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Fußball-Talentreport (10) : „Wir wollen im Sommer den Titel holen“

Auf Ballhöhe: Maximilian Arnold (l.) gehört in Wolfsburg mittlerweile zum Stammpersonal Bild: AFP

Maximilian Arnold und Robin Knoche gelang beim VfL Wolfsburg der Sprung vom Nachwuchs zu den Profis. Vor ihnen hat das noch niemand geschafft. Im F.A.Z.-Interview sprechen sie über Verzicht, Familiengefühle – und Triumphe.

          Zu dem Buch „111 Gründe, den VfL Wolfsburg zu lieben“ müssten Sie etwas beitragen können. Niemand sonst ist beim VfL schließlich der Sprung aus dem Nachwuchs zu den Profis gelungen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Knoche: Wir haben einige Auszüge des Buchs in einem Vortrag zu hören bekommen, das war interessant und teilweise auch lustig.

          Arnold: Aber gelesen haben wir es nicht, oder? (grinst). Aber es stimmt schon, dass wir die Einzigen sind. Ich bin jetzt seit 2009 im Klub. In den ersten drei Jahren habe ich im Internat gelebt. Am wichtigsten war daher für mich am Anfang das familiäre Gefühl, das ich dort erlebt habe. Da wusste jeder sofort, wer ich bin, vom Internatsleiter bis zur Köchin. Alles war herzlich, alle hatten ein freundliches Wort für mich. Solche Kleinigkeiten machen es manchmal aus. Das war der Schlüssel, um mich wohl zu fühlen.

          Knoche: Ich war nie im Internat, ich komme ja aus Braunschweig, also ganz aus der Nähe. Ich bin jetzt schon seit fast zehn Jahren im Verein. Was mich hier von Anfang an fasziniert hat, war neben dem Familiären die Professionalität. Das habe ich sofort registriert, das zieht sich wirklich von der Jugendabteilung bis zur Profimannschaft. Es dreht sich hier alles um die Spieler, in allen Bereichen hat sich jemand gekümmert: ob es um schulische, familiäre oder andere Dinge ging. Bei mir war es, nur ein kleines Beispiel, immer schwierig mit der Zugverbindung von Braunschweig. Da wurden wir fünf, sechs Spieler immer mit dem Bus abgeholt. Es wurde alles dafür getan, damit wir uns wohl fühlen. Aber es ging eben auch darum, dass wir die besten Voraussetzungen haben, um uns ganz auf den Fußball konzentrieren zu können.

          Aus dem heimischen Braunschweig nach Wolfsburg: Robin Knoche (r.) ist auf dem Weg nach oben

          Warum sind sie damals gekommen? Wolfsburg war 2005 wie 2009 der Werksklub, der seine Spieler nur eingekauft und nicht ausgebildet hat.

          Arnold: Für mich war das Argument, dass ich in der B- und A-Jugend in der Bundesliga spielen konnte. Das war damals bei Dynamo Dresden, wo ich herkam, nicht möglich. Mir ging es darum, dass ich in der höchsten Spielklasse Fuß fasse. Ich war bei meinem Wechsel gerade 15 Jahre alt, da habe ich nicht gesagt: Ich gehe zum VfL Wolfsburg, um Profi zu werden. Das hat sich erst mit den Jahren immer stärker entwickelt. In unserem Job und in unserem Alter macht man es ja nicht so oft, dass man zurückschaut, aber wenn ich das jetzt tue, dann muss ich schon sagen, dass es ein sehr schwerer Weg war. Wir haben beide sehr viel auf uns genommen, das ist alles mit vielen Entbehrungen verbunden. Das vergessen viele - oder können es sich gar nicht vorstellen. Man führt nicht das Leben eines normalen Jugendlichen, nicht das Leben seiner „normalen“ Freunde. Man hat oft nicht mal Zeit, sich einfach nur zu treffen.

