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Fußball-Nationalmannschaft : Podolski sagt „tschö“

Bild: dpa

Nach 129 Länderspielen ist Schluss: Lukas Podolski beendet seine Karriere in der Fußball-Nationalmannschaft. Er folgt damit seinem besten Freund. Die „Generation Sommermärchen“ ist Geschichte.

          Schwer zu sagen, wann genau es angefangen hat, aber einige Zeit ist es doch schon her: Dass Lukas Podolski nicht mehr nur „Poldi“ hieß, wenn über ihn im Umfeld der Nationalmannschaft gesprochen wurde, sondern dass noch eine Art Senioritätstitel hinzugekommen war: der ewige Poldi. Darin steckte, natürlich, die Wertschätzung für eine fußballerische Lebensleistung im deutschen Trikot, die im Juni 2004 begann, mit Podolskis erstem Länderspiel im zarten Alter von 19 Jahren.

          Aber man darf sich auch nicht täuschen. Der „ewige Poldi“, das hatte zuletzt auch immer stärker den Beiklang eines, dessen Zeit eigentlich schon vorüber war. Am Montagmittag nun teilte Podolski genau das der Öffentlichkeit mit. „Alles hat seine Zeit – und meine Zeit beim DFB ist vorbei“, schrieb er in einer Botschaft an seine Fans, die er in sozialen Netzwerken verbreitete. Nach zwölf Jahren, 129 Länderspielen und 48 Toren – mehr haben nur Gerd Müller und Miroslav Klose –, sagte Podolski verhältnismäßig leise und doch auch auf typische Art und Weise „tschö“: persönlich, emotional, und dabei ohne falsche Anbiederung.

          Abschied von „der Mannschaft“: Lukas Podolski tritt zurück

          Er wolle sich, erklärte er, künftig mehr um die Familie kümmern können, kurz vor der EM in Frankreich war sein zweites Kind zur Welt gekommen – deshalb diese Entscheidung, die ihm „sehr schwer gefallen“ sei. „Nichts“, so Podolski, „kann mir ersetzen, was mir die Zeit mit dem DFB-Team an Freude, Leidenschaft und Zusammenhalt gegeben hat. Vom zweijährigen polnischen Jungen, der quasi nur mit einem Ball unter dem Arm nach Deutschland kam, zum Weltmeister – das ist mehr, als ich mir erträumen konnte.“

          Bei einem anderen hätte man das womöglich für etwas dick aufgetragen halten können – nicht aber bei Podolski. Das Attribut „authentisch“, Sehnsuchtsbegriff in einer zu einer gewissen Künstlichkeit neigenden Branche, musste er sich nicht verdienen. Es lag ihm im Blut. Und das machte ihn zu einer besonderen Figur – für die Fans, aber auch im Binnengefüge seiner Mannschaften. Ganz besonders galt das noch einmal für das Nationalteam, das für Podolski wohl wirklich eine „Herzenssache“, eine Art emotionales Zuhause bedeutete.

          Es war Joachim Löw selbst, der vor der EM darauf hinwies, dass es bei einem Turnier auch auf Soft Skills ankomme, die Fähigkeit, ein Team zu dem zu machen, was es sein muss, will es etwas großes erreichen: mehr als die Summe seiner Einzelteile nämlich. Für Podolskis Geschmack war es dann ein bisschen zu viel des Guten, wie sehr er in Frankreich mit dieser Rolle identifiziert wurde.

          Nicht als Maskottchen, sondern über seine sportlichen Qualitäten wollte er wahrgenommen werden. Doch das fiel schwer angesichts einer Einsatzbilanz, die noch einmal hinter die der WM 2014 zurückfiel, bei der er immerhin in zwei Partien hatte mithelfen dürfen auf dem Weg zum größten Triumph der Ära Löw.

          In Frankreich schenkte der Bundestrainer ihm die letzten 19 Minuten im längst entschiedenen Achtelfinale gegen die Slowakei (3:0) – und schon damals lag die Frage auf der Hand, ob es nicht eine vertane Chance war, der neuen Generation in Person von Leroy Sané zu einem Entrée ins Turnier zu verhelfen. Einen wie ihn (oder den gar nicht erst nominierten Julian Brandt) hätte man ja vielleicht noch brauchen können; für Podolski hingegen, das zeigte sich in den folgenden Spielen gegen Italien und Frankreich, galt das nicht mehr.

          Mit Blick auf die kommenden Aufgaben und Ziele wäre es für den Bundestrainer schwer zu vermitteln gewesen, hätte er tatsächlich weiter auf Podolski setzen wollen. Zu offensichtlich war zuletzt, dass er seine fußballerischen Qualitäten, zu denen auch eine wohltuende Schnörkellosigkeit gehört, nicht mehr auf allerhöchstem Niveau zur Geltung bringen kann. Insofern überraschte es manchen, dass Podolski es zunächst nicht seinem Kompagnon Bastian Schweinsteiger, mit dem er anno 2004 gemeinsam debütiert hatte, mit dem Rücktritt gleichtat.

          Die Generation Sommermärchen hat fertig: Nach „Schweini“ tritt auch „Poldi“ zurück

          Jetzt aber, mit 31 Jahren, ist der ewige Poldi doch Vergangenheit – und Löw rief ihm, ähnlich wie seinem abgetretenen Kapitän, herzlichste Worte hinterher. „Auf ihn war und ist Verlass“, so der Bundestrainer, „bei aller Lockerheit und Leichtigkeit, für die er steht, ist er ein Vorbild an Professionalität und Einstellung, dem Erfolg hat er immer alles untergeordnet, auch sich selbst.“

          Und wer weiß, vielleicht hat Löw sich auch noch einmal an jenes Spiel in Wales im April 2009 erinnert, als Podolski sich kurz vor Schluss eine Art Backpfeife gegen Michael Ballack erlaubte, den damaligen Kapitän. Ein Fehlgriff, natürlich, aber, wie man heute weiß, auch ein Vorgriff auf eine andere Zeit.

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