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Fußball-Nationalmannschaft : Beginn der Abschiedstour

Nah dran: Harald Stenger hat das Vertrauen, hier Bastian Schweinsteiger, genossen Bild: dpa

Die Trennung von Pressesprecher Harald Stenger ist das Signal für eine Zeitenwende bei der Fußball-Nationalelf. Nach der WM 2014 in Brasilien dürfte auch der Zyklus von Löws Trainerteam zu seinem Ende kommen.

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          Am Montag war Joachim Löw in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt aufgetaucht. Seit der Rückkehr der Nationalmannschaft von der Europameisterschaft nach dem vermasselten Halbfinale gegen Italien hatte man nichts mehr vom Bundestrainer gehört, nun stellte er zusammen mit Manager Oliver Bierhoff und seinen Assistenten dem Präsidium seine EM-Analyse vor.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Sache war schnell abgenickt. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach schien seine machtpolitische Analyse der Europameisterschaft unterdessen schon vorgenommen zu haben, um eine Personalie im Team der Nationalmannschaft in seinem Sinne durchzusetzen - gegen die geschwächte sportliche Führung der Nationalmannschaft. Seit Montagabend ist nun DFB-Pressesprecher Harald Stenger nach über elf Jahren seinen Job los.

          Er darf zwar noch beim Länderspiel am kommenden Mittwoch in Frankfurt gegen Argentinien (20.45 Uhr / Live im Ticker bei FAZ.NET) wie üblich durch die im Fernsehen übertragenen Pressekonferenzen neben Löw, Lahm und Co. führen, die ihn über die Jahre auch zu einem Gesicht und einer Figur der Nationalmannschaft gemacht haben. Ende des Monats muss der 61 Jahre alte Stenger dann aber seinen Schreibtisch endgültig räumen, sein Vertrag wird nicht verlängert.

          Niersbach hatte schon zuvor in dieser Sache immer wieder Druck gemacht, aber da hatten Löw und Bierhoff dem fordernden Wunsch des Präsidenten noch widerstanden. Am Montag übernahmen sie dann nur noch die Aufgabe, Stenger den Abschied mitzuteilen - so sollte es als ihre eigene, unbeeinflusste Entscheidung aussehen.

          „Die sportliche Leitung hat mir bei der Bekanntgabe der Entscheidung mitgeteilt, dass sie mit meiner Arbeit immer sehr zufrieden war, ich mich stets korrekt und loyal verhalten habe, die Zeit für einen Wechsel aber reif gewesen sei. Ich hätte gern weitergemacht. Über weitere Hintergründe möchte ich mich nicht äußern“, sagte Stenger.

          Tatsächlich kann man sagen, dass der DFB-Präsident seinen eigenen Nachfolger vor die Tür gesetzt hat. Bevor Niersbach im Jahr 2001 als Vizepräsident des Organisationskomitees der WM 2006 und dann als DFB-Generalsekretär auf die Verbandsspitze zusteuerte, war er selbst Pressechef der Nationalelf und des Verbandes. Nun wird ein Vertrauter des Präsidenten den Posten als Pressechef der Nationalmannschaft antreten. Der 41 Jahre alte Jens Grittner war unter Niersbach schon Pressechef des Organisationskomitees bei der WM 2006.

          „Ich bin sicher einen riskanten Weg gegangen“

          Stenger, langjähriger Redakteur der „Frankfurter Rundschau“, hatte in all den Jahren beim DFB großen Wert auf seinen unabhängigen Kopf gelegt und war den Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, Theo Zwanziger und Niersbach mit Selbstbewusstsein gegenübergetreten. Grittner untersteht nun der Direktion Kommunikation, die von dem ehemaligen Springer-Journalisten Köttker geführt wird.

          In den vergangenen Jahren fiel auf, wie über Springer-Blätter immer wieder Informationen und Indiskretionen aus dem Verband lanciert wurden, eine Tendenz, der sich Stenger immer widersetzte. „Ich habe in all den Jahren, auch als DFB-Mediendirektor, einen klaren Kurs gefahren und bin dadurch, dass ich oft unbequeme Positionen bezogen habe, sicher einen riskanten Weg gegangen, würde das aber immer wieder so konsequent machen“, sagte Stenger. Niersbach wollte sich zu den Vorgängen nicht äußern.

          „Ich habe in all den Jahren, auch als DFB-Mediendirektor, einen klaren Kurs gefahren und bin dadurch, dass ich oft unbequeme Positionen bezogen habe, sicher einen riskanten Weg gegangen, würde das aber immer wieder so konsequent machen“

          Seinen Posten als Mediendirektor hatte Stenger schon nach der WM 2010 verloren, aber sein Rückhalt bei der sportlichen Leitung und den Spielern war immer groß. Oliver Bierhoff sagte in einer DFB-Presseerklärung, in der auch der Abschied von Servicemann Manfred Drexler mitgeteilt wurde: „Mit Harald Stenger und Manfred Drexler verlassen zwei tolle Persönlichkeiten unser Betreuerteam, die sich um die Nationalmannschaft verdient gemacht haben. Beide stehen nicht nur für professionelles Arbeiten, sondern haben es auch verstanden, sich als wichtige Bezugspersonen für die Trainer und Spieler zu etablieren.“

          Sportpolitisch bedeutsamer als die mittlerweile wieder übliche mediale Durchstecherei, die Bundestrainer Klinsmann einst bei seinem Amtsantritt 2004 zusammen mit Löw als „Informationskorruption“ geächtet hatte und entschieden und erfolgreich dagegen vorgegangen war, dürfte die wieder engere Anbindung der Nationalmannschaft an den DFB sein, die Niersbach schon seit Jahren anstrebt und betreibt.

          Klinsmann und später auch Bierhoff hatten dagegen stets auf größere Unabhängigkeit gedrängt, um schnell Entscheidungen treffen zu können - und nicht auf die Gremien des Verbandes mit ihren politischen Entscheidungen angewiesen zu sein. Sie sahen die Nationalelf als „Schnellboot“, den DFB als „Tanker“. Der Informationsfluss aus dem Kreis der Nationalmannschaft in die DFB-Zentrale dürfte durch die Umbesetzung jedenfalls kaum leiden.

          Der Weg nach Rio ist der Beginn einer Abschiedstour

          Die Trennung von Stenger, der von der sportlichen Führung nach vielen Kämpfen offenbar nicht mehr zu halten war, kann man auch als Zeichen für eine nahende Zeitenwende lesen. Nach der WM 2014 in Brasilien dürfte auch der Zyklus von Löws Trainerteam zu seinem Ende kommen.

          Der Bundestrainer hat immer wieder Andeutungen gemacht, dass es nach dann acht Jahren als Bundestrainer und insgesamt zehnjähriger Arbeit mit der Nationalmannschaft neue Reize für ihn geben könnte und wohl auch sollte. Bierhoff hatte schon während der WM 2010 laut über sein Ende als Manager nachgedacht - und dass es nicht so einfach sei, im gleichen Job immer wieder eine neue Herausforderung zu finden. Der Weg nach Rio, der kommende Woche gegen Argentinien beginnt, ist auch der Beginn einer Abschiedstour.

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