https://www.faz.net/-gtl-pnox

Fußball : Redetherapie, Kaffeetafel - und Humor als letzte Hilfe

  • -Aktualisiert am

van Marwijk bemüht unkonventionelle Methoden Bild: dpa

„Wir sind alle Situationskomiker“: Wie die Trainer von Borussia Dortmund und des VfL Bochum der neuen harten Wirklichkeit zu begegnen versuchen.

          3 Min.

          Nach den wirtschaftlichen schienen auch die sportlichen Verluste den Dortmunder Borussen über den Kopf zu wachsen. Die Blockade der Stadiontore ging einher mit einer viel schwerer aufzulösenden Blockade in den Köpfen der Fußballspieler. Der Absturz auf das Jahrestief hatte Cheftrainer Trainer Bert van Marwijk in Bedrängnis gebracht. "Wann muß Holland-Berti gehen?" fragte Deutschlands größte Boulevardzeitung.

          Die Erklärungsnot des Niederländers schien sich zu einem Notstand auszuwachsen. Der designierte Präsident Reinhard Rauball sprach ihm das Vertrauen aus, erwähnte aber auch die "Gesetzmäßigkeiten des Geschäfts". Doch van Marwijk darf das Krisenmanagement weiter betreiben, zumal die Mannschaft jüngst gewonnen hat - wenn auch im zehnten Versuch erst zum zweiten Mal.

          Dortmunds Herbstspaziergang

          Was macht einer wie van Marwijk, wenn das Tief zur Krise wird? Er geht einen Weg, den die Protagonisten, gerade in Dortmund, nur noch selten einschlagen. Unter Verzicht auf Durchhalteparolen und Schönfärberei sagt van Marwijk, wie es ist. Diesen Wust von Schwierigkeiten könne auf die schnelle "nur ein Zauberer lösen". Er selbst sei dazu nicht in der Lage. "Vielleicht gibt es andere, die so etwas können", sagt er, "ich aber bin kein Zauberer." Seine entwaffnend ehrliche Art scheint anzukommen. Auf dem Trainingsgelände hat eine Gruppe von Fans ein Transparent aufgehängt. "Niet opgeven, Bert!" (Nicht aufgeben, Bert). Und ganz ohne Hokuspokus gewann die zuvor "total verunsicherte Mannschaft" in Berlin.

          Ein Sieg, und alles wird gut? Diesem einfachen Rezept traut der Trainer nicht. Um der Gefahr eines Rückfalls vorzubeugen hat er sogleich einen weiteren Therapieschritt eingeleitet. Van Marwijk will reden - und schweigen lassen. Abseits der ausgetretenen Dortmunder Pfade hat er seine Crew für drei Tage im Westerwald zusammengezogen. Dort haben sie auf langen Herbstspaziergängen durch das ländliche Idyll viel miteinander gesprochen - der Trainer mit den Spielern und die Profis untereinander. Aber die Außenwelt schweigen sie an - bis zum Heimspiel an diesem Samstag gegen Bayer 04 Leverkusen. Keine Interviews, keine Pressekonferenz, keine Dementis. Schweigende Borussen lassen in der Stille einer kleinen Gemeinde die Seele baumeln.

          Zauberwort Vertrauen

          Das Wesentliche teilt sich nonverbal mit, findet van Marwijk. Auch zwischen ihm und dem Präsidium. Er sieht sich zwar nicht als Zauberer, hat aber ein Zauberwort: Vertrauen. Van Marwijk definiert den Begriff, ohne die branchenüblichen Klischees zu Hilfe zu nehmen. Auch bei Feyenoord Rotterdam, seinem vorherigen Arbeitgeber, habe er schwierige Zeiten durchgemacht. "Da haben sie gesagt, wir reagieren auf solche Diskussionen einfach nicht. Das nenne ich Vertrauen". Dieses Vertrauen brauche ihm niemand ausdrücklich zu versichern, "das spüre ich, und wenn es nicht mehr da ist, gehe ich von selbst."

