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Fußball-Nationalmannschaft : Löw schont die Torhüter

Kein Wort über den besonderen Druck der beiden Torhüter: Tim Wiese (mit Ball) und Manuel Neuer Bild: dpa

Tim Wiese und Manuel Neuer teilen sich am heutigen Mittwoch gegen die Elfenbeinküste die Aufgabe zwischen den Pfosten. Von der Last, sich zu Robert Enke zu äußern, wurden sie entbunden. Stattdessen sprachen andere.

          Die Besetzung der Pressekonferenz bei der Fußball-Nationalmannschaft ist kein Zufall. Sie folgt einer Dramaturgie. Von den Spielern, die am Tag vor einem Länderspiel auf dem Podium auftreten, lässt sich immer auch auf Stimmung, Form, Örtlichkeit und Bedeutung einer Partie schließen. Neulinge und Lokalmatadoren sind einige Tage vor einem Länderspiel dran, Führungsfiguren unmittelbar davor. Wer am Tag vor einem Länderspiel für die Nationalmannschaft auf einer Pressekonferenz spricht, steht in der Startformation. Wenn es sportlich ernst wird, kommt der Kapitän – oder der Bundestrainer spricht ganz alleine, wie vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Moskau.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Seit dem Tod von Robert Enke hat eine Woche lang kein Nationalspieler das Wort ergriffen. Auch auf der Trauerfeier in Hannover blieben die Profis stumm. Am Dienstag nun, vor dem Länderspiel an diesem Mittwoch in Gelsenkirchen (20.45 Uhr / FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) gegen die Elfenbeinküste, traten wieder zwei deutsche Nationalspieler vor die Öffentlichkeit: Philipp Lahm, der als Ersatz für den verletzten Michael Ballack die Mannschaft als Kapitän anführen wird, sowie Rückkehrer Stefan Kießling von Bayer Leverkusen. Der Torjäger wird in der Anfangsformation stehen. Die Zeichen standen also wieder auf Normalität.

          Aber wo waren die Torhüter? Die Blicke an diesem Mittwoch in der Arena von Schalke werden, wenn der Ball nach dem Gedenken an Robert Enke wieder rollt, vor allem in Richtung des deutschen Tores gehen. Ursprünglich hatte der Bundestrainer geplant, den Bremer Tim Wiese beim für den vergangenen Samstag vorgesehenen Länderspiel gegen Chile zu seinem zweiten Einsatz in der Nationalmannschaft kommen zu lassen.

          Schwere Rückkehr in den fußballerischen Alltag: Bundestrainer Joachim Löw

          „Wiese wird anfangen. Er hat noch kein Spiel von Anfang an gemacht“

          Der Schalker Manuel Neuer sollte dann sein Heimspiel gegen die Elfenbeinküste bekommen. Auch Neuer hat bisher erst einen Einsatz im DFB-Trikot hinter sich. Nun werden sich beide Torhüter die Aufgabe teilen, jene Rolle einzunehmen, die an diesem Mittwoch mit dem Gedenken an Robert Enke verbunden sein wird. „Wiese wird anfangen. Er hat noch kein Spiel von Anfang an gemacht. Wir wollen ihm die Chancen geben, einmal von Anfang an dabei zu sein und die Hymne zu erleben. Das hat er sich verdient“, sagte Manager Oliver Bierhoff.

          Die Besetzung der Pressekonferenz ohne Neuer und ohne Wiese legt die Vermutung nahe, dass über die besondere Verantwortung, über den besonderen Druck, dem die Torhüter ausgesetzt sind, nicht weiter gesprochen werden sollte auf dem Weg zum Alltag. „Wir wollen das nicht überfrachten“, sagt Bierhoff auch zu allem Gedenken in Gelsenkirchen an Enke. Und so bleiben bis auf weiteres auch Neuer und Wiese sprachlos, genauso wie Torwarttrainer Andreas Köpke.

          Am Montagabend wollte eigentlich Oliver Kahn in der ARD-Sendung „Beckmann“ auftreten. Der ehemalige Nationaltorhüter war schon lange eingeladen, um zum Thema Depression über seine Erfahrungen mit dem „Burn-out-Syndrom“ zu sprechen. Kahn sagte nun ab, weil er sich nach dem Tod von Enke dazu nicht mehr in der Lage sah. Aber ein „Burn-out-Syndrom“ gebe es für ihn gar nicht, sagte Professor Florian Holsboer, der neben dem ehemaligen Nationalspieler Sebastian Deisler auch Oliver Kahn behandelte. Beim sogenannten „Burn out“ handele sich ebenfalls um eine Depression, nur unter einer anderen, gesellschaftlich anerkannteren Bezeichnung.

          „Ich spüre überhaupt nichts mehr außer einer furchtbaren Angst“

          Der ehemalige „Welttorhüter“ Kahn, der in den Medien zum „Titan“ erhoben wurde, hat seinen Zustand einmal so beschrieben: „Ich bin in der Kabine des FC Valencia angekommen. Gut – niemand scheint zu merken, wie es mir geht. Ich spüre überhaupt nichts mehr außer einer furchtbaren Angst. Aber vor was? Angst vor dem Versagen? Angst davor, den Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden? Angst vor der Niederlage? Angst vor der Kritik? Es gibt keine Antworten. Noch nicht. Ich muss raus zum Aufwärmen. Wie soll das gehen? Ich kann nicht mehr atmen, alles dreht sich um mich herum. Ich muss da raus. Keiner darf irgendetwas merken.“ Die Selbstbeschreibung aus seinem Buch steht unter dem Titel: „Ich hätte mich fast selbst zerstört.“

          Neuer führt auf seiner Homepage ein Tagebuch. Dort findet sich als letzter Eintrag eine wie für ihn formulierte Erklärung zum Selbstmord von Enke: „Mit großer Betroffenheit haben wir gestern Abend vom Tod unseres Kollegen Robert Enke gehört. Wir waren alle geschockt. Ich habe Robert als stets fairen, kollegialen Sportsmann erleben dürfen. Mein Beileid gilt seiner Frau, seiner Tochter und der gesamten Familie.“

          Auf der Homepage des Bremers Wiese gibt es keine Rubrik für persönliche Nachrichten, aber für Illusionen. In der Animation erscheint Tim Wiese in Lederjacke und Pelzkragen, bis plötzlich hinter dem gestylten Torwart sechs weitere, unbezwingbare Wieses auftauchen, die mit vielen Händen alle Bälle halten. So wie sich Torhüter am liebsten sehen.

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