC Bayern gefährlich werden sollte. Dieser Traum platzt. Von einem auf den anderen Tag müsste nun nicht nur Wolfsburg, sondern der gesamte deutsche Fußball die erhebliche Schwächung des größten Bayern-Konkurrenten der Vorsaison hinnehmen. Wenn nicht gar dessen Abschied. Denn einen Wechsel der Besten, das ist das Zeichen, das von einem Transfer De Bruynes ausginge, kann selbst VW nicht bremsen. Das kann in Deutschland nur der FC Bayern.

          Die Preisspirale wird sich weiter drehen

          Ein Moment der Einkehr wird dieser Deal gleichwohl nicht sein. Im Gegenteil. Die Preisspirale wird sich weiter in aberwitzige Höhen drehen. Die Deutsche Fußball-Liga wird es nun noch stärker als ihren Auftrag ansehen, im Sinne der deutschen Profiklubs alles zu tun, um höhere Einnahmen aus dem neuen Fernsehvertrag herauszuholen. Der Bundesligaspieltag wird künftig noch weiter zerstückelt, die fortschreitende Kommerzialisierung alternativlos.

          Nicht konkurrenzfähig: selbst der VfL Wolfsburg und Klaus Allofs müssen passen, wenn die Engländer shoppen wollen
          Nicht konkurrenzfähig: selbst der VfL Wolfsburg und Klaus Allofs müssen passen, wenn die Engländer shoppen wollen : Bild: dpa

          Das Dilemma aber ist offensichtlich. Die großen Klubs werden immer größer, der Fußball berechenbarer. Schon jetzt können immer weniger Klubs Titel gewinnen, bei vielen Spielen steht der Sieger vorher fest. Und so wäre der neue Rekordtransfer gerade für diejenigen, die den Fußball lieben, weil es ein Spiel ist, bei dem alles möglich ist - und die mit der Magie des Moments weit mehr anfangen können als mit der Faszination des Geldes -, das größte Verlustgeschäft der Saison.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

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