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Fußball : Sputnik-Alarm in England

Lampard (v.) und Co. beweisen es: Geld schießt doch Tore Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das viele Geld und die drohende Langeweile: Der FC Chelsea fliegt der Konkurrenz davon. Fußball in England droht langweilig wie nie zu werden. Nun hat sich die höchste Instanz persönlich eingeschaltet.

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          Man wäre gern ein ganz durchschnittlicher Angestellter - beim FC Chelsea. Die letzte Jahresbilanz des englischen Fußballmeisters listet Gehälter von 102,5 Millionen Pfund (gut 150 Millionen Euro) auf, für 124 Angestellte: Jugendspieler, Masseure und Sekretärinnen inklusive. Der durchschnittliche Angestellte des FC Chelsea ist der vermutlich bestverdienende durchschnittliche Angestellte der Welt. Er bekommt pro Jahr rund 1,2 Millionen Euro.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Sollte man ihm das nicht gönnen? Die Konkurrenz tut es nicht: Das viele Geld von Chelsea, klagen sie, mache das Geschäft kaputt. Fußball in England droht langweilig wie nie zu werden. Der Titelverteidiger, binnen kaum mehr als zwei Jahren mit über einer Milliarde Euro aus der Tasche des Russen Roman Abramowitsch in die Umlaufbahn geschossen wie ein Fußball-Sputnik, fliegt der Konkurrenz davon - das 5:1 gegen Bolton Wanderers am Samstag war der neunte Sieg im neunten Spiel.

          Opportunistisches Näschen

          Nun hat sich die höchste Fußballinstanz persönlich eingeschaltet. "Sie kommen aus dem Nichts und beginnen, pornographische Mengen von Geld in den Fußball zu werfen", so beschreibt Joseph Blatter, Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa), jene Klubkäufer, deren Millionen das Spiel zu "ersticken" drohten. "Was", fragt der Fifa-Chef in seinem populistischen Rundumschlag gegen Abramowitsch und Chelsea, "was ist interessant an einer Liga, deren Sieger man nach fünf Spieltagen vorhersagen kann?" Blatter hat ein opportunistisches Näschen, er wittert eine Stimmung, die sich gegen das drohende Erfolgsmonopol des Londoner Klubs richtet. Denn Chelsea ist dabei, den populären Mythos zu widerlegen, Erfolg sei nicht käuflich im Fußball. Wenn er es bisher nicht war, so die Chelsea-Lektion, dann nur deshalb, weil vor Abramowitsch keiner kam, der genug dafür bezahlte.

          Trainer Mourinho und seine Spieler jubeln Woche für Woche
          Trainer Mourinho und seine Spieler jubeln Woche für Woche : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          In der Premier League macht sich erstmals seit ihrer Gründung 1993 Krisenstimmung breit. Zuschauerzahlen bröckeln. Dave Whelan, Chef des Aufsteigers Wigan Athletic, spricht für viele Klubs, wenn er sagt: "Ich habe nichts gegen Chelsea, aber wenn sie für weitere drei oder vier Jahre dominieren, dann riskiert die ganze Liga den Ruin."

          Kommt der „salary cap“

          Whelan sieht als einzige Chance für einen "gesunden Wettbewerb" die Einführung eines begrenzten Gehaltsbudgets für die Premier-League-Klubs. Dieses Instrument der "salary cap", das für Chancengleichheit sorgen und einen ruinösen Wettbewerb der Klubs verhindern soll, ist in nordamerikanischen Profiligen wie der National Football League verbreitet (85 Millionen Dollar pro Team pro Jahr), aber auch in der englischen Rugby-Liga (1,7 Millionen Pfund) oder, auf freiwilliger Basis, in den beiden englischen Fußball-Ligen unterhalb der Premier League. Deren Klubs verpflichten sich, nicht mehr als 60 Prozent ihres Etats für Spielergehälter auszugeben. Whelan schlägt für die Premier League ein Limit von 25 bis 30 Millionen Pfund vor, nur rund ein Drittel dessen, was Chelsea seinen Profis zahlt.

          Das Gefälle wird immer größer. Und die Ungewißheit des Wettbewerbs immer kleiner. Blatter berichtete gegenüber der BBC von einem Informanten bei West Bromwich Albion, dem zufolge die kleinen Teams längst dazu übergegangen seien, gegen Chelsea mangels realistischer Chance wichtige Spieler für andere Aufgaben zu schonen. Tatsächlich nahm Bromwichs Trainer Bryan Robson gegen Chelsea fünf Spieler aus der Elf. Man verlor 0:4.

          Bewunderung ist etwas anderes

          Wenn Chelsea wenigstens ein wenig was fürs Fußballherz täte, ein bißchen Ballzauber böte. Aber es ist wohl kein Zufall, daß in der Londoner Weltauswahl mit mindestens 13 Spielern, die für die WM 2006 in Deutschland qualifiziert sind, kein einziger Brasilianer spielt. Ungerührt wie jeden gegnerischen Angriff hat Chelsea den Vorwurf gekontert, "langweilig" zu spielen. Trainer Jose Mourinho forderte nach dem 4:1-Sieg in Liverpool von den Stilkritikern den fälligen "Respekt" ein. Respekt verdienen sie auch. Bewunderung oder gar Begeisterung aber ist etwas anderes. Zu kalt, zu klinisch beherrscht Mourinhos Team Ball und Gegner. Berufsziel des Portugiesen ist, "das Unkontrollierbare auszuschalten". Er kommt dem nahe wie kein anderer seiner Zunft - auch in der Champions League, wo Chelsea vor dem nächsten Spiel am Mittwoch gegen Real Betis zusammen mit Liverpool die Tabelle der Gruppe G anführt. Mourinho tilgt damit aber auch das bißchen Anarchie und Abenteuer, das die Leute zum Fußball lockt. Chelsea ist kein Team, das durch Brillanz entnervt, sondern durch Fehlerlosigkeit.

          Neuen Berichten zufolge steht der nächste Zug schon bevor: Ein Zehn-Millionen-Euro-Angebot für den 17jährigen Türken Nuri Sahin, den Jungstar von Borussia Dortmund - verbunden mit dem Plan, ihn als Leihspieler bis zur übernächsten Saison beim klammen Bundesligaklub zu parken. Auch der deutsche Nationalspieler Robert Huth steht mangels Einsatzmöglichkeiten in der Weltklasseabwehr von Chelsea offenbar vor einer Veränderung - in der Winterpause zu Aston Villa. Allerdings nur auf Leihbasis. Wer einmal ein Angestellter des FC Chelsea ist, der wechselt nicht so schnell freiwillig den Arbeitgeber.

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