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Deutsche Fußball-Nationalelf : Weltmeister der Gelassenheit

Kein Grund zur Sorge – oder doch? Bundestrainer Joachim Löw Bild: dpa

Das 0:2 in Polen beunruhigt die deutsche Nationalelf nicht. Die EM-Qualifikation sieht keiner der Weltmeister gefährdet. Doch nun warten die Iren – die genauso spielen dürften wie die Polen.

          3 Min.

          Joachim Löws Prognose wurde gewissermaßen übererfüllt. Das Publikum in Warschau, hatte der Bundestrainer gesagt, werde nicht ins Stadion kommen, um den Weltmeister zu feiern. Dass am Ende die Polen selbst feierten wie die Weltmeister, wird aber vielleicht doch nicht unbedingt in Löws Erwartungshorizont gelegen haben. So war es aber: In den Straßen der Altstadt, wo sonst eher die Touristen den Ton angeben und aktuell die Festdekoration zum „Tag des Papstes“ das Bild bestimmt, ging es ganz und gar nicht päpstlich zu. Bis spät in die Nacht wurde nach Herzenslust polnisches Liedgut zelebriert.

          Es war die Fortsetzung dessen, was sich zuvor im Nationalstadion abgespielt hatte: Männer in Rot-Weiß außer Rand und Band – und etwas verloren mittendrin eine deutsche Reisegruppe, die schnell und still in die Katakomben verschwand. „Es fühlt sich sehr komisch an“, sagte Thomas Müller nach einer ersten Bedenkzeit unter der Dusche.

          Das konnte man auf die Niederlage am Samstagabend als solche beziehen – auch wenn Müller in diesem Moment gewiss nicht das ganze statistische Detailwissen durch den Kopf gegangen sein dürfte: die erste Niederlage gegen Polen überhaupt, die erste Niederlage nach 33 Qualifikationsspielen. Unmittelbar ungewohnt war das Gefühl aber schon deshalb, weil es das für einen deutschen Fußball-Nationalspieler einfach lange nicht mehr gegeben hatte. Wenn es um etwas ging, hatten die Deutschen den Platz schließlich lange nicht als Verlierer verlassen: zuletzt beim vorherigen Besuch in Warschau, zum EM-Halbfinale 2012.

          „Wenn du sie vorne nicht machst, fängst du sie hinten.“

          Was Müller meinte, war indes noch etwas anderes: die speziellen Umstände, die zu diesem 0:2 im zweiten Qualifikationsspiel für die EM 2016 geführt hatten. Die deutschen Spieler verließen das Stadion in dem Gefühl, vielleicht keine weltmeisterliche, aber doch sehr vorzeigbare Arbeit verrichtet zu haben. Und so war es ja auch. Trotz aller prominenten Ausfälle – Schweinsteiger, Khedira, Reus, Özil – wirkte Löws Team nach einer kurzen Findungsphase konzentriert, engagiert und, ja, auch hungrig. Weil es aber versäumte, diesen Hunger trotz einer Überfülle an Gelegenheiten zu stillen, und dann in einer einzigen Szene nicht hellwach war, musste Mats Hummels sich später einer, wie er selbst anmerkte, „typischen Floskel“ bedienen: „Wenn du sie vorne nicht machst, fängst du sie hinten.“

          Von den 28 Torschüssen, die Löw für die erste Analyse seiner Statistik entnahm, hatte allein Karim Bellarabi ein gutes halbes Dutzend abgegeben, darunter einige aus bester Position. Der umtriebige und flinke Leverkusener hätte sein ansonsten bemerkenswertes Debüt also gut und gerne mit dem einen oder anderen Treffer krönen können, wie er auch selbst bemängelte: „Ich muss natürlich ein, zwei Tore machen.“ So aber waren es eben die Polen, die aus „eineinhalb Chancen“, wie Müller sagte, gleich zweifach Kapital schlugen.

