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Fußball-Krawalle : National befreite Hooliganzone

  • -Aktualisiert am

Antisemitische Alltagskultur

Zwei Tage, ein paar Kneipenbesuche und einige Telefonate dauert es, um den „Initiator der Sache“ mit dem Hakenkreuz ausfindig zu machen. Im Umfeld von Lok Leipzig wird die Angelegenheit als „Dummheit“ abgetan. Die Beteiligten brüsten sich mit der Aktion. Der Ideengeber ist ein rechtsextremer Hooligan, der sich selbst als „Rassist“ bezeichnet. Er ist Mitglied einer Neonazi-Kameradschaft, von denen etliche in Sachsen den Fußball unterwandert haben. Seinen Namen will er in der Zeitung nicht lesen.

„Die meisten von uns sind rechts“, sagt der junge Schläger, „das äußert sich in bestimmten Aktionen, Hakenkreuze im Stadion bilden, Juden Aue rufen.“ „Solche Rufe gab es doch schon zu DDR-Zeiten“, sagt der Lok-Vereinsvorsitzende Steffen Kubald, als wolle er um Verständnis für die antisemitische Alltagskultur im ostdeutschen Fußball bitten. „Juden Aue“ wurde den Gegnern während des Spiels gegen Erzgebirge Aue zugerufen.

„Es ist eine Form des Ausdrucks, die man irgendwie rüberbringen will, und da eignet sich der Fußball als große Bühne“, sagt der Hooligan. Das Stadion ist für ihn eine „national befreite Zone“, in der die gewaltbereiten Anhänger „das Sagen haben“. Juden und Ausländer hätten dort nichts zu suchen. Präsident Kubald sagt, dass sein Verein überhaupt kein Problem mit Rechten habe. Zum Beweis erinnert er an den sächsischen Verfassungsschutzbericht, in dem Lok Leipzig gar nicht auftauche.

Eine neue Qualität der Gewalt

Die Gewaltbereitschaft der Lok-Hooligans hat Peter K. am eigenen Leib erfahren. Der verdeckte Ermittler der Leipziger Kripo war am 10. Februar dabei, hatte sich unter den Mob gemischt, als Aufklärer. Das war seine polizeitaktische Aufgabe. Als seine Tarnung aufflog, wurde er vom Mob gejagt.

Peter K. ist ein hochgewachsener, durchtrainierter und erfahrener Kriminalpolizist, der unaufgeregt über seine Arbeit spricht. Aber an jenem Tag hatte er „Angst um mein Leben. Und man rennt, rennt, rennt“. Für ihn ist vor allem bei den jungen Hooligans eine neue Qualität der Gewalt erkennbar: „Vor fünf Jahren wäre so ein Gewaltausbruch undenkbar gewesen. Die Autorität der Polizei ist bei den nachwachsenden Hools einfach verschwunden.“ Peter K. ist frustriert, weil sie immer wieder straffrei davonkommen. Wenn die Gewalt auch dieses Mal ohne Folgen bliebe, wäre es aus seiner Sicht an die Szene ein Signal, so weiterzumachen.

„Ordentlich hingelangt“

Die Polizeigewerkschaft GdP fordert deshalb einen sogenannten „Sport-Staatsanwalt“. Ihr stellvertretender Landesvorsitzender Peer Oehler hält das Ergebnis der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen von Wurzen ein Unding: „Ich bin der Meinung, dass es ein gehöriges Maß an Wiederholungstätern gibt, und das verschuldet auch die Staatsanwaltschaft, indem die nicht mit aller Härte durchgreift.“

Gespräche in der Leipziger Hooliganszene bestätigen das: „Wenn von den Jungs bloß ab und zu einer mit einer gehörigen Geldstrafe belegt würde, dann sähe es bestimmt anders aus“, sagt Rolf, ein mehr als 40 Jahre alter Alt-Hooligan von Lok Leipzig. Er selbst will zuletzt in Wurzen „ordentlich hingelangt“ haben und ist sicher, dass sich Ausschreitungen wie die vom 10. Februar bald wiederholen werden.

Straffrei ist bisher auch der Initiator der Hakenkreuz-Aktion geblieben. Er war sowohl damals in Wurzen als auch am 10. Februar gegen Aue an vorderster Front dabei. „Wenn ich mal in den Knast gehe, vielleicht ändert sich meine Meinung dann“, sagt er. Aber noch fühlt er sich stark als Hooligan, selbst ein toter Polizist würde ihn nicht stoppen: „Wenn es passiert, ist es schade, aber das muss man halt in Kauf nehmen.“

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