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Fußball-Talentreport (3) : Wie macht Mainz 05 das nur?

Mainz legt großen Wert auf „extreme Individualisierung“ von der U15 an, wie Kersting sagt. Auf spezifisches Positionstraining, auf Zusatzeinheiten in kleinen Gruppen. Und im Alltag zwischen Sport und Schule „übernehmen wir nicht Dinge für sie, sondern leiten sie an, die Dinge selbst lösen zu können. Am Anfang muss man den Jungs aber den Alltag strukturieren. Sonst endet das in einem vollkommenen Chaos.“

Kein reines Idyll

Von den fünf Trainern mit dem höchsten Trainerschein haben drei in Mainz ihre Lizenz gemacht, einer wurde im Verein als Spieler groß und absolvierte während der Fußballlehrerlizenz sein Praktikum im Klub. Bei Mainz 05 sind daher nicht nur Talente für die Konkurrenz interessant, sondern mittlerweile auch deren Trainer - bei Vereinen wie Verbänden. Vor der Saison warb der Deutsche Fußball-Bund den Mainzer B-Jugend-Coach Meikel Schönweitz als U-16-Bundestrainer ab. Er arbeitet nun auch als Koordinator des Bereichs U15 bis U17 beim DFB. Im Sommer rückte dann der früheren Mainzer Profi Bo Svensson ins Trainerteam auf, neuer Athletiktrainer wurde Jonas Grünewald, der zuvor vier Jahre im Mainzer Nachwuchsbereich gearbeitet und während seiner Diplomarbeit an der Uni zum Klub gestoßen war. Und nun ist mit Martin Schmidt nach der Trennung von Kasper Hjulmand abermals ein Trainer aus dem Nachwuchsbereich zu den Profis aufgerückt.

Auf hohem Niveau: Die U23 misst sich mittlerweile in der dritten Liga mit Top-Teams wie Dynamo Dresden

Mainz 05 ist natürlich kein reines Idyll. Der Konkurrenzkampf unter den und um die Talente ist hart. Den ersten Vertrag mit Jugendspielern dürfen Vereine in der U15 abschließen, genauer gesagt: mit ihren Eltern. 250 Euro ist die Mindestsumme. „Aber so richtig los geht es erst bei der U17, zweiter Jahrgang. Dann ist es normales Profigeschäft“, sagt Heidel. „Wenn unsere U17 und U19 spielen, dann sind 80 Prozent der Zuschauer Berater und irgendwelche Vereinsvertreter. Ein Verein wie Mainz 05 hat da aus wirtschaftlicher Sicht überhaupt keine Möglichkeiten.“ Die Zahlungen an die Fußball-Teenager steigern sich in der U19 auf bis zu 5000, 6000 oder 7000 Euro im Monat. Die Branche boomt, die Ablösesummen und Gehälter für Talente steigen immer weiter. „Durch die Toptalente verschiebt sich das Gefüge nach oben. Das merken wir“, sagt Kersting.

Grenze nun bei 14

Heidel bedauert es, dass die wirtschaftliche Kraft jetzt auch in der Jugend eine wichtige Rolle spielt - und nicht mehr nur die sportlichen Voraussetzungen, die ein Verein schafft. „Aber wir sind da auch nicht unbeleckt. Unsere Spieler sind begehrt, und wir versuchen auch, andere Spieler hierher zu holen“, sagt der Manager. Auch die Mainzer machen mittlerweile ein paar Dinge, die sie eigentlich nicht machen wollen. Aber sie tun es, weil sie fürchten, sonst den Anschluss zu verpassen. „Normalerweise fangen wir im Internat mit 15 Jahren an. Nächste Saison fangen wir das erste Mal mit einem Spieler mit 14 an, was ich fürchterlich finde. Aber es geht heute manchmal nicht mehr anders“, sagt Kersting. Im Sommer soll ein Junge aus Nordhessen kommen. 200 Kilometer liegen dann zwischen Fußballplatz und seinem Elternhaus. Kersting hält das für „überbrückbar“.

Der Junge soll so oft wie möglich nach Hause fahren können - und die Eltern ihn häufig besuchen, vor allem in der Eingewöhnungszeit. Mit einem Vierzehnjährigen aus Rostock, sagt Kersting, hätte der Verein das nicht gemacht. „Mit 13 Jahren ist es verboten, in ein Internat zu wechseln. Es muss spezielle Gründe geben, aber man kann sich spezielle Gründe stricken. Das muss man so deutlich sagen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es sich um eine solche Anzahl von Spielern handelt, die man in diesem Alter in deutschen Internaten vorfindet. Wir machen das auf gar keinen Fall“, sagt Kersting. Die Mainzer Grenze liegt jetzt also bei 14.

Heidel mag es eigentlich nicht, wenn Spieler selbst mit 15 Jahren den Verein wechseln. Aber schon vor drei Jahren konnte auch Mainz dem großen Talent von Patrick Pflücke aus Dresden nicht widerstehen - und holte den Fünfzehnjährigen, mitsamt Familie. „Er hatte Angebote aus ganz Europa: Chelsea, Tottenham, Bayern, Dortmund und Hoffenheim“, sagt Heidel. Der Vater arbeite nun als Hausmeister in der Arena, die Mutter im Fanshop. „Sie sind bei uns im Verein voll integriert.“ Im Dezember gab dann der Sohn wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag gegen den FC Bayern sein Debüt in der Bundesliga. „Er wurde bei Stand von 1:1 eingewechselt, nicht bei 0:3“, betont Heidel. Der Manager sagt das so, als habe sich dieser Wechsel schon für alle gelohnt.

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