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Fußball-Krawalle : National befreite Hooliganzone

  • -Aktualisiert am

Fahndungsfotos der Leipziger Polizei Bild: picture-alliance/ dpa

Die sächsische Justiz erscheint kraftlos im Kampf gegen die Hooliganszene. Der Leipziger Mob fühlt sich ermuntert, schreckt vor kaum etwas zurück. Gewaltausbrüche und Antisemitismus gehören in den Stadien zum Alltag.

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          Als Präsident des Fußballvereins Frisch Auf Wurzen gehört Heiko Wandel, Besitzer des Regionalbüros einer großen Versicherung, eigentlich zu den Honoratioren in der sächsischen Kleinstadt zwischen Leipzig und Dresden, zu jenen, die an den Rechtsstaat glauben. Aber seit der Begegnung mit den gewalttätigen Anhängern von Lok Leipzig in der Bezirksklasse - das ist die siebte Liga - wachsen seine Zweifel an der Justiz.

          Nach einem Spiel daheim im „Frisch Auf“-Stadion in Wurzen am 26. November 2005 warfen Anhänger von Lokomotive Leipzig einen Polizeiwagen um, zündeten ihn an und griffen die 152 Polizisten vor dem Stadion mit Pflastersteinen, gefüllten Glasflaschen und anderen Wurfgeschossen an. Schon während des Spiels waren Rauchbomben auf den Platz geflogen, so dass der Schiedsrichter die Begegnung mehrfach unterbrechen musste. 30 Personen wurden bei der Schlacht verletzt, davon waren 18 Polizisten.

          Keine strafrechtlichen Verurteilungen

          Die Bilder gleichen denen der Krawalle nach dem Pokalspiel zwischen Lok Leipzig und Erzgebirge Aue II, als am 10. Februar ein entfesselter Mob auf die Polizei losging und dabei 39 Beamte verletzte. Für Heiko Wandel ist klar, dass es sich um die gleiche Gruppe von Gewalttätern handelt wie in Wurzen: „Hätte man sie damals bestraft, wäre das in Leipzig wohl nicht passiert.“

          Die Anhänger von Lok Leipzig beim Versuch, ein menschliches Hakenkreuz zu bilden

          Seinerzeit hatte Wandel sämtlichen Vereinen geraten, auf Spiele gegen Lok Leipzig zu verzichten. Stattdessen blieb Frisch Auf Wurzen auf dem Sachschaden sitzen, den die Randalierer angerichtet hatten: Schon während des Spiels verbrannten sie Werbebanden im Stadion. „Wir konnten ja nicht mal auf Schadensersatz klagen - gegen wen denn? Von den Chaoten wurde ja niemand strafrechtlich verurteilt.“

          Ernüchterung bei der Staatsanwaltschaft

          Dabei hatte die Polizei noch am selben Tag 34 mutmaßliche Täter in der sogenannten „Datei Gewalttäter Sport“ erfasst, in der Fußballhooligans registriert werden, damit sie später leichter identifiziert werden können. Die Leipziger Staatsanwaltschaft leitete später Strafverfahren gegen 39 Männer ein, die meisten wegen schweren Landfriedensbruch und schwerer Körperverletzung; Staatsanwalt Guido Lunkeit ließ sich von der Regionalpresse mit den Worten zitieren: „Wenn wir zur WM die Randalierer schnell verurteilen wollen, warum fangen wir nicht schon im Vorfeld damit an?“

          Fünfzehn Monate nach den Ausschreitungen von Wurzen und vier Wochen nach denen von Leipzig herrscht Ernüchterung auf den Fluren der Staatsanwaltschaft. Von den 39 mutmaßlichen Straftätern wurde bislang nur einer verurteilt, die meisten Verfahren sind längst eingestellt. In neun Fällen wurde erst in diesen Tagen Anklage erhoben - mit wenig Aussicht auf Erfolg. Staatsanwalt Ricardo Schulz redet von einem „unbefriedigenden Zustand“ und gibt zu, dass die Zusammenarbeit zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei im Fall Wurzen nicht gerade optimal verlaufen sei.

          Das „menschliche“ Hakenkreuz misslang

          Auch in einem anderen Fall blieben die Hooligans von Lok Leipzig ohne Strafe. Im Februar 2006 stellten sich rund 30 Lok-Anhänger bei einem A-Jugend-Spiel gegen den Ortsrivalen Sachsen Leipzig im Stadion in der Form eines Hakenkreuzes auf. Fotos der Aktion landeten bei der Staatsanwaltschaft, die ein halbes Jahr lang gegen neun junge Männer wegen des „Verdachts des Verwendens eines Kennzeichens einer verfassungswidrigen Organisation“ ermittelte.

