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Fußball-Nationalmannschaft : Schlechter Standard

Lange ist es her: Am 16. Juni 2008 erzielte Michael Ballack im EM-Spiel gegen Österreich das bisher letzte deutsche Tor nach einem Freistoß Bild: picture-alliance/ dpa

Die Nationalmannschaft hat gewiss viele Stärken, aber Eckbälle und Freistöße gehören sicher nicht dazu. Das ist nicht das einzige Manko: Die Statistik weist aus, dass die Chancenverwertung so schlecht wie noch nie in der Ära von Bundestrainer Löw ist.

          Dass Joachim Löw und die Nationalmannschaft mit Duellen gegen Österreich in Wien die besten Erinnerungen verknüpfen, lässt sich beim besten Willen nicht behaupten. Vor gut einem Jahr schaffte die Mannschaft in der EM-Qualifikation in letzter Minute durch ein Tor von Mario Gomez mit Ach und Krach einen sehr glücklichen 2:1-Sieg.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Noch unangenehmer fällt die Erinnerung an den 1:0-Sieg in der Vorrunde bei der Europameisterschaft 2008 aus. Damals wurde der Bundestrainer nach einem Disput mit dem vierten Offiziellen gemeinsam mit Österreichs Trainer Josef Hickersberger aus dem Innenraum verwiesen und sah den Auftritt seiner Mannschaft neben dem gesperrten Bastian Schweinsteiger auf der Tribüne.

          „Ich habe dieses Spiel nur in sehr negativer Erinnerung. Wahrscheinlich war das spielerisch eines unserer schwächsten Spiele überhaupt in den letzten Jahren“, sagte Löw vor dem WM-Qualifikationsspiel an diesem Dienstag (20.30 Uhr / Live in der ARD und im Länderspiel-Ticker von FAZ.NET) gegen Österreich. Der deutsche Jahrgang 2012 hat spielerisch weit mehr zu bieten als Löws Vorgängermodell 2008. Aber diesmal begleiten zwei andere Mängel das deutsche Team beim Nachbarschaftsduell: Die Chancenverwertung und die Schwäche bei ruhenden Bällen.

          Trotz aller unangenehmen Erinnerungen Löws an das 1:0 vor gut vier Jahren - einen positiven Moment hielt diese Partie doch bereit. Michael Ballack erzielte damals mit einem krachenden Freistoß das entscheidende Tor. Dummerweise ist es der letzte Treffer geblieben, den eine deutsche Mannschaft seitdem mit einem Freistoß erzielt hat.

          Mit dieser Standardsituation kann Löws Auswahl, die bei der WM 2014 in Brasilien endlich an ihr großes Ziel kommen will, nun schon seit mehr als vier Jahren überhaupt nichts mehr anfangen. Die Krise im Umgang mit dem ruhenden Ball hat sich zuletzt sogar noch weiter ausgeweitet. In diesem Jahr eroberte Löws Auswahl zwar 75 Eckstöße, doch kein einziger führte zum Erfolg. Eckbälle und Freistöße - eine einzige deutsche Null-Lösung.

          Bundestrainer Joachim Löw muss nicht nur die Standards seiner Mannschaft verbessern

          Mindestens so bedenklich ist eine andere, zunächst eigentlich positive Entwicklung: Aus der in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, spielerischen Qualität springen immer weniger Treffer heraus. Die Analyse der EM hat ergeben, dass die Deutschen 35 Chancen für ihre zehn Tore benötigten. Das macht eine Quote von 28,6 Prozent.

          Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika war das Team mit 37,2 Prozent noch deutlich effizienter beim Abschluss - und selbst bei der Europameisterschaft 2008, bei der sich Löw in Wien mit Grausen abwendete, war die Quote mit 33,3 Prozent besser. Zahlen lügen nicht: Die Chancenverwertung ist derzeit so schlecht wie nie in der Ära Löw.

