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Charme-Offensive beim DFB : Die netten Nationalspieler von nebenan

Die netten Kicker von nebenan: Torwart Manuel Neuer hält Timo Werner das Mikro. Bild: dpa

Nur atmosphärisch geht es voran: Während die Spieler der Nationalelf in einer Schule den Kontakt zur Basis suchen, baut Joachim Löw weiteren Rückschlägen schon mal vor.

          Der Wunsch, es besser und anders zu machen ist bei der Fußball-Nationalmannschaft an diesem Tag buchstäblich mit Händen zu greifen. Als Timo Werner, Leroy Sané und Julian Brandt zusammen mit Kapitän Manuel Neuer und Manager Oliver Bierhoff die 94. Oberschule Leipzig zur Pressekonferenz betreten, recken sich ihnen unzählige Kinderhände entgegen. Die einen halten darin einen Stift, um Autogramme zu ergattern. Die anderen ein Handy, um ein Bild zu machen, am besten ein Selfie zusammen mit einem der großen Fußball-Lieblinge.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die jugendliche Aufregung und Begeisterung garantiert in diesem Moment, wo sich Fußballstars und Fans nahe kommen, auch schöne Bilder für den Deutschen Fußball-Bund und seine tief gestürzte, aber in diesem Augenblick wieder heftig umschwärmte Mannschaft.

          Am Ende kommen Kinder und Spieler zum gemeinsamen Gruppenbild auf der Bühne zusammen. Die Inszenierung des Schlussbilds gestaltet sich allerdings etwas schwierig. Als die Schülerinnen und Schüler die Bühne entern, und die Nationalspieler mit Stiften und Handys umringen, drehen sie den Fotografen und Kameraleuten dabei den Rücken zu. Entsprechende Anweisungen des DFB über Mikrofon, sich andersherum für die Kameras zu positionieren, ignorieren sie. Sie wollen viel lieber selbst Aufnahmen machen und sich Autogramme holen. Irgendwann aber klappt es doch mit dem Schlussbild, und wenn nicht alles täuscht, hatten auch die Nationalspieler an dieser Begegnung mit der Wirklichkeit ihre Freude.

          Keine Frage: Das spätestens mit dem WM-Titel vor über vier Jahren dem echten Leben und der Fußballbasis immer weiter entrückende Eliteteam, macht sich seit seinem jähen Absturz in Russland daran, sich seinem Publikum wieder anzunähern. Im Oktober hatte sich die Nationalelf in Berlin bereits erstmals nach vier langen Jahren ihren Anhängern bei einem öffentlichen Training gezeigt. Nun gingen die Spieler auf Initiative des im Sommer für seine Marken- und Marketingpolitik heftig kritisierten Managers in die Schule zu ihren jüngsten Fans. „Wir wollen, dass wir zu euch kommen und nicht nur ihr zu uns“, sagte Bierhoff zur Begrüßung. Am frühen Abend wollten ein paar Spieler dann auch noch bei einem Fußballverein in der Nähe vorbeischauen.

          Selfies und Autogramme mit Nationalspielern: Irgendwann klappt es auch mit dem Gruppenbild.

          Am Vormittag, auf dem Trainingsgelände von RB Leipzig, gestattete Bundestrainer Joachim Löw den Medien auch einen weit längeren Einblick als gewöhnlich in den seit Jahren ebenfalls stark abgeschotteten Trainingsalltag. Nun konnten die Medien über die übliche Aufwärm-Viertelstunde hinaus mitansehen, wie hübsch sich etwa der feine Techniker Serge Gnabry gegen die Kollegen durchsetzte. Und auch, dass der Bundestrainer persönlich mit anpackt, wenn es darauf ankommt und die Objektive auf ihn gerichtet sind. Löw schleppte eigenhändig ein kleines Fußballtor über den Rasen.

          Einer aber fehlte an diesem Tag der offenen Tür, zumindest auf dem Trainingsplatz: Marco Reus, der Anführer der neuen, am FC Bayern vorbei stürmenden Borussia. Dem Einsatz des Dortmunders am Donnerstag im Testspiel gegen Russland in Leipzig dürfte diese Verletzung vermutlich im Wege stehen, vielleicht auch im womöglich entscheidenden Abstiegsduell in der Nations League gegen die Niederlande am Montag. Dem Bundestrainer und seiner seit Monaten schlingernden Auswahl, soviel ist sicher, würde der Verlust von Reus, der sich in Topform befindet, in diesen Tagen empfindlich treffen. Nach dem 3:2 des BVB gegen die Bayern hatte Löw geschwärmt: „In dieser Verfassung hätte ich ihn liebend gerne über die ganzen Jahre dabei gehabt.“ Und fügte hinzu, als ob er es geahnt hätte: „Ich würde mir daher wünschen, dass er frei von Verletzungen bleibt.“

          Jenseits dieser schlechten sportlichen Nachricht: Am öffentlichen Streben der Weltmeister von vorgestern um eine neue Symbolik jenseits des Platzes gab es zwei Tage vor der Partie gegen den WM-Gastgeber von gestern nichts auszusetzen. Auffällig ist dabei allerdings, wie Löw gleichzeitig seit Wochen versucht, die sportlichen Erwartungen immer weiter zu senken. Schon nach dem 0:3 in Amsterdam gegen die Niederlande und dem 1:2 in Paris gegen Frankreich war er bemüht, den Wert der Nations League herunterzureden. Wichtig sei nicht dieser Wettbewerb, sondern vor allem die Endrunde der EM 2020, betonte der Bundestrainer.

          Selbst anpacken, zumindest wenn die Kameras laufen: Nahbarkeitsinitiative von Joachim Löw

          Aber erst als klar wurde, dass nach dem spektakulären Aus in der WM-Vorrunde nun auch noch der Abstieg aus der Top-Gruppe droht. Sollten die Niederländer am Freitag ihr Heimspiel gegen Frankreich gewinnen, sind die Deutschen endgültig abgestiegen. Bei einem Unentschieden müssten sie drei Tage später in Gelsenkirchen 4:0 gewinnen, um die nächste Pleite noch abzuwenden. Die einzige realistische Chance, den Abstieg zu verhindern, hält ein französischer Sieg gegen die Niederlande am Freitag in Amsterdam bereit.

          Aber von Abstiegskampf sprachen in der Schule weder die Spieler, noch in den Tagen zuvor der Bundestrainer. Die DFB-Sprachregelung lautet: „Wir wollen einen guten Jahresabschluss.“ So sagten es gleichlautend Manuel Neuer vor den Schülern und Joachim Löw gegenüber den Medien. Und der Bundestrainer fügte perspektivisch vorbauend hinzu: „Die EM-Qualifikation ist wichtig. Da haben wir ein Jahr Zeit, um uns auf die EM 2020 vorzubereiten und sukzessive junge Spieler einzubauen.“

          Das Spiel in Frankreich habe gezeigt, dass die Mannschaft Potential besitze. Einen Umbau könne es jedoch nicht auf Knopfdruck geben. „Es wird natürlich auch den einen oder anderen Rückschlag geben.“ Das Erwartungsmanagement des Bundestrainers, soviel lässt sich schon jetzt mit Gewissheit sagen, baut weiteren Enttäuschungen bereits vor.

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