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Fußball-Nationalmannschaft : Löw und die Kuranyi-Frage

Wie beantwortet Joachim Löw die Kuranyi-Frage? Bild: dpa

Wenn Kevin Kuranyi in die Nationalelf zurückkehrt, dann handelt sich Bundestrainer Joachim Löw das nächste Problem ein. Er muss sich einer Lose-Lose-Situation stellen. Und ob mit oder ohne den Schalker - die Mission WM-Titel wird sehr schwer.

          3 Min.

          Die Leitung der Nationalmannschaft befindet sich für drei Tage in Klausur. Bis zu diesem Mittwochabend werden Joachim Löw und seine Helfer in München den bisherigen Verlauf der Weltmeisterschaftsvorbereitung analysieren und ihre Planungen auf dem Weg nach Südafrika festlegen. Ein Thema stand dabei ursprünglich nicht auf dem Programm, aber nun diktiert es die Aktualität mit unerwarteter Heftigkeit: Die von Franz Beckenbauer, Felix Magath und den deutschen Medien einhellig geforderte Rückkehr von Kevin Kuranyi in den Kreis der Nationalelf. Die Debatte über den verbannten, aber derzeit erfolgreichsten deutschen Stürmer könnte für den Bundestrainer kaum ungünstiger verlaufen. Sie wird angesichts der überragenden Form Kuranyis schon gar nicht mehr fachlich geführt, sondern mit Blick auf einen Gesichtsverlust von Löw, auf eine Lose-Lose-Situation. Danach ist es vollkommen gleichgültig, wie er entscheidet, denn der Bundestrainer verliert: Entweder wird Löw zum Umfaller oder zum Sturkopf.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Keine Frage: Der Bundestrainer ist der Getriebene in der Diskussion. Aber die Art und Weise, wie die Kuranyi-Diskussion angelegt ist, nämlich als eine Personalie, der nur Löw im Weg steht, bemäntelt das eigentliche Problem rund zwei Monate vor der WM. Die schlichte Wahrheit dahinter lautet: Die Nationalmannschaft ist derzeit nicht konkurrenzfähig im Kampf um den Titel.

          Der Einzug ins Halbfinale wäre angesichts der in allen Mannschaftsteilen erkennbaren Defizite ein enormer Erfolg. Selbst in der Vorrunde gegen Australien, Serbien und Ghana zu bestehen, ist keine Selbstverständlichkeit. Aber der öffentliche Anspruch, mit dem vierten WM-Titel vom Kap der Guten Hoffnung heimzukehren, gleicht trotz der offensichtlichen Schwächen weiter einem Naturgesetz. Auch Beckenbauer hat sich unlängst der Kampagne eines großen DFB-Sponsors angeschlossen, der den vierten WM-Stern ausdrücklich zum Ziel erklärt. Dahinter steht ein Anspruchsdenken, wie man es in Deutschland, das den Titel des Export-Weltmeisters in diesem Jahr schon unwiederbringlich verloren hat, nur noch bei der Nationalelf kennt.

          Im Schalker Trikot ist Kuranyi in der Form seines Lebens

          Viele weitere Baustellen

          In der Kuranyi-Diskussion, und das erklärt die aufflammende Leidenschaft in der Debatte, fallen derzeit alle Missstände und uneingelösten Versprechen der Nationalelf zusammen. Löws Auswahl hat seit der geglückten WM-Qualifikation im Herbst immer weiter an Profil verloren. Das Team sucht nach Stabilität und einem Gesicht, es wirkt im sechsten Jahr mit und unter Löw seltsam konturlos. Dabei sollte es in diesen Monaten seinen Zenit erreichen. Aus dem Personal der WM 2006 und den Talenten sollte, so des Bundestrainers langfristiger Wille und Wunsch, eine „goldene Generation“ entstehen. Aber ob Löw im Mai nun den Schalker Liebling in den Kader beruft oder den Forderungen widersteht – an der deutschen WM-Perspektive wird das nichts ändern, jedenfalls nichts Wesentliches.

