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Zukunft des DFB-Teams : Der Zauber des unbelasteten Anfangs

Einer, der wenigen, die vom WM-Team 2014 noch übrig bleiben: Torwart Manuel Neuer Bild: Picture-Alliance

Wenn darüber diskutiert wird, wer die Anführer des neuen DFB-Teams sein werden, ist das nicht leicht zu sagen. Denn Boateng, Müller und Hummels stehen für eine besondere Generation. Was ist von diesem Geist noch übrig?

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          Am Morgen danach war das neue Fußball-Deutschland schon recht hübsch in Szene gesetzt. Auf der Homepage der „Bild“-Zeitung lächelten einem Leroy Sané, Timo Werner und Julian Brandt entgegen. Es war kein redaktioneller Beitrag, sondern eine sogenannte „Brand Story“ des neuen DFB-Sponsors Volkswagen anlässlich des ersten Länderspiels unter dem VW-Zeichen. Das findet am 20. März in, ja, Wolfsburg statt und wird dort offenbar als fußballhistorisches Datum gefeiert.

          Wörtlich heißt es in dem Werbebeitrag, den neben dem Auto-Logo auch das des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ziert: „’54, ’74, 7:1 – Es gibt Zahlenkombinationen, bei denen das Herz eines Fans der deutschen Fußball-Elf so wild schlägt wie die Trommeln beim Karneval in Rio. Jetzt kommt eine weitere dazu: 20.03.2019!“ Der weitere Grund für die verbale Raserei: An diesem Tag sollen die Namen einiger tausend Fans auf die Hymnen-Jacken der Mannschaft für das Serbien-Spiel gedruckt sein und dort im Slogan „Fußball, das sind WIR alle“ das „WIR“ bilden. So also sieht die neue Fan-Nähe im Jahr eins nach „#zsmmn“ aus.

          Was das mit dem alten Deutschland zu tun hat, das am Vortag so umstandslos ausrangiert wurde, im Übrigen auch in der „Bild“-Zeitung noch vor den offiziellen DFB-Kanälen? Vielleicht gar nicht so wenig. Erstens lässt es schon ein bisschen staunen, wie schnell das alles (plötzlich) geht: Die paar Weltmeister-Gesichter sind offenbar leichter aus- und umtauschbar als so ein Schadstoffdiesel. Und zweitens kann man sich fragen, ob Jerome Boateng, Thomas Müller und Mats Hummels nicht am Ende sogar ganz froh sein werden, dass sie in einer anderen Zeit Nationalspieler geworden sind. Als die Mannschaft noch ohne Markenzeichen und derartige Brand Storys auskam.

          Vor allem aber in einer Zeit, in der der Zauber eines unbelasteten Anfangs überall zu spüren war. Weil der Trainer ihn nicht nur geschehen ließ, sondern mit Freude gestaltete und dabei über einen inneren Kompass verfügte, der ihm zuverlässig zeigte, was zu tun war, um aus dem Erbe des Sommermärchens 2006 etwas noch Wertvolleres zu machen. Die aktuelle Generation hingegen könnte sich mit Recht fragen, ob es jetzt endlich um sie und ihre Fähigkeiten geht – und nicht mehr darum, Verschiebemasse in Joachim Löws Welt zu sein, der sie gerade dann ins Feld schickte, als das Risiko für sie am größten, für ihn selbst aber am geringsten war. So wie das jetzt auch Boateng, Müller und Hummels gehen könnte – nicht wegen der Außer-Dienst-Setzung als solcher, die wäre eher früher zu erwarten gewesen. Aber wegen des Zeitpunkts und der Umstände, die auch den FC Bayern staunen ließen.

          Wenn jetzt überall darüber diskutiert wird, wer die Anführer des neuen Deutschlands sein werden, ist das gar nicht so leicht zu sagen. Sicher bieten sich Einzelne an, Joshua Kimmich etwa oder sein Münchner Kollege Leon Goretzka. Aber insgesamt ist es eine andere Generation als jene, die sich mit dem Gewinn der U-21-EM 2009 und dem Weg bis zum WM-Triumph 2014 in den Geschichtsbüchern verewigte. Es war Löws Glück, als aufstrebender und aufgeschlossener Bundestrainer auf eine größere Gruppe von Profis zu treffen, die früh wusste, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen – für sich und die eigene Karriere, aber auch für das große Ganze. Zu dieser Gruppe gehörten neben Kapitän Neuer und den bereits emeritierten Weltmeistern Khedira und Höwedes auch Boateng, Hummels und Müller, wenngleich der als Jüngster 2009 noch nicht dabei war.

          Boateng war der Erste aus dem Trio, der im A-Team zum Einsatz kam. Löw schenkte ihm am 10. Oktober 2009 im WM-Qualifikationsspiel in Russland das Vertrauen und entzog es auch nicht, nachdem Boateng sich im jugendlichen Übereifer eine Gelb-Rote Karte einhandelte. Bei der WM 2018 erwies er dem Nationalteam seinen letzten Dienst mit einem verwegenen Rettungstackling gegen Schweden, ehe er ging, wie er begonnen hatte – mit einem Platzverweis. Dazwischen lagen neben chirurgischen Grätschen, raumgreifenden Spielauslösungen und einer Unzahl von Blessuren auch Gedanken zum Zusammenleben in Deutschland, die über das Rasenviereck hinausreichten.

          Müllers Nationalmannschafts-Karriere begann passenderweise mit einem Witz, wenn auch einem ungewollten: als Diego Maradona, der damalige argentinische Nationaltrainer, ihn nach dem Spiel am 3. März 2010 in München für einen Balljungen hielt. Vier Monate später steckte Müller den Argentiniern im WM-Viertelfinale dann den ersten von vier Bällen ins Netz und war fortan wegen seines gegen den Strich gebürsteten, dabei aber sehr pointierten Spiels (und Wesens) unantastbar.

          Mit Hummels, der am 13. Mai 2010 gegen Malta debütierte, hatte Löw zuerst durchaus seine Schwierigkeiten – so viel Selbstbewusstsein war dem Bundestrainer dann auch nicht recht. Aber später war der Apologet des Außenrist-Passes nicht nur der eleganteste, sondern auch einer der brillantesten Verteidiger der Welt – und für Löw und sein Team Gold wert, als er im WM-Viertelfinale 2014 das Siegtor gegen Frankreich köpfte. Was am 13. Juli 2014 seine Vollendung fand, wäre ohne starke Charaktere wie diese drei nicht möglich gewesen. Auch kein Weltmeister-Trainer Löw, der das erst nie, dann aber dafür umso plötzlicher zu vergessen schien.

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