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Fußball-Nationalmannschaft : Zwischen Existentiellem und Banalem

Bild: reuters

Das Spiel gegen die Elfenbeinküste kann kein normales Fußballspiel sein. Am Mittwoch wird etwas anderes stattfinden, wobei nicht ganz klar ist, was es sein wird. Es wird nochmal an Robert Enke gedacht - in einer eher reduzierten Form.

          Das Länderspiel 825 in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes ist ein Länderspiel, das zur Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft vorgesehen war. Aber am Mittwoch wird in Gelsenkirchen etwas anderes stattfinden, wobei nicht ganz klar ist, was es sein wird.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nach dem Freitod von Robert Enke und der Trauerfeier am Sonntag wird es kein alltägliches Länderspiel sein. Und trotzdem soll es das auch schon wieder ein bisschen sein. Bundestrainer Joachim Löw war jedenfalls am Montag bei seinem ersten Auftritt in der Öffentlichkeit seit dem Tod des Torwarts erkennbar darum bemüht, sich und seine Mannschaft wieder vorsichtig an den Alltag heranzuführen.

          Möglich war das eine knappe Woche nach der Schreckensnachricht nur bedingt, und so wechselten in der Phase zwischen abflauender Trauer und einsetzendem Alltag auch auf der Pressekonferenz in Düsseldorf Existentielles und Banales einander unvermittelt ab. „Das Spiel steht unter anderen Zeichen, aber wir werden alles tun, in die Normalität zurückzukommen“, sagte der Bundestrainer.

          „Wir werden die Spieler beobachten, wer die Kraft hat, eine gute Leistung zu bringen”: Bundestrainer Joachim Löw

          Löw: „Wir dürfen uns keine Vorwürfe machen“

          Das Existentielle: Joachim Löw wurde gefragt, ob er mit Robert Enkes Vater, einem Psychotherapeuten, ein Gespräch führen werde, was dieser ihm angeboten habe. Das lange Telefonat, sagte Löw, habe schon stattgefunden, am Samstag. „Dieses Gespräch war für beide Seiten wichtig und gut. Er hat mir einige Dinge erklärt, die in den letzten Monaten und Jahren mit Robert passiert sind.“

          Enkes Vater hatte zuvor schon gesagt, dass es beim Freitod seines Sohnes keine Rolle gespielt habe, dass der Bundestrainer ihn nicht für die Länderspiele gegen Chile und die Elfenbeinküste berufen habe: „Ein wichtiges Anliegen ist mir, Herrn Löw von der Frage zu entlasten: Was wäre, wenn ich ihn nominiert hätte?“ Löw reagierte darauf ruhig und sachlich: „Selbstverständlich fragt man sich immer: Hätte man das als Trainer vermeiden können, hätte man einen Ansatz finden können? Aber wir hatten alle keine Chance, ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Wir dürfen uns keine Vorwürfe machen.“

          Die nächste Frage drehte sich um Stefan Kießling. Was denn nun mit dem bisherigen Torschützenkönig sei, der seit Februar nicht mehr bei der Nationalelf dabei war? Löw erläuterte, dass sich der Leverkusener Stürmer die Nominierung verdient habe, dass er einen exzellenten Start in die Saison hingelegt habe, dass er ihm schon vor Monaten gesagt habe, wie er sich verbessern könne und dass er von Beginn an spielen werde. Das waren die Momente, in denen der Bundestrainer wieder auf vertrautes Terrain zurückkehren durfte.

          „Es macht keinen Sinn, ein Risiko einzugehen“

          Dass die Begegnung mit der Elfenbeinküste jedoch kein Länderspiel sein wird, wie man es kennt, machten auch die Reaktionen auf zwei Mitteilungen klar, die zu anderen Zeiten den hochtourigen Fußball- und Medienbetrieb intensiv beschäftigt hätten. Das Team der Elfenbeinküste steckt wegen eines technischen Defekts der Maschine, die die Mannschaft nach Europa bringen soll, noch auf dem Weg von Afrika über Paris fest.

          Erst an diesem Dienstag werden die Ivorer in Deutschland eintreffen. Die Nachricht führte zu keiner Nachfrage. Nachricht zwei: Kapitän Michael Ballack wird am Mittwoch ausfallen. „Eine Reizung der Kniefalte, die eine entzündliche Reaktion zeigt“, sagte der Bundestrainer. „Es macht keinen Sinn, ein Risiko einzugehen.“ Keine Reaktion.

          „WM-Vorbereitung beginnt im März nächsten Jahres“

          Gleichzeitig forderte schon am Montagmorgen der Alltag sein Recht. Löw berichtete, dass die Nationalspieler froh gewesen seien, wieder zu trainieren, den bekannten Rhythmus aufzunehmen. In den Tagen bis zum Länderspiel in der Schalker Arena werde es für ihn wichtig sein, die Spieler zu beobachten und mit ihnen zu sprechen, um zu erkennen, wer „in der Lage ist und die Kraft hat, eine gute Leistung zu bringen“. Nach dem Abschied der Mannschaft von Enke am Sonntag und den Tagen der Trauer sei es nun „auch wieder wichtig, nach vorne zu schauen. Wir wollen uns möglichst gut auf das Spiel gegen die Elfenbeinküste vorbereiten und eine möglichst gute Leistung abrufen.“

          Er habe nach dem Training vom Montag den Eindruck, dass alle Spieler dazu in der Lage seien. Ob die Mannschaft jedoch fähig sei, eine außergewöhnlich gute Leistung zu zeigen, könne er noch nicht sagen. Normalität sei eben noch nicht zu erwarten. „Unsere WM-Vorbereitung beginnt erst im März nächsten Jahres gegen Argentinien.“

          „Aber dann wollen wir uns aufs Spiel konzentrieren“

          Das Länderspiel gegen den WM-Teilnehmer Elfenbeinküste wird auch genutzt, Robert Enkes zu gedenken. In einer eher reduzierten Form - das Gedenken und der Leistungsgedanke sollen dabei irgendwie in Einklang gebracht werden. Es wird eine Gedenkminute geben, die Spieler werden Trauerflor tragen, auf der Ersatzbank wird zwischen den Spielern ein Trikot von Enke plaziert, und auf der Videoleinwand werden Bilder des Torwarts zu sehen sein. „Aber dann wollen wir uns aufs Spiel konzentrieren.“

          Der Leistungsgedanke kehrte am Montag in den Ausführungen des Bundestrainers in aller Klarheit wieder zurück in die zuletzt arg und auch jetzt noch immer verunsicherte Welt der Nationalmannschaft. „Wir alle sind in einem Leistungsbereich, wo wir absolut Leistung bringen müssen. Es gehört dazu, absolute Spitzenleistungen auch zu verlangen. Der Kampf um Plätze ist wichtig. Dass wird und muss auch weiterhin so sein - das verlangen wir alle“, sagte Löw. Das klang sehr vertraut, aber trotzdem anders als sonst. „Wir müssen jedoch auch Toleranz zeigen, wenn jemand mal einen Fehler macht. Aber wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und Leistung wird von uns gefordert. Das ist unser Beruf.“

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