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Fußball-Talentreport (3) : Wie macht Mainz 05 das nur?

Aus Mainz in die große Fußballwelt: Andre Schürrle Bild: Imago

Jedes Jahr schaffen im Schnitt ein oder zwei Mainzer Talente den Weg in den Profifußball. Und einen Weltmeister hat der Klub sogar schon ausgebildet. Wie ist das möglich?

          Wenn es um Nachwuchsarbeit und die begehrtesten Talente geht, die Deutschland im Sommer zur Nummer eins der Welt gemacht haben und den Vereinen viele Millionen in die Kasse spülen, ist stets von Konzepten die Rede. Tatsächlich gibt es ohne Konzept in der Nachwuchsarbeit nichts mehr zu gewinnen - aber auch nicht ohne Menschen, die diese Konzepte mit Leben füllen. Und dass im großen Fußball-Business ein kleiner Klub wie Mainz 05 einen der herausragenden Nachwuchsbetriebe der Liga unterhält, hat auch etwas mit Leuten wie Christian Heidel und Volker Kersting zu tun. Beide arbeiten seit mehr als zwanzig Jahren für den Klub. Heidel gehört dem Vorstand seit 1992 an, er ist der dienstälteste Manager der Liga.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Kersting ist sogar noch ein bisschen länger dabei. Er wuchs neben dem Bruchwegstadion auf und leitet das Nachwuchsleistungszentrum seit zwanzig Jahren. Als er mit 19 Jahren bei der Mainzer A-Jugend als Betreuer anfing, war er nicht älter als die Spieler, um die heute die größten Klubs in Europa mit Millionenbeträgen buhlen und die aus Teenagern reiche Leute machen.

          Erst zehn Jahre richtige Nachwuchsarbeit

          Mainz 05 hat erst vor zehn Jahren, als der Klub erstmals in die Bundesliga aufstieg, so richtig mit der Nachwuchsarbeit begonnen. „Bis dahin gab es für die Jugend nur einen Hartplatz. Wir hatten eigentlich gar nichts. Wenn wir gegen die A-Jugend des FCK gespielt haben, war die Frage immer nur: Kriegen wir fünf oder zehn?“, sagt Manager Heidel. „Jetzt haben wir sechs Plätze - da lachen die großen Klubs zwar immer noch drüber. Aber inzwischen haben wir viele überholt.“ Mit Trainer Thomas Tuchel und dem späteren Weltmeister André Schürrle holte die U19 im Jahr 2009 die deutsche Meisterschaft.

          Zuletzt kam das Team immer wieder ins Halbfinale. Derzeit steht die U19 auf Platz vier der Bundesliga Süd/Südwest mit abermaliger Chance aufs Halbfinale. „Der Titel mit der A-Jugend ist für mich genauso eine Sensation, als würde Mainz jetzt mit den Profis Meister werden“, sagt Heidel. Die zweite Mannschaft, um die sich der Manager in seinen ersten Jahren nebenbei kümmerte, spielte einst sogar in der niedrigsten Liga, die es überhaupt gibt im Fußball: in der Kreisklasse. Im vergangenen Jahr hat es die U23 nun unter Leitung des jetzigen Profitrainers Martin Schmidt in die dritte Liga geschafft - höher hinaus geht es für die zweite Mannschaft eines Profiklubs nicht.

          Liebe zum Detail

          Da spielen nicht mal die Nachwuchsteams von Bayern München, VfL Wolfsburg oder Schalke 04. Und jedes Jahr gelingen im Schnitt einem oder zwei Mainzer Jungs der direkte Weg in den Profifußball, dem eigentlichen Ziel der Talentförderung. All das hat Mainz in relativ kurzer Zeit geschafft - ohne einen millionenschweren Mäzen, ohne Finanzinvestor oder strategischen Partner. So zeigt das Mainzer Beispiel eben auch, dass eigentlich jeder Bundesligaverein die Chance hat, gute und erfolgreiche Nachwuchsarbeit zu leisten - wenn man es will und kann.

          Musterbeispiele Mainzer Jugendarbeit: Weltmeister André Schürrle und Stefan Bell (r., im Duell beim Bundesligaspiel am Sonntag) haben 2009 zusammen die A-Junioren-Meisterschaft gewonnen

          Wie aber hat Mainz das gemacht? Volker Kersting sagt über das Konzept des Klubs Sätze, die man in jedem Nachwuchsleistungszentrum hört. Das klingt bei ihm dann so: „Wir kümmern uns wirklich um die Jungs bis ins letzte Detail. Das ist auch unsere Verpflichtung und Verantwortung. Und das kann man eben nicht nach dem Motto machen: Mal sehen, wie weit es als Fußballer reicht - und der Rest interessiert mich dann nicht und man lässt den Jungen dann fallen. Wenn wir jemand hierher holen, dann ist es unsere Verpflichtung, dass er als Erstes seine schulische Ausbildung hinbekommt, dass wir ihn in der Persönlichkeitsentwicklung begleiten und dass wir ihn fußballerisch besser machen.“

