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Fußball-Nationalelf : Aufbruch ins Tiki-Taka-Land

  • -Aktualisiert am

Aus der Tiefe des Raumes: Mario Götze kommt aus dem Mittelfeld und soll Tore schießen Bild: REUTERS

Revolution? Neues System? Eine andere Philosophie? Die Nationalmannschaft spielt in Kasachstan wie das spanische Vorbild ohne Stoßstürmer. Für Bundestrainer Löw ist es „eine Variante, die uns flexibler macht“.

          Joachim Löw hält den Ball flach. Zuspitzungen sind ihm gar nicht recht. Revolution? Auf keinen Fall! Neues System? Nicht unbedingt! Eine andere Philosophie? Schon eher! Am liebsten nennt der Bundestrainer das Offensivspiel ohne Mittelstürmer „eine Variante, die uns flexibler macht“.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Immer wieder betont der Bundestrainer, wie wichtig Miroslav Klose und Mario Gomez für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft seien. Aber seit Donnerstag vergangener Woche weiß die Fußball-Nation, dass er im Grunde seines Herzens lieber ohne sie spielen lässt. Nicht die athletischen Stürmer seien die Zukunft, sondern die kleinen Spieler, die auf engstem Raum am Boden die besten Lösungen fänden, sagte Löw damals in Frankfurt.

          Acht Tage später besiegte seine Mannschaft Kasachstan im WM-Qualifikationsspiel in Astana 3:0 - mit dem 1,71 Meter großen Mario Götze in vorderster Linie. Löw musste vor dieser Begegnung keine Grundsatzentscheidung treffen. Eine leichte Oberschenkelzerrung, die sich Mario Gomez im Abschlusstraining zugezogen hatte, nahm ihm die letzte Wahlmöglichkeit. Miroslav Klose nach langer Verletzungspause noch nicht fit, Stefan Kießling international vom Bundestrainer für zu leicht befunden, so gab es keine Alternative der athletischen Art mehr zu Gomez.

          Jeder Trainer hat die Pflicht, für die Spieler, die er zur Verfügung hat, das beste System zu finden. Da erscheint es nur logisch, dass sich Löw für die Formation am meisten interessiert, die es ihm erlaubt, möglichst viele seiner talentiertesten Spieler unterzubringen. Und die drängeln sich nun mal im offensiven Mittelfeld. Mit Özil, Götze, Reus, Müller, Kroos und neuerdings noch Draxler hat Löw ein Überangebot an Kombinationskünstlern und Ballstaffettenstrategen.

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          Dass die defensiver orientierten Schweinsteiger, Khedira und Gündogan zudem noch jederzeit in der Lage sind, sich inspiriert und konstruktiv an den Spielzügen zu beteiligen, muss für Löw den Schluss nahe gelegt haben: Wieso die Spanier eigentlich nicht mit den eigenen Waffen schlagen? Und so schickt er seine Spieler jetzt immer häufiger und konsequenter ins Tiki-Taka-Land des ewigen Kurzpassspiels.

          In Astana funktionierte das eine Halbzeit lang schon sehr gut. Zweifler mögen entgegenhalten, das sei keine Kunst gegen Kasachstan, den 139. der Weltrangliste. Aber auch solch ein Gegner, zumindest athletisch gut ausgebildet und durch ein fanatisches Publikum emotional aufgeheizt, muss erst einmal auseinander genommen werden, wenn er sich zu neunt im und am eigenen Strafraum verschanzt.

          Mario Gomez fehlte verletzt, hatte aber dennoch gut lachen

          Das gelang den Deutschen in der ersten Halbzeit am Freitag immerhin fast ein Dutzend Mal. Dabei sprangen die Tore durch Schweinsteiger (20.) und Götze (22.) heraus, die Partie war früh entschieden. Aber einige Szenen, in denen Schüsse geblockt wurden oder das Ziel verfehlten, waren noch schöner anzusehen.

          Mit einem Esprit und Variantenreichtum wurde die kasachische Abwehr ausgehebelt, dass einem unwillkürlich der Vergleich mit den Spaniern in den Sinn kam. Müller eher über rechts, Draxler eher über links, Götze eher ganz vorne, mehr grobe Richtlinien schienen für das deutsche Sturmspiel nicht zu existieren. In manchen Phasen manifestierte sich der Eindruck, das deutsche Spiel kreise wie das spanische um sich selbst und um es aufrecht zu erhalten, dürfe jeder Spieler hinlaufen, wohin er will.

          Julian Draxler stand in der Startelf, musste aber mit Verdacht auf Gehirnerschütterung raus

          Löw war zufrieden mit dem, was er in den ersten 45 Minuten sah. Aber er mochte sich nicht zu der Aussage versteigen, dass diese Halbzeit nun ein überzeugendes Argument oder gar der Durchbruch für das System ohne Mittelstürmer sei. „Es ist eine Variante, die uns flexibler macht. Aber wir werden immer Stürmer benötigen, die sich nicht nur unten (mit dem Fuß), sondern auch oben (mit dem Kopf) durchsetzen und Tore erzielen können. Die Nummer 9 stirbt bei uns nicht aus.“

          Auch das machen die Spanier vor. Bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine gehörten die Stoßstürmer Torres, Negredo und Soldado zum Aufgebot. Und Mittelstürmer Torres wurde sogar Torschützenkönig - obwohl er nicht einmal die Hälfte der Spielzeit auf dem Feld stand. Wohl dem, der einen Plan B hat, wenn Plan A mal nicht aufgeht.

          Auch im fernen Kasachstan hat Mesut Özil Anhänger

          Das Entscheidende, dass das System ohne Stoßstürmer funktioniere, sei, so Löw, „dass alle Positionen besetzt sind.“ Sprich, dass die Spieler während der ständigen Rotation das Raumgefühl behalten. „Wenn alle im Mittelfeld sind und keiner im Strafraum, funktioniert’s nicht“, verdeutlichte Löw. Was dann los ist, konnte man über weite Strecken der zweiten Halbzeit in Astana betrachten. Zum Glück erlöste Müller mit dem 3:0 in der 74. Minute die ins Schwimmen geratenen Deutschen.

          In der ersten Halbzeit jedoch war die Feinabstimmung in der Offensive schon überraschend gut. Vor allem, weil Schweinsteiger und Khedira aufrückten und in die Räume gingen, wenn sich die Chance für sie auftat. Ein Offensivspieler fiel jedoch etwas ab. Lukas Podolski wirkte am linken Flügel überfordert.

          Wenn der Ball zu ihm kam, blieb er bestenfalls in den eigenen Reihen. Aber nie gelang es ihm wie den anderen, die Kombination durch einen überraschenden Einfall oder eine unerwartete Aktion zu beschleunigen oder gar auf eine Torchance zuzuspitzen. Da wirkte sein Vorgänger Julian Draxler in den ersten 18 Minuten des Spiels viel quirliger und inspirierter.

          Nach einem Kopfballduell mit dem Kasachen Gorman musste der 19 Jahre alte Schalker wegen des Verdachts auf Gehirnerschütterung jedoch früh durch Podolski ersetzt werden und reiste am Samstag aus dem Mannschaftsquartier ab. Am Dienstag im Rückspiel gegen Kasachstan in Nürnberg (20.45 Uhr / Live im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) wird Marco Reus auf dem linken Flügel spielen. Die Gelbsperre des Dortmunders ist abgelaufen. Dann ist die deutsche Reisegesellschaft auf ihrem Weg ins Tiki-Taka-Land auch auf dieser Position kompetent besetzt.

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