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Fußball : Schalke genießt sein neues Betriebsklima

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Ein Team und nicht nur viele Spieler: das „neue” Schalke Bild: AFP

Vertrauen bringt Erfolg: Unter dem neuen Trainer Rangnick fühlen sich die Spieler nicht mehr nur wie kickende Schachfiguren. Prompt hat Schalke in der Bundesliga Boden gefasst und steht in der Champions League vor dem Einzug ins Halbfinale.

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          Mit Inter Mailand hat es der FC Schalke 04 ja schon öfter zu tun gehabt. Aber so deutlich wie vor dem Viertelfinalrückspiel an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) in der Gelsenkirchener Arena schienen die Verhältnisse noch nie zwischen diesen beiden Klubs. Zur „Halbzeit“ steht es 5:2 für den Bundesligaverein. Was soll da noch geschehen?

          Schalke müsste 0:4 oder höher verlieren, um den Einzug ins Halbfinale der Champions League noch zu verpassen. Das ist, gelinde gesagt, äußerst unwahrscheinlich. Dennoch sieht Ralf Rangnick, der neue Trainer des Vereins, keinen Grund, dieses Spiel anders anzugehen, als lägen Erfolg und Misserfolg noch nah beieinander. „Ich sitze erst entspannt und ruhig auf der Bank, wenn wir fünf Minuten vor Schluss drei oder besser noch: vier Tore Vorsprung haben.“

          Trotz Vorgabe aus dem Hinspiel will Rangnick kein Schonprogramm abspulen lassen oder die Rotationsmaschine einzuschalten. Nach dem Trainerwechsel ist seine Mannschaft gerade erst dabei, sich zu finden, und der Fußballlehrer arbeitet daran, sie neu zu erfinden. Die Gala von Mailand war eingerahmt von Erfolgen im Alltag. Dank der Siege über St. Pauli und Wolfsburg hat Schalke in der Bundesliga wieder festen Boden unter den Füßen. Unter diesen Umständen schicken sich die Profis, die vorher oft durcheinander gewürfelt wurden, nun an, eine Einheit zu werden und wieder einen Teamgeist zu entwickeln, der belebend und stabilisierend wirkt.

          Jose Manuel Jurado und Kollegen: nicht mehr wie Schachfiguren zwischen Spielfeld, Ersatzbank und Tribüne hin- und hergeschoben

          Keine kickenden Schachfiguren mehr

          Inzwischen fühlen sich einige Spieler wieder gebraucht und gewürdigt, die unter Felix Magath nicht das Gefühl hatten, fester Bestandteil des Ensembles zu sein. Rangnick sagt, zuletzt habe er auf dem Platz „durch die Bank ein Team“ gesehen. Es zeichnet sich also ein Fortschritt ab, der über die Saison hinaus von Wert sein und einigen Spielern am alten Arbeitsplatz neue Perspektiven eröffnen könnte. Gegen Ende der Saison hat Rangnick die Reset-Taste gedrückt und einen Neustart in Gang gesetzt.

          Hans Sarpei und Alexander Baumjohann mussten vorübergehend sogar in der zweiten Mannschaft, also in der vierten Liga, kicken, auf dass sie den Trainingsbetrieb der Profis nicht störten. In Mailand nutzten sie die Gelegenheit, sich wieder für das erste Fach zu empfehlen. Die Gelegenheitsarbeiter rechnen sich Chancen aus, demnächst häufiger, wenn nicht gar regelmäßig auf der großen Bühne zu stehen, wenn auch vielleicht nicht immer in einer Hauptrolle. Ähnlich wie Joel Matip, Kyriakos Papadopoulos und zeitweise sogar der für dreizehn Millionen Euro verpflichtete Jose Manuel Jurado fühlten sie sich unwohl dabei, von Magath wie kickende Schachfiguren zwischen Spielfeld, Ersatzbank und Tribüne hin- und hergeschoben zu werden. Das neue Betriebsklima und das offensiver ausgerichtete Grundmuster steigern das Wohlbefinden sichtbar - und hörbar. „Man sieht ja, dass wir jetzt Fußball spielen und nicht blind den Ball nach vorne schlagen“, sagt Verteidiger Sarpei, und man könnte meinen, es schwinge ein wenig Süffisanz mit.

          „Er lässt mich spielen und spricht mit mir“

          In diesem Stadium der Entwicklung sieht Matip einige Spieler aus den hinteren Startreihen auf der Überholspur. Baumjohann und Jurado etwa seien „überragende Fußballspieler“, deren Mitwirken der Mannschaft zugutekomme. Jurado profitiert dabei, ähnlich wie weiter vorn Edu, vom Innovationswillen Rangnicks. Statt von der Bank auf den Rasen (oder umgekehrt) hat der neue Trainer den Spanier vom Flügel ins Zentrum verschoben - und mit diesem Positionswechsel den Tatendrang des hochbegabten Spielers offenbar gesteigert.

          Auch Edu fühlt sich als zweite Spitze offenbar wohler, als wenn er aus dem Mittelfeld heraus seinen Platz zwischen Raul und (dem derzeit verletzten) Huntelaar suchen müsste. Matip verdankt seine Rückkehr in die Mannschaft (auch) der Verletzung Christoph Metzelders, der nach seinem Nasenbeinbruch allerlei Masken ausprobiert hat, gegen Inter aber noch nicht wieder als Kandidat für die Startelf gilt. Der 19 Jahre alte kamerunische Nationalspieler erhält also abermals die Gelegenheit, dem Routinier seinen Stammplatz streitig machen.

          Auch Matip weiß das neue Betriebsklima und die neue Kommunikation zu schätzen, die eng mit dem Namen Rangnick verbunden werden. „Er lässt mich spielen und spricht mit mir, das kommt mir zugute.“ Fußball kann so einfach sein, auch „auf“ Schalke, jenem Standort, der bei aller Hingabe seiner Fans oft als riesiges Problemfeld erscheint. Aber auf diesem Feld kann der Ruhrgebietsverein gegen den Titelverteidiger, der nur noch Außenseiter ist, etwas Historisches vollbringen. Die Königsblauen besitzen die große Chance, in der Königsklasse zum ersten Mal die Runde der letzten vier zu erreichen. So mancher Spieler, der auf Schalke wieder en vogue ist, hätte sich vor ein paar Wochen nicht träumen lassen, so in die Vereinsgeschichte eingehen zu können.

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