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Fußball : Tore, Tore, Tore - die reine Lehre der Birgit Prinz

Nicht zu bremsen: Birgit Prinz Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Endlich ist das Thema erledigt“: Nach dem Rekordtreffer bei den Europameisterschaften in England umgibt den Fußballstar Birgit Prinz wieder geliebte Stille.

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          Es war nie ihr Ziel. Aber nun hat sie ihn eben, den Torjäger-Rekord. Und sie kommentierte ihn mit einem Satz, der typisch ist für Birgit Prinz. "Ich freue mich natürlich darüber", sagte die Fußballnationalspielerin: "Aber für die Mannschaft war es einfach wichtig, daß wir früh in Führung gehen." Es war am Donnerstag in der 11. Minute des zweiten Gruppenspiels bei der Europameisterschaft in England. Die 27 Jahre alte und 1,79 Meter große Stürmerin vom 1. FFC Frankfurt stand im Strafraum, ließ ihre italienische Gegenspielerin nach einer Körpertäuschung links liegen und erzielte das 1:0. Typisch Birgit Prinz. Präzise und wuchtig. Diese Eigenschaften machen sie zur wohl besten Stürmerin der Welt.

          Und jetzt ist sie auch noch die erfolgreichste deutsche Angreiferin. Ihre Vorgängerin Heidi Mohr hatte Birgit Prinz schon vor ein paar Wochen eingeholt. Nun hat sie sie überholt. 84 Tore in 135 Länderspielen. Birgit Prinz steht ganz oben in der ewigen Bestenliste des deutschen Frauenfußballs. Aber viel wichtiger war ihr, daß sie zum 4:0-Sieg gegen Italien etwas Bedeutsames beigetragen hatte, dazu daß die deutsche Elf im Halbfinale steht.

          Birgit Prinz nimmt sich nicht sonderlich wichtig. Und die Sache mit dem Rekord: eine Momentaufnahme. Sie spricht nicht gerne über ihre Titel, ihre Tore oder gar über ihre Rekorde, weil sie nicht gerne im Mittelpunkt steht. Das lockere Plaudern überläßt sie gerne ihren Kolleginnen. Das weiß und das schätzt auch ihr Berater. "Es gibt Spielerinnen wie Nia Künzer oder Steffi Jones, die haben Charme. Und es gibt eine Birgit Prinz, die es eben auf ihre Art und Weise macht", sagt Siegfried Dietrich, der auch Manager des deutschen Meisters 1. FFC Frankfurt ist.

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          „Nur als Glamour-Girl eigne ich mich nicht“

          Auf ihre Art und Weise hat sie es weit gebracht. Und wenn es im Frauenfußball schon Profis gäbe, dann - so Dietrich - wäre sie die Erste, die davon profitieren würde. "Sie ist die deutsche Spielerin, die perspektivisch vom Fußball leben könnte." Für eine Weile hat sie schon ganz gut davon gelebt. Im Jahr 2003 spielte sie ein paar Monate lang bei Carolina Courage in den Vereinigten Staaten, ehe das Experiment Profiliga beendet wurde. Kurz darauf geriet sie - ganz untypisch - in die Schlagzeilen. Luciano Gaucci, Präsident des italienischen (Männer-)Fußballklubs AC Perugia, wollte die Stürmerin, die gerade Weltmeisterin geworden war, tatsächlich verpflichten. Und Birgit Prinz - ganz untypisch - flog sogar nach Rom und verhandelte mit dem steinreichen Unternehmer. Sie hätte nur unterschreiben müssen, doch sie widerstand der merkwürdigen Verlockung, die wohl eher ein PR-Gag a la Gaucci war. "Wenn ich wegen meiner guten Leistungen auf dem Fußballplatz im Mittelpunkt stehe, dann kann ich damit prima leben und umgehen. Aber nur als Glamour-Girl eigne ich mich nicht besonders", sagte Birgit Prinz. Dabei hatte ihr damaliger Manager Andreas Rink geraten, auf die italienische Reise zu gehen: "Ich habe das immer unter der Rubrik Abenteuer und Weltsensation mit öffentlichem Trubel gesehen."

          Abenteuer? Weltsensation? Trubel? Der Mann hätte eigentlich wissen müssen, daß das nichts für Birgit Prinz ist. Ihr neuer und alter Berater weiß auch, warum: "Sie ist eine bescheidene und zurückhaltende junge Frau. Das ist ein Charakterzug, der ihr hilft, mit beiden Füßen fest auf dem Boden zu stehen", sagt Siegfried Dietrich. Und Fußball ist beileibe nicht ihr ganzes Leben. Wenn es der Terminplan zwischen Nationalmannschaft und Vereinself zuläßt, arbeitet sie in ihrem gelernten Beruf als Physiotherapeutin. Doch der Fußball hat ihr ein Zubrot verschafft. Sie hat einige Sponsoren: einen Sportartikelhersteller, ein Auto- und ein Möbelhaus sowie verschiedene anderen Partner.

          Bis auf den Olympiasieg alle Titel gewonnen

          Es hat sich für Birgit Prinz also gelohnt, daß sie immer am Ball geblieben ist. Und daß sie so geblieben ist, wie sie ist. "Ich glaube, ich kann sagen, daß ich viel investiert habe, um das alles zu erreichen", sagt sie. Daß sie es erreichen würde, daran gab es eigentlich nie Zweifel. Vor zehn Jahren kam ihre Karriere in Fahrt. Mitte der neunziger Jahre sorgte sie beim FSV Frankfurt, damals die beste Adresse im deutschen Frauenfußball, auf Anhieb für Aufsehen. Sie war 16, und sie war eine der Jüngsten im Team. "Aber nicht der Kükentyp." Stimmt. So eine Stürmerin hatte man bis dahin noch nicht gesehen. Schnappt sich den Ball, rennt los, läßt sich von nichts und niemandem aufhalten - und trifft.

          „Sie hat eine Eigendynamik entwickelt, die es in der ganzen Bundesliga nicht gibt“, schwärmte Jürgen Strödter, ihr damaliger Trainer beim FSV, und setzte noch einen drauf: "Sie ist klar die Stürmerin in Deutschland mit dem größten Talent." Niemand wollte ihm damals widersprechen. Nur eine: Birgit Prinz, die mit derlei Superlativen nichts anfangen konnte: "Größtes Talent würde ich nie sagen. Vielleicht bin ich ein großes Talent." Das war sie. Denn danach ging alles rasend schnell. Mit 16 spielte sie erstmals in der Nationalelf, ein Jahr später erzielte sie beim 3:1-Erfolg im EM-Finale gegen Schweden in Kaiserslautern ein Tor. Ein Jahrzehnt später hat sie - bis auf den Olympiasieg - alle Titel gewonnen, die es zu gewinnen gibt. Und jetzt eben die Sache mit der treffsichersten deutschen Stürmerin der Geschichte. Und nun? Nun kehrt wieder Ruhe ein. "Ich habe mich gefreut. Es ist so viel über diesen Rekord gesprochen und geschrieben worden. Ich bin froh, daß das Thema endlich erledigt ist." Typisch Birgit Prinz.

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