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Fußball-Nationalmannschaft : Wenig Vorzeigbares im Hinterhof

Immer an die eigene Nase fassen: Bundestrainer Löw bleibt noch einige Arbeit bis zum Spiel in Russland Bild: AP

Die deutsche Fußball-Nationalelf erledigte gegen Aserbaidschan ihre Pflichtaufgabe. Bei der Suche nach erfreulichen Perspektiven landet man aber allenfalls bei zwei Namen. Vor dem Showdown in Moskau liegt viel Arbeit vor Joachim Löw.

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          Moskau – das lag für Joachim Löw ein gutes Stück näher als die deutsche Heimat, räumlich jedenfalls. Verbal dagegen hielt der Bundestrainer die russische Hauptstadt, oder vielmehr das Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel dort am 10. Oktober, auf Distanz. „Moskau“, sagte Löw am Mittwochabend, „spielt für mich überhaupt keine Rolle.“ So richtig abnehmen mochte man ihm das nicht in der schummrigen Hinterhof-Atmosphäre am Kabinenausgang des Tofik-Bachramow-Stadions in Baku. Schließlich war die Aufgabe, die die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gerade mit großer Nüchternheit absolviert hatte, wohl die letzte Stolperfalle vor dem erwarteten Showdown mit den Russen.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Nach dem letztlich sicheren 2:0-Sieg in Aserbaidschan läuft alles auf ein großes Moskauer Finale um den ersten Gruppenplatz und damit die direkte Qualifikation für die WM im kommenden Jahr in Südafrika hinaus. Anders kann es eigentlich auch Löw nicht gesehen haben. Denn dass Berti Vogts' kratzbürstige, aber spätestens vor dem Tor ohne die nötige Portion Schärfe zu Werke gehende Aserbaidschaner im Rückspiel am 9. September in Hannover eine echte Gefahr für die deutsche Elf darstellen – davon ist bei allem Respekt für den couragierten Auftritt vor einer gewiss beflügelnden Heimkulisse kaum auszugehen.

          „Von der ganzen Mannschaft war das ein bisschen zu wenig“

          Die Gesichter wirkten also zufrieden, als die deutschen Spieler sich durch den schmalen Korridor zwischen Absperrgitter und wartendem Bus zwängten. Natürlich wäre alles andere als ein Sieg eine Blamage gewesen. Aber es ist eben auch keine Selbstverständlichkeit, auf einer solchen Off-Bühne des Weltfußballs wie dem Bachramow-Stadion mit seinem rauhen Charme das gewohnte Repertoire abzurufen. Es half der deutschen Mannschaft sehr, dass ihr zu Beginn jeder Hälfte ein früher Treffer gelang – durch Bastian Schweinsteiger in der 12. und Miroslav Klose in der 54. Minute.

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          Dass es abgesehen vom Ergebnis jedoch nicht so furchtbar viel Vorzeigbares gab, räumten auch die Spieler ein. „Von der ganzen Mannschaft war das eigentlich ein bisschen zu wenig“, sagte etwa der Hamburger Piotr Trochowski, der selbst noch einer der Besten war. Auch Kapitän Michael Ballack, der sich auf dem Platz nicht sonderlich hervorgetan hatte, sprach davon, dass es „einiges zu bemängeln“ gebe. Leichte Fehler im Aufbau, Nachlässigkeiten in der Defensive sowie eine gelegentliche Bewegungsunlust in beiden Bereichen machten die Deutschen selbst gegen einen zweitklassigen Gegner verwundbar. „Man hat gesehen, dass wir wollten“, meinte Per Mertesacker, „aber nicht wirklich konnten.“

          Erfreuliche Perspektiven findet man nur bei Lahm und Enke

          Der Grund für dieses Ungleichgewicht von Wille und Tat wurde unisono im unglücklichen Timing dieses Auftaktspiels der WM-Saison gesehen. Tatsächlich war es nicht nur ein Früh-, sondern auch ein Kaltstart für die Nationalspieler. Noch vor dem ersten Bundesligaspieltag musste Löw die Mannschaft nominieren, von einer gefestigten Form der Profis kann zu diesem Zeitpunkt natürlich noch keine Rede sein. Es fehlte schlicht die Zeit, „uns irgendetwas aufzubauen“, wie Trochowski sagte. Auch Löw warb um Verständnis. „Die Mannschaft muss sich noch finden“, sagte er. Mehr Zeit für das nationale Aufbauwerk bekommen die deutschen Profis im September. Rund um das Testspiel gegen Südafrika (5. September) und die zweite Aserbaidschan-Partie ist das Team zehn Tage beisammen, ein Zeitfenster, in dem man „einiges einstudieren“ könne, wie Trochowski sagte. Und das auch tun muss. Denn die Reise nach Baku bot wenig Erbauliches über den Tag hinaus.

          Dass Klose sein 45. Länderspieltor erzielte, wäre nicht der Rede wert gewesen, hätte er damit nicht zu Karl-Heinz Rummenigge aufgeschlossen, der in der „ewigen“ Rangliste auf Rang fünf liegt. Dass Mesut Özil nach seinem ersten Einsatz im A-Team künftig exklusiv für Deutschland spielen wird (ohne Hintertür in Richtung Türkei) – ebenfalls eine Randnotiz. So landete man bei der Suche nach erfreulichen Perspektiven allenfalls noch bei zwei Namen: Lahm und Robert Enke.

          „Das wird man in Russland auch sehen“ - Abwarten!

          Der Torwart von Hannover 96 war der Einzige, der sich explizit als Gewinner verstand, wenn auch als relativ stiller. „Das war ein kleiner Schritt für mich“, sagte er über die Tatsache, dass er wieder das deutsche Trikot mit der Nummer 1 tragen durfte. Ein, zwei Mal wirkte er etwas zögerlich, insgesamt aber gab es an seinem unaufgeregten Spiel wenig auszusetzen. Dass die Frage nach dem besten deutschen Torwart damit aber noch nicht beantwortet ist, deutete neben Löw auch Kapitän Ballack an. Die Entscheidung könne sich „noch eine Weile hinziehen“, sagte er.

          Bei Lahm verlief der Wechsel von der linken auf die rechte Abwehrseite reibungslos. „Ich sehe da gar kein Problem“, sagte der Münchner, der den Positionstausch auch schon im Verein unter Louis van Gaal vollzogen hat. Dass der neue Mann auf links hingegen, Marcel Schäfer, sich so präsentierte, wie er das mit seinen Wolfsburgern in der Champions League demnächst besser nicht tun sollte, ist nur eines von mehreren Problemen, vor allem in der Defensive, die Löw mit in die nächsten Monate nimmt. „Es ist noch einige Luft nach oben“, bemerkten gleich mehrere Spieler – das verstand sich eigentlich von selbst. Lahms forsche Ergänzung nicht unbedingt: „Das wird man in Russland auch sehen“, sagte er. Abwarten.

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