          Löw schweigt in der Kuranyi-Frage, noch. Und die Nationalelf wackelt. Das beginnt, als hätte es die Entwicklungszeit seit 2006 nicht gegeben, beim schwankenden Mertesacker und der Innenverteidigung. Außenverteidiger Lahm tritt auf hohem, aber nicht höchstem Niveau auf der Stelle. Schweinsteiger sucht im defensiven Mittelfeld seine neue „Sechser“-Rolle, die international auch mal dynamischer interpretiert wird. Ob er mit Ballack, an dem die letzten Jahre nicht spurlos vorübergegangen sind, im defensiven Mittelfeld harmonieren wird, ist längst nicht ausgemacht – zudem setzten sich Klose und Podolski in dieser Saison nicht mal gegen Bochumer Verteidiger durch, wie soll das gegen Brasilianer gelingen? Das sind nur die Fragezeichen hinter den jahrelang verlässlichsten Stammkräften. Von den Turnierneulingen wie Adler, Boateng, Tasci, Müller, Kroos, Özil oder Kuranyi ist da noch gar nicht die Rede.

          Form des Lebens ist kein ausreichendes Argument

          Löw ist der „lebenslange“ Bann des Schalker Stürmers in seiner Amtszeit auch deshalb so leicht gefallen (neben dem Ziel, saisonal wiederkehrenden Rückkehrdebatten den Boden zu entziehen), weil er Kuranyi für sein Spielsystem als wenig geeignet betrachtet. Kuranyi hat seine großen Stärken als zentraler, kopfballstarker Stürmer, auf ihn ist das Sturmspiel der Schalker zugeschnitten. Das passt Löw aber nicht in den taktischen Kram, die Nationalmannschaft funktioniert anders. Als Idealbild erscheinen dem Bundestrainer für sein Gefüge spielerische Stürmer wie Klose und Podolski, trotz ihrer schier endlosen Schwächephase. Als Spielertyp aber ist Kuranyi trotz seiner Tore der alte Kuranyi geblieben, nur viel besser.

          Kuranyi in der Form seines Lebens – das ist für Löw kein ausreichendes Argument für eine Wiedereinstellung. Erst wenn der Bundestrainer ernsthaft zweifelt, Podolski und Klose in der Vorbereitung wieder auf einen international konkurrenzfähigen Zustand hieven zu können, wird der Weg für Kuranyi frei. Die Zweifel sind vorhanden. Daher sind die Schwächen von Podolski und Klose derzeit die stärkste Argumente des Schalkers. Sollte Kuranyi tatsächlich in die Nationalelf zurückkehren, wäre das kein gutes Zeichen, sondern ein Warnsignal. Zumindest aus Sicht des Bundestrainers.

          Fehlende individuelle deutsche Klasse

          Mit dieser Perspektive kann man auch Bastian Schweinsteigers Einschätzung besser verstehen, der Kuranyi zwar für einen netten Kerl hält, aber feststellte: „Ich glaube nicht, dass der Bundestrainer seine Entscheidung ändert.“ Auch wenn es für den Schalker Torjäger ungerecht sein mag: In der allgemeinen Hoffnung, die sich mit ihm verbindet, spiegelt sich vor allem ein Mangel an Substanz.

          Die fehlende individuelle deutsche Klasse dokumentiert sich ansonsten vor allem bei den Fußballerwahlen – aber auch das wird gerne verdrängt. In Europa findet sich derzeit kein deutscher Profi unter den besten dreißig Spielern, weltweit schaffte es keiner über die Vorauswahl. Ballack landete zuletzt auf Platz 23. Zum WM-Titel soll er das Team in Südafrika natürlich trotzdem führen – ob mit oder ohne Kuranyi. (siehe auch: )

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