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Von Federer und Nadal lernen : Entrückte Egozentriker im Fußball

  • -Aktualisiert am

Ein Wechsel mit langem Anlauf und ziemlich viel Getöse: Antoine Griezmann Bild: AFP

Immer wieder spielt sich im Fußball ein lächerliches Schmierentheater ab. Hinzu kommt die Überhöhung der eigenen Person. Doch es geht auch ohne all das völlig übertriebene Getöse, wie Stars anderer Sportarten beweisen.

          Es ist ein lächerliches Schmierentheater, das mittlerweile in jedem Sommer aufs Neue aufgeführt wird. Ein Fußballspieler will den Verein wechseln, und er beginnt zu jammern, er streikt, er gibt sich lustlos, er lässt seinen Berater etwas Kritisches mitteilen und für Unruhe sorgen, er macht vielsagende Bemerkungen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, dem aktuellen Arbeitgeber zu zeigen, dass man nicht gewillt ist zu bleiben.

          Und das eigentlich Erstaunliche ist, dass sich das Publikum nicht längst gelangweilt von diesen Inszenierungen abgewendet hat und deshalb nicht mehr hinschauen mag, wenn einer der Fußballstars kurz zuvor noch innig das Vereinsemblem auf seinem Trikot geküsst hat als untrügerisches Zeichen seiner Verbundenheit. Oder, wie im aktuellen Fall von Antoine Griezmann, sich als so wichtig erachtet (oder erachtet wird), dass seine Vertragsverlängerung vor einem Jahr bei Atlético Madrid in einer Fernsehdokumentation mit vor Pathos triefenden Bilder in Szene gesetzt wird. Und nun, ein Jahr später, das nächste Video produziert wird, diesmal im Trikot des FC Barcelona und ähnlich schmalzig unterlegt.

          Der moderne Profifußball produziert unglaublich viele Egozentriker, auf und auch neben dem Platz – und das ist allein schon deshalb erstaunlich, weil einer der Vorzüge des Mannschaftssports eigentlich die Eigenschaft ist, solche Verhaltensweisen in einem gruppendynamischen Prozess zu verhindern. Doch – nach normalen Maßstäben – auf dem Boden zu bleiben scheint in dieser Branche kaum noch möglich.

          Die absurden Preissteigerungen beim Verkauf der Fernseh-Übertragungsrechte pumpen immer mehr Geld in diesen Kreislauf, die Boulevardisierung der Berichterstattung jazzt selbst in der Sommerpause Nebensächlichkeiten und Belanglosigkeiten hoch, und die Fans kaufen die schamlos überteuerten Trikots trotzdem weiterhin in Scharen. Zur Vorstellung des neuen Real-Stars Eden Hazard etwa kamen vor ein paar Wochen 50.000 Fans ins Bernabéu-Stadion – kann man da erwarten, dass irgendwas in diesem Geschäft für Anzeichen von Demut sorgen könnte?

          Vielleicht aber ist die einsetzende Überhöhung der eigenen Person quasi systemimmanent und deshalb sogar verständlich. Ein vergoldetes Steak (Ribéry) wäre dann also genauso normal wie vergoldete Autos (Aubameyang) oder etwa das Einfliegen des Lieblingsfriseurs zum Spielort oder viele andere Beispiele. Und skurrile Pressekonferenzen, bei denen an Artikel 1 des Grundgesetzes (Bayern München) erinnert wird oder Fragen der Journalisten gar nicht erst erlaubt werden (DFB bei der WM-Kaderpräsentation 2018), sind nur logische Folgen, auch wenn das eigene entrückte Selbstverständnis öffentlich entlarvt wird.

          Die Exzentriker aber, das waren doch früher die Einzelsportler, die niemanden als Regulativ an ihrer Seiten hatten oder niemanden duldeten und deshalb völlig entrückt in ihrer eigenen Welt lebten. Das aber scheint sich, wenn man in dieser Woche etwa nach Wimbledon blickte, längst umgekehrt zu haben. Mit Roger Federer und Rafael Nadal traten die beiden Superstars der Szene im Halbfinale gegeneinander an – elf Jahre nachdem sie dort eines der legendärsten Spiele der Tennisgeschichte abgeliefert hatten.

          Und das Ganze geschah in einer bezaubernden Atmosphäre mit so viel Würde, Klasse, Anmut, aber auch Demut vor dem Schauplatz, dass man sich einen Lerntransfer für den Fußball wünschen möchte. Denn auch Federer und Nadal sind geschäftstüchtig, überaus geschäftstüchtig sogar, aber das geht eben auch ohne all das völlig übertriebene Getöse und die ständige Überbetonung der eigenen Großartigkeit. Eben einfach mit Stil.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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