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Fußball-Kommentar : Torjubel am Tiefpunkt

Zweifelhaftes Vorbild: Tim Cahill war erster „Handschellenjubler” Bild: AP

Respekt sollte nicht nur im Fußball selbstverständlich sein. Immer klappt das nicht, wie der „Handschellenjubel“ zeigt. Der Torschütze bekundete damit taktlos Solidarität mit einem inhaftierten Kollegen. Der hatte den Tod zweier Jungen verursacht.

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          Respekt, so lautete das offizielle Motto der Fußball-EM im Juni. Es wurde mit Leben erfüllt. Der Respekt vor Gegnern, Zuschauern, Schiedsrichtern, vor dem Spiel und dessen Schönheit zeugte von einem neuen, guten Geist in Europas Fußball-Elite. In den Niederungen des Liga-Alltags sieht die Sache etwas anders aus. Derzeit, wie fast immer nach einem runden Drittel der Saison, wenn sich bei den ersten Teams und Trainern die Erwartungen nicht erfüllen, geht der Respekt verloren, vor allem gegenüber den Schiedsrichtern, wie die letzten Bundesliga-Wochenenden zeigten.

          Aber auch im Spiel selbst gibt es neue und häufig versteckte Formen der Respektlosigkeit, selbst dort, wo scheinbar gerade Fairness vorgeführt wird. Das ungeschriebene Gesetz etwa, den Ball ins Aus zu schlagen, wenn ein Spieler verletzt am Boden liegt, wird gern klammheimlich missbraucht.

          David Norris feierte sein Tor auf ganz eigene Weise

          Von Spielern, die eine Verletzung nur vortäuschen, um nach Ballverlust einen schnellen Konter zu verhindern; von Spielern, die andere verletzen und ihnen dann vorwerfen, sie simulierten nur; und von denen, die den vom Gegner ins Aus gespielten Ball nach Behandlung ihres Mannes zwar zurückgeben, dies aber zu ihrem taktischen Vorteil tun, ihn also etwa ins Aus nahe der Eckfahne schlagen, um dort ein Pressing beim gegnerischen Einwurf zu beginnen. Im Champions-League-Finale eskalierte der Zorn darüber zu einem Platzverweis für Chelsea-Torjäger Drogba.

          Die definitive Respektlosigkeit aber ist die vor den Opfern. Am Samstag gedachte man in englischen Stadien mit einer Schweigeminute der Toten des Ersten Weltkrieges, der vor 90 Jahren endete. Nur an einem Ort war man nicht ganz so taktvoll. In der Zweitligapartie in Blackpool schoss David Norris von Ipswich Town das 1:0-Siegtor. Er feierte es auf ganz eigene Weise: Er hielt die Hände nach vorn, als lege ihm ein Polizist Handschellen an.

          Taktlose Solidaritätsbekundung beim Torjubel

          Norris hat diese Form des Jubels nicht erfunden, das tat Tim Cahill vom FC Everton, der in der letzten Saison damit seinen Bruder grüßte. Der sitzt für sechs Jahre hinter Gittern, weil er einen Menschen halbtot schlug. Norris aber hat die fragwürdige Sitte des inszenierten Torjubels (und damit der tumben Selbstdarstellung) auf einen neuen Tiefpunkt geführt. Sein „Handschellenjubel“ galt dem früheren Mitspieler Luke McCormick, der nach Besuch der Hochzeitsfeier von Norris im Juni volltrunken am Steuer eingeschlafen war. Er verursachte den Tod zweier Jungen. Er erhielt sieben Jahre Haft.

          Die taktlose Solidaritätsbekundung hat die Mutter der beiden Kinder so aufgebracht, dass sie den Klub auffordert, den Spieler zu sperren. Der Klub hat das abgelehnt. Der Spieler wird ja noch gebraucht. Norris spricht von einem „Missverständnis“. Dabei ist er es, der nichts verstanden hat, von dem, was einem Sportler nicht nur gegenüber der Stärke des Gegners abverlangt wird: Respekt.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

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