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Fußball-Kommentar : Zeichen der Hilflosigkeit

Der Stein des Anstoßes: Der Dynamo-Block beim Spiel in Dortmund Bild: dapd

Das Urteil des DFB-Sportgerichts im Fall von Dynamo Dresden ist ein Zeichen an alle anderen Klubs und ihre Anhänger. Macht es den deutschen Fußball auch sicherer?

          Der oberste DFB-Sportrichter hat ein im deutschen Fußball einmalig hartes Urteil gesprochen und Dynamo Dresden aus dem kommenden Pokalwettbewerb ausgeschlossen. In seiner Urteilserläuterung erinnerte Hans E. Lorenz dabei an die düstersten Stunden des europäischen Fußballs, an die Katastrophe von Heysel, bei der 39 Menschen nach Krawallen starben und über 300 verletzt wurden.

          Nach dieser Tragödie wurden alle englischen Klubs für fünf Jahre von der europäischen Bühne verbannt, der FC Liverpool musste noch zwei Spielzeiten länger büßen. Nach diesem Urteil habe der englische Fußball sein Problem in den Griff bekommen, sagte der DFB-Richter. Er fügte an: „Tote gab es in unseren Stadien nach Fanausschreitungen noch keine. Wenn es aber so weitergeht, ist es eine Frage der Zeit, wann wir den ersten Toten zu beklagen haben.“

          Das DFB-Sportgericht hat im Dresdner Fall ein Signal gesetzt, das ausdrücklich über den Anlass der Verhandlung, die Ausschreitungen beim Pokalspiel in Dortmund, hinaus wirken soll. Es war nicht nur ein Urteil über Dynamo Dresden, sondern auch ein Zeichen an alle anderen Klubs und ihre Anhänger. Aber das Urteil wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt.

          Die Grenzen der Sportgerichtsbarkeit

          Ist die Lage in den familienfreundlichen und bestens besuchten deutschen Stadien nun so dramatisch, dass vor dem DFB-Sportgericht künftig nur noch härteste Sanktionen gegen die Vereine als passende Antwort des Verbandes auf ein Gewaltphänomen erscheinen, das den Fußball seit Jahrzehnten begleitet? Das Sportgericht droht damit auch seinen eigenen Spielraum mit Blick auf Sorgenklubs wie Eintracht Frankfurt oder Hansa Rostock einzuengen. Wie sollen die Strafen erst ausfallen, wenn die Gewalt noch zunimmt?

          Da das Urteil ausdrücklich mit präventivem Impetus erging, wird man es auch daran messen, ob der Dresdner Pokalausschluss den deutschen Fußball wirklich sicherer macht. Oder wollte das Sportgericht mit seinem Hinweis auf mögliche Tote und verbunden mit einer harten Haltung nur möglicher Kritik vorbeugen, nicht entschieden genug reagiert zu haben, falls es tatsächlich zum Äußersten kommt?

          Die Bühne ist nicht das Problem

          Das harte Urteil ist nicht zuletzt Ausdruck von Hilflosigkeit. Der Dresdner Fall hat die Sportgerichtsbarkeit in einer mehr als fünfstündigen Verhandlung an ihre Grenzen geführt. In Dortmund hatte nach eigener Aussage selbst die Polizei vor den Gewalttätern kapituliert. Wie soll ein Verein damit alleine fertig werden, wie sollen da noch Selbstreinigungskräfte innerhalb der Fanszene wirken? Die Fortschritte bei der Fanarbeit von Dynamo wurden vor dem DFB-Gericht ausdrücklich anerkannt, im Ligabetrieb ist es trotz erheblicher Befürchtungen vor allem bei den Ostderbys viel ruhiger geblieben als befürchtet.

          Aber es gibt, nicht nur in Dresden, gewaltbereite Anhänger, die mit klassischer Fanarbeit nicht zu erreichen sind. Es besteht kein Zweifel, dass Gewalttäter den Fußball als Bühne missbrauchen, wie Richter Lorenz feststellte. Aber man muss sich jenseits der Sportgerichtsbarkeit auch fragen: Was passiert eigentlich, wenn es diese Bühne für Gewalttäter nicht mehr gibt? Denn die Bühne, auf der Dresden nun nicht mehr spielen darf, ist nicht das Problem.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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