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Fußball-Nationalmannschaft : Schneller Wechsel in die Verteidigung

Vertraut dem Bundestrainer: Mittelfeldstar Sami Khedira Bild: picture alliance / dpa

Fußball-Nationalspieler Sami Khedira nimmt Bundestrainer Joachim Löw vor dem Argentinien-Spiel in Schutz, kritisiert die Hymnen-Debatte und glaubt daran, dass die Nationalelf bald wieder ein Turnier gewinnt.

          3 Min.

          Die Nationalmannschaft war gerade einmal vierundzwanzig Stunden zusammen nach der Europameisterschaft, und das erste Zeichen, dass sie in dieser Zeit schon vor dem ersten Test-Länderspiel an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker) gegen Argentinien aussendete, war eindeutig: Trainer und Spieler rücken im Kampf gegen die langen Schatten der EM ganz eng zusammen.

          Michael Horeni
          (hor.), Sport

          Am Montag hatte zunächst Joachim Löw sein Team beherzt gegen die massive Kritik nach der Halbfinal-Niederlage gegen Italien in Schutz genommen, am Dienstag erhielt dann der Bundestrainer ausdrückliche Unterstützung aus dem Team. Es war Sami Khedira, der in Polen und der Ukraine zur neuen Führungskraft aufgestiegene Mittelfeldspieler von Real Madrid, der die Fortsetzungsgeschichte der Aufarbeitung aus Sicht des spielenden Personals lieferte: „Wir haben ihm zum hundert Prozent vertraut, und wir vertrauen ihm zu hundert Prozent. Da gibt es überhaupt keinen Zweifel, denn er ist ein hundertprozentiger Fachmann“, sagte Khedira über den Bundestrainer, der wegen seiner verunglückten Aufstellung beim 1:2 in die Kritik geraten war. „Es zeigt die Stärke des Trainers, dass er riskante Entscheidungen trifft. Niemand macht ihm Vorwürfe zur Aufstellung. Wir haben es nicht zu hundert Prozent umgesetzt.“

          Wenn man neben der Unterstützung für den Bundestrainern auch noch nach Argumenten in der Diskussion um ausgestorbene Leitwölfe, verhätschelte Millionäre und willensschwache Profis in der Nationalelf suchte, dann genügte es, den öffentlichen Auftritt von Khedira zu begutachten. Das Kraftwerk aus Madrid lieferte eine erste, gleichwohl facettenreiche und selbstkritische EM-Analyse, mit der er seine gestiegene Bedeutung auch außerhalb des Platzes wie selbstverständlich belegte.

          Khedira gestand ein, dass man den Gegner mit der Formation überraschen wollte, aber dass sich das Team von Italien „ein bisschen zu leicht den Schneid abkaufen ließ“. Zudem habe die Durchschlagskraft zu wünschen übrig gelassen und „vielleicht haben wir uns auch zu sehr unter Druck gesetzt. Wir müssen vielleicht noch geiler auf den Sieg werden“, sagte Khedira. Aber das alles seien letztlich nur „Kleinigkeiten“, die gefehlt hätten. Die große Linie stimme.

          Höhere Qualität bei der EM als in Südafrika

          Auch die Mechanismen im Medienbetrieb hatte Khedira bei seiner Nachbetrachtung genau im Auge. In den Zeitungen sei etwa sehr ausführlich zu lesen gewesen, „wie die Italiener die Nationalhymne zelebriert haben. Aber nicht, was drei Tage später passiert ist.“ Auch das 0:4 gegen Spanien habe seine Gründe. Die scharfe Kritik am Bundestrainer betrachtete Khedira ebenfalls mitsamt seiner medialen Vorgeschichte. „Er wurde vorher so hochgehypt, dass es gar nicht mehr höher ging.“