          „Wir haben diese Ermittlungsverfahren einstellen müssen, da im Ergebnis den Tatverdächtigen nicht nachzuweisen war, dass sie hier tatsächlich ein Hakenkreuz durch die Anordnung ihrer Körper dargestellt haben. Darüber hinaus konnten wir nicht feststellen, wer der Initiator der Sache war“, sagt Staatsanwalt Schulz.

          Antisemitische Alltagskultur

          Zwei Tage, ein paar Kneipenbesuche und einige Telefonate dauert es, um den „Initiator der Sache“ mit dem Hakenkreuz ausfindig zu machen. Im Umfeld von Lok Leipzig wird die Angelegenheit als „Dummheit“ abgetan. Die Beteiligten brüsten sich mit der Aktion. Der Ideengeber ist ein rechtsextremer Hooligan, der sich selbst als „Rassist“ bezeichnet. Er ist Mitglied einer Neonazi-Kameradschaft, von denen etliche in Sachsen den Fußball unterwandert haben. Seinen Namen will er in der Zeitung nicht lesen.

          „Die meisten von uns sind rechts“, sagt der junge Schläger, „das äußert sich in bestimmten Aktionen, Hakenkreuze im Stadion bilden, Juden Aue rufen.“ „Solche Rufe gab es doch schon zu DDR-Zeiten“, sagt der Lok-Vereinsvorsitzende Steffen Kubald, als wolle er um Verständnis für die antisemitische Alltagskultur im ostdeutschen Fußball bitten. „Juden Aue“ wurde den Gegnern während des Spiels gegen Erzgebirge Aue zugerufen.

          „Es ist eine Form des Ausdrucks, die man irgendwie rüberbringen will, und da eignet sich der Fußball als große Bühne“, sagt der Hooligan. Das Stadion ist für ihn eine „national befreite Zone“, in der die gewaltbereiten Anhänger „das Sagen haben“. Juden und Ausländer hätten dort nichts zu suchen. Präsident Kubald sagt, dass sein Verein überhaupt kein Problem mit Rechten habe. Zum Beweis erinnert er an den sächsischen Verfassungsschutzbericht, in dem Lok Leipzig gar nicht auftauche.

          Eine neue Qualität der Gewalt

          Die Gewaltbereitschaft der Lok-Hooligans hat Peter K. am eigenen Leib erfahren. Der verdeckte Ermittler der Leipziger Kripo war am 10. Februar dabei, hatte sich unter den Mob gemischt, als Aufklärer. Das war seine polizeitaktische Aufgabe. Als seine Tarnung aufflog, wurde er vom Mob gejagt.

          Peter K. ist ein hochgewachsener, durchtrainierter und erfahrener Kriminalpolizist, der unaufgeregt über seine Arbeit spricht. Aber an jenem Tag hatte er „Angst um mein Leben. Und man rennt, rennt, rennt“. Für ihn ist vor allem bei den jungen Hooligans eine neue Qualität der Gewalt erkennbar: „Vor fünf Jahren wäre so ein Gewaltausbruch undenkbar gewesen. Die Autorität der Polizei ist bei den nachwachsenden Hools einfach verschwunden.“ Peter K. ist frustriert, weil sie immer wieder straffrei davonkommen. Wenn die Gewalt auch dieses Mal ohne Folgen bliebe, wäre es aus seiner Sicht an die Szene ein Signal, so weiterzumachen.

          „Ordentlich hingelangt“

          Die Polizeigewerkschaft GdP fordert deshalb einen sogenannten „Sport-Staatsanwalt“. Ihr stellvertretender Landesvorsitzender Peer Oehler hält das Ergebnis der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen von Wurzen ein Unding: „Ich bin der Meinung, dass es ein gehöriges Maß an Wiederholungstätern gibt, und das verschuldet auch die Staatsanwaltschaft, indem die nicht mit aller Härte durchgreift.“

          Gespräche in der Leipziger Hooliganszene bestätigen das: „Wenn von den Jungs bloß ab und zu einer mit einer gehörigen Geldstrafe belegt würde, dann sähe es bestimmt anders aus“, sagt Rolf, ein mehr als 40 Jahre alter Alt-Hooligan von Lok Leipzig. Er selbst will zuletzt in Wurzen „ordentlich hingelangt“ haben und ist sicher, dass sich Ausschreitungen wie die vom 10. Februar bald wiederholen werden.

          Straffrei ist bisher auch der Initiator der Hakenkreuz-Aktion geblieben. Er war sowohl damals in Wurzen als auch am 10. Februar gegen Aue an vorderster Front dabei. „Wenn ich mal in den Knast gehe, vielleicht ändert sich meine Meinung dann“, sagt er. Aber noch fühlt er sich stark als Hooligan, selbst ein toter Polizist würde ihn nicht stoppen: „Wenn es passiert, ist es schade, aber das muss man halt in Kauf nehmen.“

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