          Gegen Färöer spielten sich Mario Götze und Co. einige Chancen heraus, nur drei wurden genutzt

          Beim Auftakt der WM-Qualifikation gegen Färöer setzte sich der ambivalente Trend fort: immer mehr Chancen - aber immer weniger Tore. In Hannover fiel der erste Treffer nach der siebten Chance, insgesamt brauchte das Team fünfzehn Gelegenheiten für drei Tore. „Wir haben das ein oder andere Tor zu wenig geschossen. Aber wir haben auch immer in den Qualifikationen und Turnieren gezeigt, dass wir in der Lage sind, viele Tore zu erzielen“, sagte Löw in Wien.

          „In den letzten beiden Jahren haben wir große Schritte nach vorne gemacht. Als Nummer zwei der Welt kann man aber nur noch kleine Schritte machen, um sich zu verbessern.“ Es sei auch nicht ganz einfach, im Training die Abschlussqualität zu verbessern. „Ständig unter Wettkampfdruck trainieren“ sei dafür noch die beste Möglichkeit, findet der Bundestrainer.

          Miroslav Klose hat eine gute Torquote - er muss es am Dienstag in Österreich alleine richten

          Gegen die Färöer bemerkte nicht nur Löw, dass auch die Konzentration beim Torschuss nicht so war, wie sie hätte sein sollen. „Die letzte Entschlossenheit, das letzte Drängen auf das Tor war nicht hundertprozentig vorhanden“, sagte auch Sami Khedira nach dem Auftakt in der WM-Qualifikationsgruppe C - das konnte man auch grundsätzlich verstehen. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid ließ durchblicken, dass nicht nur in diesem Spielchen gegen die Halbprofis von den Schafsinseln der letzte Funke Durchsetzungskraft vor dem Tor gefehlt habe.

          Oder fehlt einfach nur ein Stürmer, der cool bleibt vor dem Tor? Miroslav Klose, gegen Österreich die einzige Spitze, bestreitet diesen Mangel - von dem er mit seinen 34 Jahren aber ganz offensichtlich eher profitiert. Sein einziger ernsthafter Konkurrent seit Jahren, Mario Gómez, ist derzeit verletzt - dahinter ist niemand in Sicht. Der offenkundige Mangel an Stürmern von internationaler Klasse sei auch „nicht von heute auf morgen“ zu lösen, räumt Löw ein.

          Die deutsche Elf startete mit einem 3:0-Pflichtsieg gegen den Außenseiter - nun wird es schwieriger

          Der neue DFB-Sportdirektor Robin Dutt soll in der Nachwuchsarbeit dafür sorgen, dass endlich ein neuer Stürmertypus ausgebildet wird, der den aktuellen Erfordernissen entspricht: ein spielerisch starker Angreifer mit Torinstinkt - aber bitte keine Brecher- oder Abstauber-Typen mehr, die am liebsten mit einem einzigen Ballkontakt zum Erfolg kommen, aber ansonsten für das Kombinationsspiel am Ende der Verwertungskette des Löw-Fußballs ausfallen.

          Der Bundestrainer hat den Glauben, dass sich an seinem stürmischen Personal bis zur WM noch etwas ändern könnte, schon aufgegeben. Das Problem sei „langfristig“ zu lösen, sagt er. Kurzfristig ist Klose gegen Österreich eine ausgezeichnete Wahl - wenn man der Statistik glaubt. Bei den vier Siegen in den vergangenen vier Spielen war der ewige Stürmer aus Rom immer dabei und erzielte fünf Tore gegen Österreich.

          Bilderstrecke

          Auch wenn es Klose zuletzt gegen Färöer mehrmals verpasste, seine Bilanz für die Nationalelf weiter aufzuhübschen: Der Torschütze im Dauerdienst hat in seiner Länderspielkarriere auch so schon mehr Treffer erzielt als der gesamte Kader Österreichs zusammen. Um genau zu sein: Klose führt 64:50.

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