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Fußball-Nationalmannschaft : Verteidigungsoffensive des Bundestrainers

Lehrstunde: Die Nationalspieler lauschen den Ausführungen von Bundestrainer Joachim Löw (Mitte) Bild: dpa

Größere Kompaktheit durch mehr Sprints: Joachim Löw stellt sich dem Thema Sicherheit in der Abwehr und verspricht Besserung. Gegen Österreich könnte Jerome Boateng eine Chance als Innenverteidiger erhalten.

          Deutschland zu Hause gegen Österreich - das gab es zuletzt fast auf den Tag genau vor zwei Jahren. Und war damals, am 2. September 2011, eine ziemlich spektakuläre Angelegenheit. 6:2 gewannen die Deutschen in Gelsenkirchen und waren damit als erste Mannschaft, noch vor dem vermeintlichen großen Rivalen Spanien, für die EM 2012 qualifiziert. Weil Österreich dabei phasenweise nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen wurde und ein paar Wochen vorher, bei einem Testspiel in Stuttgart, selbst Brasilien im deutschen Kombinationswirbel die Orientierung verloren hatte, schien niemand die Mannschaft von Joachim Löw auf dem Weg zum ersehnten Titel aufhalten zu können.

          Zwei Gegentore gegen Österreich - die waren damals kaum der Rede wert. Heute, eine große und etliche kleinere Enttäuschungen später, darf man annehmen, dass die Diskussion bei einem ähnlichen Ergebnis am Freitag in München eine andere Richtung bekäme. Zwei Gegentore, das wäre im Herbst 2013 weiteres Wasser auf die Mühlen derjenigen, die an der Eignung von Löws Team für höchste internationale Ehren zweifeln.

          Der Bundestrainer ging in die Offensive

          Es war keine Überraschung, dass der Bundestrainer am Mittwoch gleich zu Beginn der Pressekonferenz auf das leidige deutsche Dauerthema angesprochen wurde. Und umgekehrt war es offenbar so, dass Löw nur darauf gewartet hatte. Er unterbrach den Reporter nach der ersten von zwei angekündigten Fragen - und ging selbst in die Offensive. Man müsse schon unterscheiden, sagte der Bundestrainer, ob man über irgendwelche Testspiele rede, bei denen er gerne auch mal etwas ausprobiere. Oder über den Ernstfall. In Spielen, in denen es um etwas geht, so argumentierte Löw, hält seine Mannschaft den Laden weitgehend dicht.

          Was im Prinzip stimmt, wenn man bereit ist, das 4:4 gegen Schweden mal kurz zu ignorieren. Zugleich aber schien es Löw auch wichtig zu sein, einen Eindruck von großer Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit beim Umgang mit dem Thema zu vermitteln. Natürlich sei die Defensive ein „Schwerpunkt“ seiner Trainingsagenda vor dem Spiel gegen Österreich und vier Tage später auf den Färöern. „Kompaktheit ist ein wichtiges Thema“, sagte Löw und wie er davon redete, dass „elementare Dinge besprochen“ worden seien, klang das schon ein bisschen nach Grundkurs.

          Wie lernfähig und -willig ist das Kollektiv?

          Um zu verdeutlichen, worauf es ihm ankommt und was überhaupt nicht gestimmt habe zuletzt beim 3:3 gegen Paraguay, hatte Löw ein Ergebnis der Abteilung Analyse mitgebracht: Im Vergleich zum 2:1-Sieg in Frankreich im Februar hätten es die deutschen Spieler zwar auf eine höhere Laufleistung gebracht. Gegen Frankreich aber sei die Intensität - kurze, schnelle Wege - doppelt so hoch gewesen. Im Paraguay-Spiel sei dem Team durch diesen Mangel gewissermaßen der innere Zusammenhalt verlorengegangen: Die Mannschaftsteile waren viel zu weit voneinander entfernt. Immer, wenn das so gewesen sei, sagte der Bundestrainer, habe man „relativ schlechte Spiele gemacht“.

          Löw vergaß nicht, die individuellen Patzer von Hummels und Khedira zu erwähnen, die zum Paraguay-Fiasko beigetragen hatten. Aber im Großen und Ganzen zielten seine Ausführungen darauf ab, dass das komplette Team besser defensiv denken und arbeiten müsse. Eine Einschätzung, die auch bei Beobachtern schon seit längerem Konsens ist. Die entscheidende Frage aber dürfte eine andere sein. Nämlich, inwiefern sich das Kollektiv auch als lernfähig und -willig erweist. Die Debatte schließlich verfolgt den Bundestrainer und sein Team ja nicht erst seit gestern. Es fiel auf, wie häufig Löw am Mittwoch betonte, dass er von einer defensiven Steigerung gegen Österreich ausgehe.

          Die Flucht nach vorne

          „Die Mannschaft wird ganz anders zu Werke gehen als gegen Paraguay“, versicherte er. Da war ein Trainer, der in aller Deutlichkeit Erwartungen an sein Team formuliert. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch auch, dass diesmal besser nichts schiefgehen sollte. Sonst könnte am Ende der Eindruck eines Trainers entstehen, der von seiner Mannschaft im Stich gelassen wurde.

          Gut möglich, dass Löw seinen Wunsch nach Veränderung auch in der Aufstellung gegen Österreich zum Ausdruck bringt. So, wie er Jerome Boateng am Mittwoch lobte, wäre es jedenfalls keine Überraschung wenn der Münchner anstelle von Per Mertesacker in der Innenverteidigung aufliefe. Boateng habe sich nicht nur bei den Bayern sehr gut entwickelt.

          Er habe auch nach seiner Einwechslung gegen Paraguay (für Mertesacker) das Verteidigerspiel ziemlich genau so verkörpert, wie Löw sich das vorstellt: sehr offensiv, mit frühen Attacken auf den Gegner. Mit Boateng, so Löw, „haben wir viele Bälle gewonnen und waren defensiv besser organisiert“. Mit anderen Worten: Boateng könnte auch künftig ein Mann sein, auf den Löw auf seiner Suche nach der „richtigen Balance“ baut.

          An einem nämlich ließ der Bundestrainer keinen Zweifel: Dass es in seiner Vorstellung vom Fußball niemals darum gehen werde, sich „in der eigenen Hälfte zu verschanzen“ und auf Konter zu setzen. Sondern um mutiges und entschlossenes Auftreten - vorn wie hinten. „Nur wer agiert, auch in der Defensive, der kann ein Spiel gewinnen“, sagte Löw. Von Vorwärtsverteidigung spricht man in diesem Zusammenhang gern. Bei der Nationalmannschaft allerdings wirkte es zuletzt häufiger wie etwas anderes: die Flucht nach vorne.

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