          Knoche: Meine Motivation war, obwohl ich noch früher hierhergekommen bin, genau dieselbe wie von Maxi. Ich wollte bei einem besseren Verein spielen, nicht mehr. Und es stimmt: Damals hatte sich kein Spieler aus der Jugend richtig durchgesetzt bei den Profis, aber darüber habe ich damals gar nicht nachgedacht. Ehrlich gesagt, bin ich heute auch fast ein wenig überrascht, dass ich es geschafft habe. Wenn man überlegt, wer alles mit einem angefangen hat, und dann ist fast niemand mehr da. Und so richtig daran geglaubt, dass ich es schaffe, habe ich wirklich erst, als ich das erste Mal bei den Profis mittrainiert habe. Nicht vorher.

          Arnold: Ich habe das in jungen Jahren auch alles nicht begriffen. Erst als ich das erste Mal oben mittrainiert habe, wurde mir meine Chance richtig bewusst, das war ganz ähnlich. Aber dann wollte ich es auch schaffen. Unbedingt.

          Hatten Sie nach der A-Jugend den Gedanken, den Klub zu wechseln - zu einem Bundesligaklub, wo die Durchlässigkeit zu den Profis größer war als in Wolfsburg? Sie hatten ja bestimmt auch andere Angebote.

          Knoche: Nein, andere Angebote hatte ich eigentlich nie.

          Aber wenn man mit der A-Jugend deutscher Meister wird, wie sie beide 2011, dann reißen sich doch die Klubs um die besten Spieler.

          Knoche: Ich hatte damals das zweite A-Jugendjahr größtenteils schon bei den Amateuren gespielt. Für mich war die U-23 als U-19-Spieler auch ein ganz wichtiger Schritt in meiner gesamten Entwicklung. Zwischen A-Jugend und Männerbereich ist es, was die Schnelligkeit und das körperbetonte Spiel angeht, doch noch mal etwas ganz anderes. Mir hat diese Erfahrung sehr geholfen. Auch mit Blick auf das Endspiel und den Gewinn der A-Jugendmeisterschaft war es wichtig, dass ich diese Erfahrungen schon gemacht hatte. Um aber noch mal darauf zurückzukommen: Es stimmt, dass die Durchlässigkeit beim VfL vorher nicht so gegeben war, das hat sich aber über die Jahre jetzt stetig entwickelt. Aber mit anderen Klubs, wo die Durchlässigkeit größer ist, habe ich mich damals nicht beschäftigt.

          Arnold: Ich auch nicht. Das liegt auch daran, weil ich sehr früh einen Profivertrag in Wolfsburg unterschrieben habe, mit 17. Ich hatte mir hier etwas erarbeitet, da gab es für mich keinen Grund, nach anderen Vereinen zu schauen.

          Die Nationalmannschaft im Fokus: auch bei Wolfsburg orientieren sich Arnold und Knoche an André Schürrle (Mitte)

          Als Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm in ihrem Alter waren, haben sie beim FC Bayern beklagt, dass Spielern aus dem eigenen Verein weniger Beachtung geschenkt werde, als den teuer eingekauften Spielern. Das kann man sich in Wolfsburg ganz ähnlich vorstellen, wenn wie zuletzt ein Weltmeister wie Andre Schürrle für über 30 Millionen kommt oder vorher Kevin de Bruyne und Luiz Gustavo für rund 20 Millionen.

          Knoche: Das ist natürlich ein Unterschied, das sind ganz andere Voraussetzungen. Auf der anderen Seite können sich die Fans mit uns Jungs aus der eigenen Jugend sehr gut identifizieren. Aber innerhalb der Mannschaft oder wie der Trainer mit den Spielern umgeht - da spüre ich keinen Unterschied. Da wird man genauso wertgeschätzt wie alle anderen.

          Arnold: Wenn ein Spieler wie zum Beispiel jetzt André Schürrle kommt, ist das etwas ganz anderes, auch der Hype, der darum zu Anfang gemacht wird. Das ist doch ganz klar. Aber im Alltag merke ich dann auch keinen Unterschied. Wenn man morgens zum Training kommt und die Fans da sind, bekommen wir, wenn wir Autogramme geben oder Fotos gemacht werden, schon immer wieder gesagt, dass sie froh sind, dass wir in der Mannschaft sind.

