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Fußball-Nationalmannschaft : Die Kampfansage des Toni Kroos

Klare Botschaft: Nationalspieler Toni Kross, hier beim Länderspiel gegen Weißrussland Bild: dpa

Für Toni Kroos ist die Qualifikation für die EM nichts Besonderes – andere interessante Botschaften versteckt er zwischen den Zeilen. Eine davon könnte in Richtung des DFB gerichtet sein.

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          Toni Kroos hat 95 Länderspiele absolviert. 2010 gab er sein Debüt in der Nationalmannschaft, hat die Höhen wie die Weltmeisterschaften 2010 und 2014 ebenso mitgemacht wie die Dellen bei den Europameisterschaften 2012 und 2016 und den Absturz 2018. Nebenbei hat er auch viermal die Champions League gewonnen, und alles zusammen bringt ihm einen besonderen Status in der Nationalmannschaft ein. So einer darf schon mal sagen, was nicht zum Mainstream gehört, er leistet sich sogar eine andere Meinung als der Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Sportdirektor Oliver Bierhoff. Das DFB-Führungsduo hatte vor den Länderspielen gegen die Niederlande plötzlich wieder darauf beharrt, dass sich vor der WM das folgende desaströse Abschneiden mit dem Vorrunden-Aus nicht abgezeichnet habe.

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          Peter Penders

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          Kroos war schon 2018 anderer Meinung und hatte gewarnt, die Mannschaft sei nicht so gut, wie ihr eingeredet würde. Und an seiner Einschätzung hat sich nichts geändert: „Vor der WM konnte man befürchten, dass es nicht so gut laufen wird“, sagt er vor dem abschließenden EM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland an diesem Dienstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und bei RTL) in Frankfurt im Rückblick. Und das könnte ja durchaus ein gutes Omen für die kommende Europameisterschaft im nächsten Jahr sein. „Vielleicht ist es jetzt ja andersherum, und wir sind gar nicht so schlecht, wie wir manchmal gemacht werden.“

          Kroos ist 29 Jahre alt, gereift in großen Vereinen wie Bayern München – wo sich mancher immer noch fragen dürfte, ob der Verkauf des Mittelfeldspielers nicht eine der größten oder sogar die größte Fehlentscheidung in der Ära Hoeneß war – und vor allem bei Real Madrid. Der Taktgeber des deutschen Spiels sagt seine Meinung, und so wie er das Kurzpassspiel auf dem Platz zelebriert, beherrscht er auch die Kunst der Botschaft zwischen den Zeilen.

          Dass sich die Fans etwas von der Nationalmannschaft entfernt haben und in den zuletzt nicht ausverkauften Stadien eine unterkühlte Stimmung geherrscht habe, sei ihm aber nicht so bewusst geworden. „Ich hatte das Gefühl nach dem Spiel in Mönchengladbach, dass die Zuschauer, die gekommen waren, auch glücklich mit unserem Spiel waren“, sagt Kroos. So ganz ist ihm die Zurückhaltung auf den Rängen dann aber wohl doch nicht verborgen geblieben: „Natürlich steht alles noch unter dem Stern von 2018 und unserem Scheitern in der Vorrunde.“ Danach aber sei vieles schnell besser geworden, das deutsche Spiel sehe anders und besser aus. „Wir müssen uns zurückkämpfen“, sagt Kroos, der den Umbruch für unumgänglich hält – und angesichts seiner Warnung vor der WM 2018 vermutlich eher eingeleitet hätte. „Der Trainer hat da gute Entscheidungen getroffen. Mit der alten Mannschaft wäre das nicht mehr besser geworden.“

          Und trotzdem sind die Stadien nicht voll. „Unsere Leistungen sprechen nicht gegen einen Besuch unserer Spiele“, sagt Kroos, der aber auch auf die schwierige Gemengelage bei Qualifikationsspielen zu einer ohnehin aufgeblähten Europameisterschaft hinweist. „Es ist nichts Besonderes, dass wir uns qualifiziert haben. Dass wir nun die Chance haben, uns als Gruppensieger durchzusetzen, davon konnte man vor den letzten beiden Spielen nicht unbedingt ausgehen.“ In Frankfurt nähert sich der Vorverkauf 40.000 Karten – das klingt viel, ist aber im Vergleich zur Eintracht mager. Der heimische Verein spielte selbst in nahezu bedeutungslosen Qualifikationsspielen zur Europa League gegen drittklassige Gegner immer in einem ausverkauften Stadion.

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          An den Eintrittspreisen soll das Dilemma nicht liegen, wie DFB-Pressesprecher Jens Grittner noch einmal ausdrücklich betonte. „Nicht jeder ist über die Preisstruktur offenbar richtig informiert. Wir haben in Frankfurt beispielsweise rund 10.000 Karten für zehn Euro verkauft.“ Die Eintracht-Anhänger haben nach Angaben ihres Fanclubverbandes aber trotzdem kaum Interesse am Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft am Dienstag in Frankfurt. „Der Großteil von denen, die ich kenne, geht nicht hin. Der DFB ist so unbeliebt wie sonst was, das geht auch auf die Nationalmannschaft über“, sagte Ina Kobuschinski, Vorsitzende des Eintracht Frankfurt Fanclubverbandes e.V., am Montag der Deutschen Presse-Agentur und hält die Preisvorstellungen bei Eintrittskarten und auch bei den neuen Trikots für „völlig überzogen“. Die aktive Fanszene habe „keinen Bock“ mehr auf die Nationalmannschaft und auch auf Merchandising-Aktionen wie die Marke „Die Mannschaft“, die 2015 präsentiert wurde.

          Dass der Zuschauer-Rückgang also möglicherweise nicht nur am enttäuschenden Sommer 2018 liegt, schwant wohl auch Kroos. „Vor zehn Jahren haben wir vermutlich etwa gegen Weißrussland auch nicht besser gespielt. Und wenn es andere Gründe gibt, warum die Zuschauer nicht kommen, ist das vielleicht eine Frage für den DFB.“

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