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Fußball : Pfister erklärt Vogts Afrika

„Ich arbeite wie ein Diktator” Bild: AP

Der kölsche Trainer der Kameruner versteht seinen deutschen Kollegen beim Afrika-Cup nicht. „Wenn ich diese Fehler sehe!“, schimpft Otto Pfister über die Arbeit von Berti Vogts als Nationaltrainer von Nigeria.

          3 Min.

          Auf der Terrasse mit dem deutschen Afrika-Veteranen. Otto Pfister trägt Badeschlappen, raucht Kette und gibt den Hartgesottenen, den nichts mehr erschüttern kann. „Der Sportminister ist da“, ruft ihm ein Untergebener zu. Pfister antwortet: „Sag ihm, ich kann noch nicht, ich hätte den deutschen Botschafter hier.“ Er setzt sein Journalistengespräch fort. Pressearbeit, wie man sie nur in Afrika lernt.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Die Macht der Medien, sie ist im Fußball vielleicht nirgendwo so groß wie in Afrika. Hier funktioniert noch die ganz simple Ansprache des Lesers und Zuschauers. Das zeigen schon die Werbespots. In einem empfiehlt John Mensah, Kapitän des Gastgebers Ghana beim Afrika-Cup, einem kleinen Jungen eine famose Schokomilch, um einmal genau so groß und stark zu werden wie er.

          In Deutschland muss man vierzig Jahre zurückgehen, in die Zeit, als Beckenbauer für Knorr-Suppen warb, um ähnlich naive Werbebotschaften zu finden. Auch die Zeitungen und Sender verkaufen die Welt des Fußballs simpel und klar. Es gibt entweder Jubelberichte über Stars, Teams, Trainer (und vor allem Sponsoren) - oder aber vernichtende Kritik (außer an Sponsoren).

          „Ein Trainer, der nie lacht, der nichts ausstrahlt”, komme nicht an in Afrika, sagt Pfister über Vogts
          „Ein Trainer, der nie lacht, der nichts ausstrahlt”, komme nicht an in Afrika, sagt Pfister über Vogts : Bild: AP

          Schöne Bilanz hilft nicht gegen akute Stimmungen

          Asamoah Gyan, ein Stürmer von Ghana, sah sich nach dem mageren 1:0 gegen Namibia solchen Schmähungen im Radio ausgesetzt, dass er am Samstag mit seinem Bruder Baffour entnervt aus dem Teamhotel auszog. Kollegen und Trainer konnten ihn nur mit Mühe davon abhalten, nach Italien abzureisen, wo er für Udine in der Serie A spielt.

          Er blieb und bat Fans und Medien flehentlich um etwas, das es in dieser Branche kaum gibt, um Geduld. Er hat mit 22 Jahren in 22 Länderspielen 15 Tore für sein Land erzielt - eine schöne Bilanz, die jedoch nicht viel hilft gegen akute Stimmungen. Am Montagabend immerhin folgte die Versöhnung, zumindest vorläufig: Da feierte Asamoah Gyan mit Ghana durch ein 2:0 gegen Marokko den Einzug ins Viertelfinale.

          Auch Berti Vogts hat aus seinem Leben vor diesem Afrika-Cup einiges vorzuweisen. Es nützt ihm nichts - schon gar nicht, wenn er an diesem Dienstag das Viertelfinale verpassen sollte, das Nigeria nur noch mit einem Sieg gegen Benin bei gleichzeitiger Niederlage von Mali gegen die Elfenbeinküste erreichen kann.

          Wo sind die Scouts aus der Bundesliga?

          „Tödlichen Druck auf Berti“ gebe es durch Nigerias Medien, sagt Otto Pfister, ohne deshalb bedrückt zu wirken, auf der Terrasse seines Teamhotels in Kumasi. Er war in fast jeder großen Fußballnation Schwarzafrikas schon Nationaltrainer, derzeit in Kamerun, nur Nigeria blieb ihm erspart. „Ein TV-Sender hat dort sogar schon einen Nachfolger für Vogts präsentiert. Der erklärt im Live-Programm, er stehe bei einem Rücktritt sofort bereit.“ Das Lieblingsthema des 70 Jahre alten Kölners, der nie in Deutschland gearbeitet hat, ist die Selbstüberschätzung des deutschen Fußballs und die Unfähigkeit von Europäern, sich auf Afrika einzustellen.

          Er vermisst die Scouts aus Deutschland, die Präsenz der Bundesliga beim Afrika-Cup, „vielleicht ist es ihnen zu weit, zu heiß, oder sie sind noch in den Skiferien“. Nach dem 5:1-Sieg der Kameruner gegen Sambia ist die Auftaktniederlage gegen Ägypten fast vergessen. Pfister, der als Kandidat des Sportministers gegen den vom Verband favorisierten Horst Köppel den Posten bekam, sitzt wieder fest im Sattel. Er plant bis zur WM 2010. Nach dem Turnier, sagt er, werde er nach Yaoundé umziehen, in die Hauptstadt Kameruns - „du kannst nicht in Afrika arbeiten und in Europa wohnen“.

          „Aber ich habe gar nichts gegen Berti“

          Es ist ein Seitenhieb auf den Kollegen Vogts, der den deutschen Wohnsitz behielt und so kaum Einfluss auf die Stimmungen und Strömungen im Land nehmen kann. „Und wenn ich diese Fehler sehe!“, schimpft Pfister. „Er macht die Vorbereitung auf einen Afrika-Cup in Europa!“ Während die Nigerianer ihr Trainingslager in Spanien hielten, ging Kamerun, „trotz eines Super-Angebotes aus Teneriffa“, zur Vorbereitung nach Burkina Faso. Dort ähneln Klima und Platzbeschaffenheit den Bedingungen in Ghana.

          Und dann noch ein ganz anderes Problem: „Ein Trainer, der nie lacht, der nichts ausstrahlt“, komme nicht an in Afrika, „einer, der Witze macht, über die keiner lacht“. Dabei, betont er, „habe ich aber gar nichts gegen Berti“.

          „Ich arbeite wie ein Diktator“

          Für Vogts ist Nigeria die erste Station in Afrika, Pfister dagegen war dort schon zehnmal Nationaltrainer. Er behauptet, „in 48 der 49 Länder Afrikas“ schon gewesen zu sein (allen außer Lesotho). Wie weit er es gebracht habe, illustriert er mit der rhetorischen Frage: „Wer schafft es schon von Wanne-Eickel nach Kumasi?“ Und verstummt kurz, was selten geschieht - als er erfährt, dass der Reporter aus Wanne-Eickel stammt.

          Welten liegen zwischen den beiden europäischen Trainertypen in Afrika: Hier die Perfektionisten, die sich am alltäglichen Afrika abarbeiten und oft nicht genug Zeit bekommen, etwas zu bewegen, weil sie „irgendwann weinend zum Flughafen rennen“, wie Pfister erlebt haben will - dort die alten Fahrensmänner, die Jüngeren als fachlich überholt gelten, die in Afrika aber immer noch gefragt sind, weil sie als flott engagierte Dompteure auch im Chaos klarkommen. Und auch bei bösen Berichten locker bleiben. Pfisters Motto: „Ich arbeite wie ein Diktator.“ Diktatoren haben keine Angst vor schlechter Presse.

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