          Knoche: Oft hört man auch: Das ist einer von uns, einer aus der Region, aus der eigenen Jugend. Man merkt einfach, dass das ganz positiv gesehen wird.

          Kann ein Werksklub, der einigen Fans als kalte Konstruktion gilt, zu einer Herzenssache werden, wenn man hier groß geworden ist - oder ist das eine Kategorie, die für junge Spieler in diesem Geschäft keine Bedeutung mehr hat?

          Knoche: Allgemein kann man sicher sagen, dass alle Spieler Verbundenheit zu ihrem ersten Verein haben, da, wo man ausgebildet wurde. Das hängt aber natürlich auch daran, wie es lief. Es gibt ja genug Fälle, da gab es nur Probleme während der Ausbildung, da musste man sich brutal durchkämpfen, weil man nie akzeptiert wurde.

          Arnold: Es gibt Spieler wie Steven Gerrard, der seit über 15 Jahren für Liverpool spielt, von denen kann man sagen, dass sie Heimatgefühle gegenüber ihrem Klub haben. Wir sind dazu vielleicht noch ein bisschen zu jung. Da müssen wir noch zehn Jahre warten. Es ist unser erster Verein im Profigeschäft, da kann man nur schwer von solchen Gefühlen sprechen.

          Auch in der U21 des DFB-Teams ist Robin Knoche (l.) eine feste Größe

          Knoche: Wenn man sich Vereine wie Liverpool oder Manchester United anschaut, die eine ganz andere Geschichte haben als unser Verein, muss sich so etwas über die Zeit entwickeln. Wer weiß, wie es mit dem VfL Wolfsburg weitergeht, wenn wir jetzt dauerhaft das internationale Geschäft erreichen. Das ist unser Ziel, die Möglichkeiten dafür sind da.

          Arnold: Wenn wir den Erfolg haben, kommt alles von allein. Aber es ist schon so, dass man als kleiner Junge den Traum hat, in großen Stadien zu spielen. Aber wir leben im Hier und Jetzt. Und das Hier und Jetzt ist super.

          Wo sehen Sie Wolfsburg in drei Jahren?

          Arnold: Ich kann ja nicht mal sagen, wie es in fünf Wochen sein wird. Es ist wahnsinnig schwer, in die Zukunft zu schauen.

          Knoche: Ganz genau, alles geht so schnell. Wir spielen jetzt im Pokal im Viertelfinale gegen Freiburg (19 Uhr / Live bei Sky und im DFB-Pokal-Ticker auf FAZ.NET) , da träumt man natürlich vom Titel. Aber selbst das ist noch weit weg. Sportlich kann man aber sagen, dass wir nach zwei Jahren mit dem Trainer auch die nötige Kontinuität auf dem Platz haben. Da merkt man mittlerweile, egal wie es steht und wie lange gespielt ist, dass wir in der Lage sind, das Spiel zu drehen. Über die Zeit hat sich eine Menge Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen angesammelt.

          Im Sommer steht die U-21-EM an. Viele Ihrer Vorgänger, die 2009 diesen Titel gewonnen haben, sind jetzt Weltmeister.

          Knoche: Hast du schon mal EM gespielt? Ich nicht.

          Arnold: Nein, noch nie. Man kann aus dieser EM aber nicht schließen, dass wir dann 2016 oder 2018 automatisch in der Nationalmannschaft stehen (grinst).

          Knoche: Nach Möglichkeit wollen wir im Sommer den Titel holen. Aber das muss man sich hart erarbeiten, wie alles andere auch. Und das immer wieder über die Leistung im Verein bestätigen - und auf einen Anruf hoffen. Auf meiner Position ist die Konkurrenz sehr groß: Boateng, Hummels, Höwedes spielen dort seit Jahren, und jetzt ist auch noch Mustafi dazugekommen. Klar ist es schwierig. Aber warum soll es nicht gehen?

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