          Nicht überall verantwortungsvoll

          Tatsächlich aber sind die Unterschiede zwischen Rhetorik und Realität in der Bundesliga mitunter enorm. Einige Vereine scheint es immer noch herzlich wenig zu kümmern, was aus den Jugendlichen einmal wird, wenn sie es nicht in den Profifußball schaffen. Diesem Befund mag Kersting nicht widersprechen, im Gegenteil. „Irgendwann wird es in ein paar Jahren auch Statistiken geben, wie viele von den Jungs hinten runtergekippt sind. Und bei wie vielen dafür gesorgt worden ist, dass sie einen vernünftigen Schulabschluss haben und begleitet wurden. Da wird sich in ein paar Jahren etwas auftun, was keiner lesen will. Ich kann es nicht mit Zahlen belegen, aber vom Gefühl kann ich sagen, dass nicht überall mit dieser Verantwortung mit den Jungs umgegangen wird, wie es sein sollte.“ Es ist genau diese Diskrepanz, in der mittlerweile ein wichtiger Vorteil für Mainz im großen Kampf um die großen Talente liegt.

          Mainz hat weder finanziell noch geographisch gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Jugendarbeit. Die Ballung von Profiklubs in der Region ist groß, ganz anders als etwa in Berlin, Hamburg oder München mit ihrem weitläufigen Einzugsgebiet und wenigen Vereinen. „Wir haben in der Rhein-Main-Region ein Einzugsgebiet von drei Millionen. Aber Eintracht Frankfurt ist nur 50 Kilometer entfernt, Hoffenheim 135, Kaiserslautern 80, dazu kommen noch die Zweitligaklubs FSV Frankfurt und Darmstadt 98. Die Konkurrenzsituation ist da“, sagt Kersting. „Man mag vielleicht sagen, dass wir deswegen bei unserer Arbeit an der einen oder anderen Stelle noch ein bisschen mehr ins Detail gehen. Aber das möchte ich als Argument nicht gelten lassen. Der Konkurrenzdruck steht bei uns hinten an - wir ticken wirklich so. Und die Jungs und die Eltern merken, ob es das Selbstverständnis ist, dass man sich intensiv kümmert. Oder ob man es nur macht, weil man es muss, weil die anderen Vereine ringsum einem gefährlich werden.“

          Kompetenz im NLZ

          Die große Stärke der Mainzer, davon sind Kersting und Heidel überzeugt, liegt nicht allein in der fußballerischen Klasse der Talente. Sondern in der Kompetenz der Leute im Nachwuchsleistungszentrum, die mit den Jungs arbeiten. „Die wichtigste Entscheidung war, dass wir in Manpower in unserem Zentrum investiert haben. Also in Leute wie Volker Kersting, der das früher nebenbei gemacht hat, oder in Stefan Hofmann, dem Sportlichen Leiter des Leistungszentrums. Wir haben gezielt in Leute investiert, die sich im Jugendfußball auskennen, die eine Profession dafür haben“, sagt Heidel. Mittlerweile gehören zum Mainzer Nachwuchsstab fünf Trainer, die eine Fußballlehrerlizenz besitzen, mit der sie auch in der Bundesliga trainieren könnten. Ein Fall wie bei Hertha BSC etwa, die nun den ursprünglichen U-15-Trainer Pal Dardai in der Bundesliga einen Mann mit entsprechender Lizenz zur Seite stellen müssen, würde in Mainz kaum eintreten. Dafür arbeiten dort zu viele Trainer mit Bundesliga-Qualifikation im Nachwuchsbereich.

          Der größte Vereinserfolg: Die A-Junioren mit Trainer Thomas Tuchel werden 2009 Meister

          „Viele unserer Trainer haben wir selbst entwickelt. Damit füllt man sein Ausbildungsprogramm mit einer eigenen Überzeugung. Denn nur wenn man ein Ausbildungsprogramm aus dem Klub heraus entwickelt und alle ins Boot holt, wird es so sein, dass die Trainer das mit noch größerer Überzeugung rüberbringen. Deswegen ist es uns so wichtig, dass wir im Ausbildungsbereich die größtmögliche Konstanz haben“, sagt Kersting. „Der Schlüssel des Erfolgs liegt für uns in der Qualität des Personals. Denn nur wenn ich gute Trainer und Ausbilder habe, gibt es die Möglichkeit, mit den Jungs entsprechend zu arbeiten und sie auszubilden. Wenn ich am Personal spare und hole mir dafür drei, vier Spieler mehr, wird sich auf Sicht die Qualität der Ausbildung bei uns verschlechtern.“

          Mainz legt großen Wert auf „extreme Individualisierung“ von der U15 an, wie Kersting sagt. Auf spezifisches Positionstraining, auf Zusatzeinheiten in kleinen Gruppen. Und im Alltag zwischen Sport und Schule „übernehmen wir nicht Dinge für sie, sondern leiten sie an, die Dinge selbst lösen zu können. Am Anfang muss man den Jungs aber den Alltag strukturieren. Sonst endet das in einem vollkommenen Chaos.“