          Keine schlechte Leistung aber kein Sieg

          Wobei vor allem das 0:1 durch Arkadiusz Milik (51. Minute) aus deutscher Sicht ein Ärgernis war, weil sich sowohl Jerome Boateng als auch Manuel Neuer bei der Flanke von Lukasz Piszczek verschätzten – der Torwart, wenn auch im Bemühen, Milik zuvorzukommen, sogar noch ein bisschen mehr. „Das Tor kann ich mir auf meine Kappe schreiben. Aber wenn ich auf der Linie bleibe, schlägt der Ball rechts in der Ecke ein“, gab Neuer zu Protokoll. Die bis dahin verlässliche Abwehrarbeit war jedenfalls mit einem Schlag zunichtegemacht. Das 0:2 durch Sebastian Mila (88.) war dann eine Folge des erhöhten Risikos in der letzten und sehr heftigen Sturm-und-Drang-Phase der Deutschen.

          Besser in Warschau als in Rio: Welttorhüter Manuel Neuer kommt zu spät – Polens Milik (links) gelingt per Kopf der Führungstreffer

          Einseitige Vorwürfe aus den Abteilungen waren später nicht zu hören – aber doch ein erkennbarer Trend. „Wir wissen hinten, was wir falsch gemacht haben, aber wir müssen sehr kritisch vorn sein“, sagte Boateng. Und durfte dabei auch den Bundestrainer auf seiner Linie wissen. „Torabschluss und diese Konsequenz, das ist das Hauptthema für uns“, sagte Löw mit Blick auf das nächste Spiel an diesem Dienstag (20.45 Uhr / Live bei RTL und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET).

          Die Iren dürften sich dann in Gelsenkirchen ähnlich defensiv und lauernd verhalten, wie das die Polen taten – und wie überhaupt die meisten Gegner des Weltmeisters ihr Glück suchen. Beunruhigend wäre es, wenn die Deutschen es nicht geschafft hätten, sich auf diese Alltagsrealitäten einzustellen. Dafür aber lieferte der Auftritt in Polen keine Hinweise. „Wir haben das viel besser gelöst als in anderen Spielen, die wir vielleicht 1:0 gewonnen haben “, sagte Toni Kroos.

          Eine im Sport übliche Niederlage

          Natürlich stand trotz allem auch die Frage im Raum, ob aus dieser Niederlage etwas abzuleiten sei. Es war schließlich, nach dem 2:4 gegen Argentinien, schon die zweite in drei Spielen seit der WM. Ob es sich als Weltmeister einfach schwerer lebe? Oder ob es nun gar Probleme geben könnte in der EM-Qualifikation? Das waren die Spuren, die in Warschau verfolgt wurden. Doch Spieler und Trainer schien weder das eine noch das andere umzutreiben. „Jetzt haben wir nach 33 Spielen mal wieder ein Qualifikationsspiel verloren. Das gibt es halt mal“, sagte Löw lapidar. Man müsse das „jetzt mal akzeptieren und so hinnehmen“ – auch vor dem Hintergrund, dass die Umbauarbeiten seit dem 13. Juli doch etwas umfangreicher ausgefallen sind, als Löw das vermutet hatte. „Es gab mehr einschneidende Veränderungen, als ich mir erhofft habe“, sagte er.

          Was das Thema Qualifikation für 2016 betrifft, fügte der Bundestrainer kühl hinzu, sehe er „keine großen Probleme“. Neuer, in Vertretung von Schweinsteiger wieder der deutsche Kapitän, klang ganz ähnlich: „Ich würde das erst mal nicht überbewerten“, sagte er. Und selbst bei Müller, dem Abteilungsleiter Sprachwitz und Stilblüten im deutschen Team, war diesmal nichts zu holen. Ein Betriebsunfall? Ein Warnschuss? „Es war einfach eine Niederlage, wie sie im Sport vorkommt“, sagte er. Wer den Ausnahmezustand suchte, musste schon zum Sieger schauen.

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