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Fußball-Nationalmannschaft : Die Zeit der Leichtigkeit ist vorbei

Empört über die Reaktionen in Fußball-Deutschland: Joachim Löw Bild: dpa

Joachim Löw kehrt nach langer Pause von der EM in die DFB-Zentrale zurück, um sein Aufgebot für das Testspiel gegen Argentinien zu benennen. Seine Empörung über die Reaktionen nach dem Halbfinal-Aus ist kein Geheimnis.

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          Es gibt ihn also doch noch. Am Montag ist Bundestrainer Joachim Löw tatsächlich in der DFB-Zentrale vorstellig geworden, aber auch wenn dieser Auftritt des vor und während der Europameisterschaft in Deutschland Allgegenwärtigen nicht in Bild und Ton festgehalten worden ist, so bestätigen Teilnehmer, dass es sich unzweifelhaft um Joachim Löw gehandelt habe, der vor dem Präsidium des Verbandes die Analyse der Europameisterschaft vorgenommen hat.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Inhaltlich drang allerdings nichts an die Öffentlichkeit, aber an diesem Donnerstag wird nun auch Fußball-Deutschland wieder etwas vom Bundestrainer hören, der sich seit der Rückkehr von der Europameisterschaft wie in Luft aufgelöst zu haben schien.

          Löw wird sein Aufgebot für das Test-Länderspiel gegen Argentinien am nächsten Mittwoch in Frankfurt bekanntgeben - und dann am Montag auf einer Pressekonferenz erläutern, wie er sich seinen und den Weg der Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien vorstellt.

          Sechs Wochen ist die 1:2-Niederlage gegen Italien nun schon her. Löw hat daraus eine ungewöhnlich lange Zeit des Schweigens gemacht, in der geschwätzigen Fußballbranche fast schon eine Ewigkeit. Aber Mitarbeiter des Bundestrainers und Leute, die ihn schon viele Jahre kennen, sind gar nicht so überrascht, dass der Bundestrainer nach dem Turnier so lange abgetaucht ist und sich nur sätzchenweise vernehmen ließ - obwohl in dieser Zeit der DFB seinen Sportdirektor Matthias Sammer verlor und durch Robin Dutt ersetzte und nun auch der langjährige Pressechef der Nationalmannschaft, Harald Stenger, gehen muss.

          Kritische Stimmung im Fußball-Land

          Der Bundestrainer halte sich trotz aller Aufgeregtheiten an den formalen und für ihn auch ganz selbstverständlichen Weg: erst den Deutschen Fußball-Bund als seinen Arbeitgeber mit der Analyse der Europameisterschaft versorgen, dann mit seinen Spielern über die Ereignisse sprechen - und sich erst danach um die Öffentlichkeit kümmern. Ganz egal, wie kritisch die Stimmung im Fußball-Land plötzlich auch sein mag.

          Man solle nicht auf die Idee kommen, so heißt es, dass Löw den Medien die Kritik an seiner verunglückten Aufstellung gegen Italien allzu übelnehme. Eine so harte Kritik wie an seiner Startformation für das Halbfinale gegen die Squadra Azzurra hatte der Bundestrainer tatsächlich noch nie zu hören bekommen. Damit könne er leben, auch wenn die Vorwürfe nicht spurlos an ihm vorbeigegangen seien.

          Verärgert und tief enttäuscht sei Löw aber über andere Dinge, und diese Verärgerung könne durchaus nachhaltig sein. Die Verunglimpfung seiner Spieler als „Memmen“ in manchen Boulevard-Medien empfindet Löw als glatte Unverschämtheit, genauso wie die Tatsache, dass ihm nach dem Ausscheiden in seinem Hotelzimmer hinterhergeschnüffelt wurde und „Sport-Bild“ seinen blauen Pullover aus dem Papierkorb fingerte und als Symbol des Scheiterns und der Missachtung veröffentlichte. Tatsächlich soll das ehemals gute Stück in der Wäsche eingelaufen sein.

          Die Identifikation hat sich abgekühlt

          Aber bei der Europameisterschaft ist nicht nur Löws Pullover ein paar Nummern eingegangen, auch die Nationalmannschaft ist in Gänze geschrumpft. Die Begeisterung und die Identifikation um das Team haben sich mit der nicht zuletzt selbstverschuldeten Niederlage im Halbfinale spürbar abgekühlt.

          Manche Politiker haben das gleich wahrgenommen und die Nationalelf attackiert. Dass Özil, Khedira, Boateng oder Podolski etwa vom hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier und dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann sofort vorgehalten wurde, die Nationalhymne nicht mitzusingen und damit ihre Loyalität in Frage gestellt wurde, regte Löw sehr auf.

          Weggefährten: Mediendirektor Harald Stenger (im Foto rechts) muss gehen Bilderstrecke

          Der Bundestrainer, so heißt es, sei fassungslos, wie nach einer einzigen Niederlage all die positiven Dinge, die seine Spieler für Deutschlands Bild nach innen und außen getan hätten, offenbar keine Rolle mehr spielten. Löw hatte auf ein längeres Gedächtnis und mehr Solidarität gehofft.

          Ihm selbst ist nur zu bewusst, wie es in Fußball-Deutschland im Jahr 2004 ausgesehen hat, als er zusammen mit Jürgen Klinsmann zur Nationalmannschaft kam. Keiner der arrivierten Trainer wollte sich damals dem Risiko aussetzen, mit der Nationalelf seinen Ruf zu verspielen, von Deutschland-Fähnchen an Millionen Autos, von einem fröhlichen Patriotismus und Public-Viewing-Partys war keine Rede - und auch nicht von einem multikulturellen Team, das so viel für den Zusammenhalt im Land und das Ansehen im Ausland getan habe wie keine andere Mannschaft zuvor.

          Der Bundestrainer war müde

          Löw hatte nach der Europameisterschaft erwogen, aus diesen Gründen einige Interviews zu führen. Er wollte ein paar Dinge aus seiner Sicht geraderücken, aber er hat dann doch abgesagt, weil er fürchtete, dass er sich unmittelbar nach der Enttäuschung gegen Italien nur in der Rolle wiederfände, sich rechtfertigen zu müssen. Löw war müde, er mochte nach der EM nicht mehr kämpfen.

          Aber das wird er in den kommenden zwei Jahren bis zur Weltmeisterschaft tun müssen. Die Zeit der Leichtigkeit dürfte erst mal vorbei sein. Auf dem Rückflug von Polen sagte der Bundestrainer nachdenklich, er müsse sich auch Gedanken machen, „ob ich neue Ideen habe“. Man darf gespannt sein, was ihm in seiner langen Pause so alles eingefallen ist.

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