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Fußball : Kongress gibt tiefe Einblicke in die Trainerarbeit

  • -Aktualisiert am

Manuel Baum kam 2016 aus dem Nachwuchsleistungszentrum und wurde zum Trainer in der Bundesliga. Bild: Reuters

Eine ganze Generation junger Fußball-Lehrer lebt seit einiger Zeit mit dem Etikett „Laptoptrainer“. Nun wird der das hässliche Wort in Köln als nutzlose Worthülse entlarvt.

          Wie ein Gift, dessen Wirkung einfach nicht nachlassen will, tauchte der kontaminierte Begriff immer wieder auf im Hörsaal 1 der Deutschen Sporthochschule Köln. Eine ganze Generation junger Fußball-Lehrer lebt ja seit Jahren mit dem Etikett „Laptoptrainer“, und natürlich prägte das hässliche Wort die Vorträge und Diskussionsrunden auf dem „Taktikr Fußballkongress“, der als „größter deutscher Amateur- und Nachwuchskongress“ für Trainer annonciert wurde; Wissenschaft und das einfache Spiel mit dem Ball sind im Weltbild einiger Traditionalisten ja immer noch Welten, die irgendwie nicht zusammengehören. Leider sei dieses Bild vom Fußball-Lehrer vor dem Notebook tatsächlich „sehr negativ behaftet“, erklärte Manuel Baum, der Trainer des FC Augsburg, der einzige aktuelle Bundesligacoach auf der Rednerliste. Insofern kann es als Erfolg gelten, dass der Begriff „Laptoptrainer“ als nutzlose Worthülse entlarvt war, die viel zu oft den Blick auf die wichtigen Aspekte der Trainerarbeit verstellt.

          Knapp 500 Kongressteilnehmer waren zu der Veranstaltung gekommen, hinter der die kluge Idee stand, das detailreiche Fachwissen und die Erfahrungen aus dem professionellen Fußball an die Basis zu transferieren. Hin zu den Verantwortlichen in den unteren Ligen und in die Jugendabteilungen der Amateur- und Provinzklubs. Etwa 50 Prozent der Kongressteilnehmer waren Trainer aus kleineren Vereinen. Zwar war das Programm an einigen Stellen etwas überladen, aber immer wieder bekamen die Zuhörer schillernde Perlen aus dem großen, oftmals verborgenen Schatz des Fußballwissens präsentiert.

          Thomas Schlieck, der als „Torhüterkoordinator“ für Borussia Dortmund arbeitet, entführte die Zuhörer in eine hochkomplexe Welt des Torwartspiels voller technischer, taktischer und spielphilosophischer Feinheiten. Und er entlarvte die These, dass Torhüter durch Schritte in Richtung des Schützen und den so vermeintlich verkürzten Winkel größere Erfolgschancen haben als unbewiesenen Mythos. BVB-Torhüter bewegen sich in vielen Situationen eher weg vom Stürmer, um mehr Zeit für ihre Aktionen zu haben. Aus Freiburg war Andreas Steiert, der Leiter des dortigen Nachwuchsleistungszentrums gekommen, um seine Erfolgsgeheimnisse vorzustellen. Durch eine besondere Enge entstehe hier eine große menschliche Nähe, die vielen Jugendlichen durch die oftmals schweren Jahre ihrer Ausbildung helfe.

          Auch in Diskussionsrunden mit ehemaligen Profitrainern wie Stefan Ruthenbeck (1. FC Köln), Hannes Drews (Erzgebirge Aue), Ismail Atalan (VfL Bochum), mit Scouts wie Johannes Spors (ehemals Leipzig, heute Hamburger SV) oder Timon Pauls (Bayern München, Nachwuchs) wurde klar, dass der Umgang mit Gefühlen, mit Nähe und Distanz, mit menschlichen Stärken und Schwächen hinter all den technisch-taktisch-strategischen Faktoren der Hauptindikator für Erfolge ist. Trotz Laptops, Computerprogrammen und der mitunter praxisfremd erscheinenden Arbeit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

          Die tiefsten Einblicke in dieses sensible Feld der Fußballarbeit gab Manuel Baum, der 2016 vom Cheftrainer im Augsburger Nachwuchsleistungszentrum zu den Profis befördert wurde. Zwar begreife auch er sich irgendwie als „Laptoptrainer“, weil er viele der modernen technischen Möglichkeiten nutze, auch er war nie selbst Profi, auch er ist in der Lage, in einem Spiel fünfmal das System umzustellen. Aber solchen Phänomenen, die mit einer anderen Art, über Fußball zu sprechen, korrespondieren, werde viel zu viel Bedeutung beigemessen. Baum selbst hat sogar zum vielfach gepriesenen Ideal einer klaren Spielidee „im Laufe der Zeit eine andere Einstellung gewonnen“, berichtete er. Natürlich habe der FC Augsburg einen Plan, aber man dürfe dem Team keine zu engen Vorgaben machen und müsse auch „die Intuition der Spieler nutzen“.

          Warum hast du solche Augenringe?

          Wirklich entscheidend ist für den 39-Jährigen, „Dinge extrem zu Ende zu denken“, auf allen Ebenen: taktisch, planerisch, zwischenmenschlich, konzeptionell, kurzfristig, langfristig und kommunikationstechnisch. „90 bis 100 Stunden die Woche“, benötigt Baum, um diesem Anspruch gerecht zu werden, und immer wieder landete er in seinen Berichten bei den Menschen, ihren Gefühlen, Gedanken, Problemen, charakterlichen und kulturellen Unterschieden.

          Man dürfe zwar keine allzu große Nähe zu den Spielern aufbauen, „sonst werden die Entscheidungen schwerer“, erzählte er, zugleich müsse man die Spieler aber sehr genau kennen. Wenn er eine taktisch anspruchsvolle Trainingseinheit plant, dann nimmt er Spieler, die solche Übungen nicht so gerne machen, schon vorab beiseite, um sie zu motivieren und von den Inhalten zu überzeugen. Wenn einer müde aussehe, frage er sofort: Warum hast du solche Augenringe, haben die Kinder wieder geschrien? Eine Stunde lang fesselte Baum das Auditorium mit einer Fülle solcher Anekdötchen, aus denen sich ein hochkomplexes Berufsbild zusammenfügte, das für die Öffentlichkeit in diesem Detailreichtum meist unsichtbar bleibt.

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