          Kein reines Idyll

          Von den fünf Trainern mit dem höchsten Trainerschein haben drei in Mainz ihre Lizenz gemacht, einer wurde im Verein als Spieler groß und absolvierte während der Fußballlehrerlizenz sein Praktikum im Klub. Bei Mainz 05 sind daher nicht nur Talente für die Konkurrenz interessant, sondern mittlerweile auch deren Trainer - bei Vereinen wie Verbänden. Vor der Saison warb der Deutsche Fußball-Bund den Mainzer B-Jugend-Coach Meikel Schönweitz als U-16-Bundestrainer ab. Er arbeitet nun auch als Koordinator des Bereichs U15 bis U17 beim DFB. Im Sommer rückte dann der früheren Mainzer Profi Bo Svensson ins Trainerteam auf, neuer Athletiktrainer wurde Jonas Grünewald, der zuvor vier Jahre im Mainzer Nachwuchsbereich gearbeitet und während seiner Diplomarbeit an der Uni zum Klub gestoßen war. Und nun ist mit Martin Schmidt nach der Trennung von Kasper Hjulmand abermals ein Trainer aus dem Nachwuchsbereich zu den Profis aufgerückt.

          Auf hohem Niveau: Die U23 misst sich mittlerweile in der dritten Liga mit Top-Teams wie Dynamo Dresden

          Mainz 05 ist natürlich kein reines Idyll. Der Konkurrenzkampf unter den und um die Talente ist hart. Den ersten Vertrag mit Jugendspielern dürfen Vereine in der U15 abschließen, genauer gesagt: mit ihren Eltern. 250 Euro ist die Mindestsumme. „Aber so richtig los geht es erst bei der U17, zweiter Jahrgang. Dann ist es normales Profigeschäft“, sagt Heidel. „Wenn unsere U17 und U19 spielen, dann sind 80 Prozent der Zuschauer Berater und irgendwelche Vereinsvertreter. Ein Verein wie Mainz 05 hat da aus wirtschaftlicher Sicht überhaupt keine Möglichkeiten.“ Die Zahlungen an die Fußball-Teenager steigern sich in der U19 auf bis zu 5000, 6000 oder 7000 Euro im Monat. Die Branche boomt, die Ablösesummen und Gehälter für Talente steigen immer weiter. „Durch die Toptalente verschiebt sich das Gefüge nach oben. Das merken wir“, sagt Kersting.

          Grenze nun bei 14

          Heidel bedauert es, dass die wirtschaftliche Kraft jetzt auch in der Jugend eine wichtige Rolle spielt - und nicht mehr nur die sportlichen Voraussetzungen, die ein Verein schafft. „Aber wir sind da auch nicht unbeleckt. Unsere Spieler sind begehrt, und wir versuchen auch, andere Spieler hierher zu holen“, sagt der Manager. Auch die Mainzer machen mittlerweile ein paar Dinge, die sie eigentlich nicht machen wollen. Aber sie tun es, weil sie fürchten, sonst den Anschluss zu verpassen. „Normalerweise fangen wir im Internat mit 15 Jahren an. Nächste Saison fangen wir das erste Mal mit einem Spieler mit 14 an, was ich fürchterlich finde. Aber es geht heute manchmal nicht mehr anders“, sagt Kersting. Im Sommer soll ein Junge aus Nordhessen kommen. 200 Kilometer liegen dann zwischen Fußballplatz und seinem Elternhaus. Kersting hält das für „überbrückbar“.

          Der Junge soll so oft wie möglich nach Hause fahren können - und die Eltern ihn häufig besuchen, vor allem in der Eingewöhnungszeit. Mit einem Vierzehnjährigen aus Rostock, sagt Kersting, hätte der Verein das nicht gemacht. „Mit 13 Jahren ist es verboten, in ein Internat zu wechseln. Es muss spezielle Gründe geben, aber man kann sich spezielle Gründe stricken. Das muss man so deutlich sagen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es sich um eine solche Anzahl von Spielern handelt, die man in diesem Alter in deutschen Internaten vorfindet. Wir machen das auf gar keinen Fall“, sagt Kersting. Die Mainzer Grenze liegt jetzt also bei 14.

          Heidel mag es eigentlich nicht, wenn Spieler selbst mit 15 Jahren den Verein wechseln. Aber schon vor drei Jahren konnte auch Mainz dem großen Talent von Patrick Pflücke aus Dresden nicht widerstehen - und holte den Fünfzehnjährigen, mitsamt Familie. „Er hatte Angebote aus ganz Europa: Chelsea, Tottenham, Bayern, Dortmund und Hoffenheim“, sagt Heidel. Der Vater arbeite nun als Hausmeister in der Arena, die Mutter im Fanshop. „Sie sind bei uns im Verein voll integriert.“ Im Dezember gab dann der Sohn wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag gegen den FC Bayern sein Debüt in der Bundesliga. „Er wurde bei Stand von 1:1 eingewechselt, nicht bei 0:3“, betont Heidel. Der Manager sagt das so, als habe sich dieser Wechsel schon für alle gelohnt.

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