          Wie van Marwijk versucht sich auch dessen Bochumer Kollege Peter Neururer in diesen Tagen mit alternativen Methoden. Der VfL, im Vorjahr die Überraschung der Saison, ist in eine Region zurückgefallen, die der einst graue Klub für längere Zeit verlassen zu haben glaubte: die Abstiegszone. Neururer, zuweilen mehr Animateur als Trainer, vertraut in der Krise auf das Motto weniger ist mehr.

          Vor dem 3:0 gegen Borussia Mönchengladbach, das den Westfalen über das akute Stadium der Bedrohung hinweghalf, ließ er die obligatorische Mannschaftssitzung ausfallen und lud statt dessen zu einem Kaffeetrinken mit allgemeinem Geplauder über alte Zeiten. Das taktische Schema stand wie immer an der Tafel, der Rest war Smalltalk. "Was soll ich mit irgendwelchen martialischen Sprüchen kommen, wenn die Anspannung sowieso schon so groß ist?" fragt Neururer, dessen Sprüche oftmals Schlagzeilen diktieren. So ist der offizielle Teil rasch abgehakt, wenn die Krise sich zuspitzt.

          Neuruer wechselt die Klamotten

          Noch Fragen zum Spiel? Nein, keine Fragen. Der Ernst der Lage äußert sich im Spaß. "Kennt jemand einen Witz?" fragt der Trainer. Niemand meldet sich. Nicht einmal Neururer selbst, scheinbar der geborene Unterhalter, traut sich einen Witz zu erzählen. "Das klingt bei mir immer wie eine Nacherzählung." So versuchen sie weiter witzlos ihr Trauma zu überwinden, an diesem Samstag im Auswärtsspiel gegen Hannover 96. Wenn in heikler Lage ein Gegentor falle, dann schieße nur ein Gedanke durch die Köpfe, sagt Neururer: "Lüttich, Lüttich, Lüttich". Gegen den belgischen Klub ist der VfL in letzter Minute wegen eines selbstverschuldeten Tores aus dem UEFA-Pokal ausgeschieden, das ein brasilianischer Einwechselspieler verursachte, der über den Ball trat. Seitdem ist im Verein nichts mehr so (schön), wie es vor wenigen Wochen noch war - oder wenigstens schien.

          Neururer versucht der neuen harten Wirklichkeit, über die unkonventionelle Mannschaftssitzung hinaus, mit seinem unbändigen Aberglauben zu begegnen. Er wechselt nach jeder Niederlage seine Kleidung. "Meine Kinder haben schon ,Hunger, Hunger' geschrieen, weil meine Frau mir so oft ein neues Outfit kaufen mußte", behauptet er. Wenn nichts mehr hilft, dann hilft Humor, sogar bei denen, die keine Witze erzählen können und Gefahr laufen, "psycho-vegetativ hinten rüber zu fallen", wie Neururer sagt. VfL-Profi Martin Meichelbeck, nebenbei Student der Psychologie, sieht seine Mannschaft trotz allem als lustigen Haufen. "Wir sind alle Situationskomiker."

          Weitere Themen

          Münchner Skateboarder will zu Olympia Video-Seite öffnen

          Für den Libanon : Münchner Skateboarder will zu Olympia

          Ali Khachab ist Münchner, doch bei den Sommerspielen 2020 in Tokio will er für den Libanon an den Start gehen, die Heimat seiner Vorfahren. Der 28-Jährige ist Skateboarder, und davon gibt es im Libanon nur sehr wenige.

          Topmeldungen

          Wie teuer wird die Reise für diese Autos? Das hängt von der Zollentscheidung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump ab.

          Handelskonflikt mit der EU : Verschiebt Trump die Autozölle?

          Die Zeichen mehren sich, dass Amerika vorerst keine neuen Zölle auf europäische Autos erhebt. Offenbar will der amerikanische Präsident damit auch auf Ursula von der Leyen zugehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.