          Khedira besteht darauf, dass die Nationalelf in den vergangenen zwei Jahren immer dominanter aufgetreten sei, dass ihre Qualität 2012 höher gewesen sei als bei der WM 2010 in Südafrika. Das Team spiele „flexibler“ - und das nun immer mehr Spieler in der Champions League antreten, könne der Nationalmannschaft nur gut tun. „Ich glaube, dass wir in den nächsten zwei Jahren noch besser werden und irgendwann an der Reihe sind, einen Titel zu holen. Der Titel fehlt. Daran werden wir arbeiten - und uns nicht entmutigen lassen.“

          Die Welle der Kritik ist an Khedira und seinen Kollegen keineswegs spurlos vorüber gegangen. „Wir waren nach dem Halbfinale enttäuscht. Wir haben nicht unsere beste Leistung gezeigt und sind zurecht ausgeschieden. Was danach passiert ist, war für uns schwer nachzuvollziehen“, sagte der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler. Die Vorwürfe und Vorhaltungen „waren sehr hart, sehr persönlich und teilweise beleidigend. Aber das ist nun mal die Welt.“ Nun singt und spielt man schön - mit dieser Forderung muss man Khedira nicht kommen.

          „Ein guter Deutscher ist man, wenn man die Werte annimmt“

          Der in Stuttgart geborene Sohn deutsch-tunesischer Eltern erinnerte bei der Hymnen-Diskussion daran, dass bei den U 19-Europameistern von 2009 acht der vierzehn im Finale eingesetzten Spieler mit Migrationshintergrund in der Startformation standen - und dies damals ganz ausdrücklich „gelobt wurde für die Integration“, genau wie bei der WM 2010 in Südafrika, sagte der Kapitän der U 19-Europameister. „Es ist sehr schön und ein gutes Zeichen, wenn man die Hymne singt. Aber dadurch wird man kein guter Deutscher. Ein guter Deutscher ist man, wenn man die Sprache gut spricht und die Werte annimmt.“ Die Kritik sei „nicht fair, weil wir alles für unser Land tun. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb.“ Khedira selbst singt die Hymne nicht. Er hat das noch nie in seinen zehn Jahren in den deutschen Auswahlteams gemacht. „Das wird sich auch durch Druck nicht ändern. Die Diskussion ist nicht überflüssig, aber für mich nicht relevant.“

          Sieht die Schuld bei den Spielern: Khedira bei der DFB-Pressekonferenz in Frankfurt Bilderstrecke
          Sieht die Schuld bei den Spielern: Khedira bei der DFB-Pressekonferenz in Frankfurt :

          Das Duell gegen Messi und Co. in Frankfurt, bei dem Torhüter Neuer, Kapitän Lahm und Schweinsteiger fehlen werden, ist für Khedira eine sehr gute Gelegenheit, verlorene Sympathien zurückzugewinnen. Aber eine Begegnung zu diesem Zeitpunkt der Saisonvorbereitung sei auch eine „Lotterie“. „Wer ist weiter? Wer ist noch nicht so weit?“ Das seien entscheidende Fitness-Fragen zu diesem unglücklichen Zeitpunkt. Vom Trainerteam habe die Mannschaft aber schon einige sehr sachdienliche Hinweise bekommen, „wie wir Messi und Argentinien stoppen können“. Mit welcher taktischen Variante der Bundestrainer aber das erste Spiel nach der Europameisterschaft angeht, verriet Khedira lieber nicht.

          Die WM-Qualifikationsspiele der Fußball-Nationalmannschaft

          07.09.2012 Deutschland - Färöer (Hannover)
          11.09.2012 Österreich - Deutschland (Wien)
          12.10.2012 Irland - Deutschland (Dublin)
          16.10.2012 Deutschland - Schweden (Berlin)
          22.03.2013 Kasachstan - Deutschland (Astana)
          26.03.2013 Deutschland - Kasachstan (Nürnberg)
          06.09.2013 Deutschland - Österreich (München)
          10.09.2013 Färöer - Deutschland (Tórshavn)
          11.10.2013 Deutschland - Irland (Köln)
          15.10.2013 Schweden - Deutschland (Ort offen)

          Nur der Gruppensieger qualifiziert sich direkt für die Endrunde der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien.

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